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Justizze. Art. 25a VwVG

Bundesgericht

KlimaSeniorinnen verlangen staatliche Klimaschutzmassnahmen zur Erfüllung des Pariser Klimaübereinkommens: Kein Individualrechtsschutz nach Art. 25a VwVG, Nichteintreten wegen fehlenden Berührtseins in eigenen Rechten

BGE / ATF / DTF
BGE 146 I 145 · ATF 146 I 145 · DTF 146 I 145
Datum
01.01.2020
Geschäftsnummer
BGE 146 I 145
Abteilung
CH_BGE_001
Ausgang
Nichteintreten

Tragende Normen

Art. 6 EMRK Art. 25a VwVG

Zusammenfassung

Der Verein KlimaSeniorinnen Schweiz sowie vier Frauen im Alter von 76 bis 87 Jahren reichten ein Gesuch um Erlass einer Verfügung über Realakte an Bundesbehörden ein, um diese zur Durchführung konkreter Klimaschutzmassnahmen zu verpflichten, darunter die Korrektur des CO2-Reduktionsziels, die Einführung einer CO2-Abgabe auf Treibstoffe und die Förderung der Elektromobilität. Sie beriefen sich auf ihr Recht auf Leben und auf Achtung des Privat- und Familienlebens sowie auf die Schutzpflichten des Staates aus dem Pariser Klimaübereinkommen. Die zuständigen Behörden traten auf das Gesuch nicht ein; das Bundesverwaltungsgericht wies die dagegen erhobene Beschwerde ab. Das Bundesgericht musste entscheiden, ob das Gesuch zulässig ist.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab und tritt nicht in die Sache ein. Es stellt fest, dass die Beschwerdeführerinnen – wie die übrige Bevölkerung – durch die gerügten staatlichen Unterlassungen nicht mit hinreichender Intensität in ihren Grundrechten betroffen sind. Ihre Altersgruppe (über 75 Jahre) ist zwar wissenschaftlich als besonders verletzlich gegenüber Hitzewellen identifiziert, doch wird das Recht auf Leben nach Art. 10 Abs. 1 BV und Art. 2 EMRK durch die aktuellen Unterlassungen im heutigen Zeitpunkt nicht in einem Ausmass bedroht, das ein Berührtsein in eigenen Rechten im Sinne von Art. 25a VwVG begründet. Auch das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens nach Art. 8 EMRK und Art. 13 Abs. 1 BV ist nicht mit der erforderlichen Intensität berührt. Die geforderten Massnahmen zielen nicht auf individuellen Rechtsschutz, sondern auf eine abstrakte Überprüfung und Verschärfung der bundesweiten Klimapolitik – ein Anliegen, das nach schweizerischem Verfassungsrecht grundsätzlich über demokratische Mitwirkungsmöglichkeiten wie Volksinitiative (Art. 138 f. BV), Petitionsrecht (Art. 33 BV) oder parlamentarisches Initiativrecht (Art. 160 BV) geltend gemacht werden muss. Der Anspruch auf materielle Behandlung des Gesuchs ist zudem nach Art. 6 Ziff. 1 EMRK unzulässig, weil die Rechtsauffassung, dass ein subjektiver innerstaatlicher Anspruch auf staatliche Klimaschutzmassnahmen besteht, nicht einmal vertretbar ("arguable") ist. Die Vorinstanz hat den Nichteintretensentscheid des Departements daher zu Recht bestätigt. Das Bundesgericht stützt seine Entscheidung auf Art. 25a VwVG als zentrale Norm für den Individualrechtsschutz gegen Verwaltungsrealakte sowie auf Art. 6 Ziff. 1 EMRK für den europäischen Menschenrechtsschutz. Die Entscheidung ist bemerkenswert als erste umfassende Klärung der Zulässigkeitsgrenzen von Klimaklagen vor dem Bundesgericht und unterstreicht die strikte Trennung zwischen politischer Willensbildung und justiziabler Rechtsdurchsetzung im schweizerischen Rechtssystem.

Regeste

Art. 25a VwVG; Art. 6 Ziff. 1 EMRK; Gesuch um Erlass einer Verfügung über Realakte im Zusammenhang mit dem Klimaschutz; Zulässigkeit des Nichteintretens der Gesuchsadressaten. Der Begriff der Handlungen im Sinne von Art. 25a VwVG ist weit auszulegen und umfasst neben individuell-konkreten Realakten grundsätzlich auch generell-abstrakte (E. 4.2). Über den Gesetzeswortlaut hinaus kann auch behördliches Unterlassen gerügt werden (E. 4.1). Trotz des weiten Begriffsverständnisses kann sich die Frage stellen, ob - wie im vorliegenden Fall - gestützt auf Art. 25a VwVG eine Reihe von staatlichen Massnahmen zu einer bestimmten Problematik gefordert werden kann. Anträge auf eine bestimmte Gestaltung aktueller Politikbereiche sind nach dem schweizerischen Verfassungsrecht grundsätzlich auf dem Weg der demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten einzubringen (E. 4.3). Das Berührtsein in Rechten gemäss Art. 25a VwVG setzt voraus, dass die gesuchstellende Person mit einer gewissen Intensität in der persönlichen Rechtssphäre betroffen ist (E. 4.1 und 4.4). Die Beschwerdeführerinnen sind - wie die restliche Bevölkerung auch - durch die gerügten Unterlassungen nicht mit hinreichender Intensität in den angerufenen (Grund-)Rechten betroffen. Ihr Begehren ist als Popularbeschwerde zu beurteilen und nach Art. 25a VwVG, der einzig den Individualrechtsschutz gewährleistet, unzulässig (E. 5). Gemäss Art. 6 Ziff. 1 EMRK muss die Rechtsauffassung, dass der strittige Anspruch nach innerstaatlichem Recht besteht, zumindest vertretbar ("arguable") sein (E. 6.1). Dies ist vorliegend nicht der Fall (E. 6.2). Regeste Art. 25a PA; art. 6 par. 1 CEDH; demande de décision sur des actes matériels en lien avec la protection du climat; confirmation de la non-entrée en matière sur la demande. La notion d'actes au sens de l'art. 25a PA doit être interprétée au sens large et comprend les actes réels non seulement individuels et concrets, mais aussi généraux et abstraits (consid. 4.2). Au-delà de la formulation de la loi, les omissions des autorités peuvent aussi être contestées (consid. 4.1). Malgré l'acception large de ce terme, la question peut se poser de savoir si - comme en l'espèce - une série de mesures étatiques peut être exigée sur une question spécifique sur la base de l'art. 25a PA. Selon le droit constitutionnel suisse, les demandes visant à donner une forme spécifique à des domaines politiques actuels se font en principe par le biais des instruments démocratiques (consid. 4.3). L'existence de droits en vertu de l'art. 25a PA présuppose que la personne qui fait la demande est affectée dans une certaine mesure dans sa sphère juridique personnelle (consid. 4.1 et 4.4). Les recourantes - comme le reste de la population - ne sont pas touchées avec l'intensité requise dans les droits (fondamentaux) invoqués par les omissions reprochées. Leur demande doit être qualifiée d'action populaire et est irrecevable en vertu de l'art. 25a PA, qui ne garantit que la protection des droits individuels (consid. 5). Selon l'art. 6 par. 1 CEDH, l'avis juridique selon lequel le droit contesté existe en droit interne doit au moins être justifiable ("arguable") (consid. 6.1). Tel n'est pas le cas en l'espèce (consid. 6.2). Regesto Art. 25a PA; art. 6 n. 1 CEDU; richiesta di emanare una decisione circa atti reali in relazione alla protezione del clima; ammissibilità della non entrata nel merito sulla domanda. La nozione di atti materiali ai sensi dell'art. 25a PA dev'essere interpretata in modo estensivo e comprende, oltre agli atti reali individuali e concreti, di massima anche quelli generali e astratti (consid. 4.2). Al di là del tenore del testo legale, possono essere censurate anche omissioni delle autorità (consid. 4.1). Nonostante l'accezione ampia del termine, può porsi la domanda di sapere se - come nel caso in esame - sulla base dell'art. 25a PA possa essere pretesa una serie di provvedimenti statali relativi a una determinata problematica. Secondo il diritto costituzionale svizzero, domande volte a dare un'impostazione specifica a settori politici attuali sono da presentare, in linea di principio, nel quadro delle possibilità di partecipazione democratica (consid. 4.3). L'essere toccato nei diritti di cui all'art. 25a PA presuppone che la persona che inoltra la domanda sia lesa con una certa intensità nella sua sfera giuridica personale (consid. 4.1 e 4.4). Le ricorrenti - come anche il resto della popolazione - non sono toccate negli invocati diritti (fondamentali) dalle criticate omissioni con un'intensità sufficiente. La loro richiesta dev'essere qualificata d'azione popolare ed è inammissibile ai sensi dell'art. 25a PA, che garantisce soltanto la tutela di diritti individuali (consid. 5). Secondo l'art. 6 n. 1 CEDU, la concezione giuridica secondo cui il diritto litigioso esiste nel diritto interno dev'essere perlomeno sostenibile ("arguable") (consid. 6.1). Ciò non è il caso in concreto (consid. 6.2).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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