Tochtergesellschaften klagen negativ gegen Grosshändler: Zuständigkeit des Berner Handelsgerichts bejaht, da strategischer Entscheid im Konzernzentrum Biel getroffen wurde (Art. 5 Ziff. 3 LugÜ)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 145 III 303 · ATF 145 III 303 · DTF 145 III 303
- Datum
- 21.05.2019
- Geschäftsnummer
- BGE 145 III 303
- Abteilung
- CH_BGE_005
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Mehrere Gesellschaften eines Konzerns reichten beim Handelsgericht des Kantons Bern eine negative Feststellungsklage gegen einen britischen Grosshändler ein, um feststellen zu lassen, dass sie keine Verpflichtung zur Belieferung mit Uhrenersatzteilen bestand. Der Grosshändler hatte zuvor mit einer Fristsetzung gedroht, vor dem High Court of Justice in London Klage wegen Kartellrechtsverstosses zu erheben. Das Handelsgericht trat nur in Bezug auf die Muttergesellschaft auf die Klage ein, verneinte aber die Zuständigkeit für die beiden Tochtergesellschaften mit Sitz in der Schweiz und in Grossbritannien. Diese und der Grosshändler erhoben Beschwerde ans Bundesgericht. Streitig war insbesondere, ob der Handlungsort nach Art. 5 Ziff. 3 LugÜ für alle Klägerinnen in Biel gegeben war und ob die negative Feststellungsklage dort zulässig ist.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Beklagten ab und hiess die Beschwerde der beiden Tochtergesellschaften gut: Es trat in Bezug auf alle drei Klägerinnen auf die negative Feststellungsklage ein und verwies die Sache zur Entscheidung in der Sache an das Handelsgericht zurück.
Das Gericht stellte klar, dass bei Vorliegen eines Handlungs- oder Erfolgsorts nach Art. 5 Ziff. 3 LugÜ keine zusätzliche Prüfung der Sach- und Beweisnähe im Einzelfall erforderlich ist – dies stellt eine Änderung der bisherigen Rechtsprechung dar. Ferner präzisierte es, dass der negative Feststellungskläger sich ebenso wie der Leistungskläger auf die Wahlgerichtsstände nach Art. 5 Ziff. 3 LugÜ berufen kann, unabhängig davon, ob eine spiegelbildliche Leistungsklage am selben Gericht möglich wäre. Für die Bestimmung des Handlungsorts bei einem angeblichen Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung durch einen Konzern ist nicht der Ort der bloßen Umsetzungshandlungen maßgeblich, sondern das Ereignis mit besonderer Bedeutung für die Umsetzung der gemeinsamen Strategie. Dies ist hier der Beschluss der Erweiterten Konzernleitung in Biel zur Einführung des selektiven Vertriebssystems. Da dieser strategische Entscheid für das gesamte Konzernverhalten zentral war und die Tochtergesellschaften als integraler Teil der Gruppenstrategie handelten, ist Biel auch für sie Handlungsort im Sinne von Art. 5 Ziff. 3 LugÜ. Damit ist das Handelsgericht des Kantons Bern sowohl international als auch örtlich zuständig.
Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die Rechtsprechung zum Deliktsgerichtsstand bei negativen Feststellungsklagen grundlegend präzisiert und den Anwendungsbereich von Art. 5 Ziff. 3 LugÜ im Konzernkontext klärt, insbesondere hinsichtlich der Zurechnung von Handlungen innerhalb einer Unternehmensgruppe.
Regeste
Art. 5 Ziff. 3 des Lugano-Übereinkommens (LugÜ). Internationale und örtliche Zuständigkeit bei negativer Feststellungsklage; Handlungsort bei kartellrechtlichen Ansprüchen aufgrund der Einführung und Umsetzung eines selektiven Vertriebssystems in einem Konzern. Ist ein Gerichtsstand aufgrund des Handlungs- oder Erfolgsorts identifiziert, bleibt kein Raum für eine einzelfallbezogene Prüfung der Sach- und Beweisnähe (Änderung der Rechtsprechung; E. 4.1). Der negative Feststellungskläger kann sich ebenso auf die Wahlgerichtsstände gemäss Art. 5 Ziff. 3 LugÜ berufen wie der Leistungskläger unabhängig davon, ob eine spiegelbildliche Leistungsklage gestützt auf Art. 5 Ziff. 3 LugÜ am angerufenen Gericht ebenfalls möglich wäre (Präzisierung der Rechtsprechung; E. 4.2). Bilden bei der missbräuchlichen Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung die zur praktischen Umsetzung nötigen Handlungen Teil einer gemeinsamen Strategie, ist zur Bestimmung des Handlungsorts i.S.v. Art. 5 Ziff. 3 LugÜ das Ereignis zu ermitteln, dem eine besonders grosse Bedeutung zukommt. Anwendung im konkreten Fall (E. 7). Regeste Art. 5 par. 3 de la Convention de Lugano (CL). Compétence internationale et locale pour connaître d'une action en constatation de droit négative; lieu de commission de l'acte lorsque sont en cause des prétentions du droit des cartels liées à l'introduction et la mise en oeuvre d'un système de distribution sélective dans un groupe de sociétés. Si un for est donné au lieu de l'acte ou au lieu du résultat, il n'y a pas de place pour un examen, dans le cas particulier, du lien de proximité du tribunal pour recueillir les preuves et se prononcer sur les faits de la cause (changement de jurisprudence; consid. 4.1). Le demandeur à l'action en constatation de droit négative peut opter entre les fors déduits de l'art. 5 par. 3 CL de la même manière que le demandeur à l'action condamnatoire, indépendamment du point de savoir si une action condamnatoire correspondante serait également possible devant le tribunal saisi sur la base de l'art. 5 par. 3 CL (précision de jurisprudence; consid. 4.2). Si, dans le cadre de l'exploitation abusive d'une position dominante, les actes nécessaires à la mise en oeuvre pratique font partie d'une stratégie commune, il convient, pour déterminer le lieu de l'acte au sens de l'art. 5 par. 3 CL, de rechercher l'événement qui revêt une signification particulièrement importante. Application au cas d'espèce (consid. 7). Regesto Art. 5 par. 3 della Convenzione di Lugano (CLug). Competenza internazionale e locale per giudicare un'azione di accertamento negativo; luogo dell'atto in caso di pretese fondate sul diritto dei cartelli in seguito all'introduzione e all'attuazione di un sistema di distribuzione selettivo in un gruppo di imprese. Se un foro è stato identificato in base al luogo dell'atto o del risultato non resta spazio per un esame caso per caso della prossimità alla causa da giudicare e alle prove da assumere (cambiamento della giurisprudenza; consid. 4.1). L'attore di un'azione di accertamento negativo può scegliere come l'attore di un'azione condannatoria fra i fori dell'art. 5 par. 3 CLug indipendentemente dal fatto di sapere se una speculare azione condannatoria sarebbe ugualmente possibile sulla base di tale norma al tribunale adito (precisazione della giurisprudenza; consid. 4.2). Se gli atti necessari all'attuazione pratica di uno sfruttamento abusivo di una posizione dominante sul mercato sono parte di una strategia comune, per determinare il luogo dell'atto nel senso dell'art. 5 par. 3 CLug occorre individuare l'avvenimento che ha un'importanza particolarmente grande. Applicazione nel caso concreto (consid. 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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