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Justizze. Art. 679a ZGB

Bundesgericht

Autobahnraststätte leidet unter Strassenbau: Übermässige Immissionen bejaht, Entschädigungspflicht festgestellt, Sache zur Bemessung zurückgewiesen (Art. 679a ZGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 145 II 282 · ATF 145 II 282 · DTF 145 II 282
Datum
23.04.2019
Geschäftsnummer
1C_485/2017
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 71 BGG Art. 82 BGG Art. 89 BGG Art. 95 BGG Art. 105 BGG Art. 24 BZP Art. 87 EntG Art. 7 NSG Art. 8 NSG Art. 39 NSG Art. 40a NSG Art. 50 NSG Art. 62a NSG Art. 2 NSV Art. 4 NSV Art. 6 NSV Art. 18 OR Art. 15 SSV Art. 679 ZGB Art. 679a ZGB Art. 684 ZGB

Zusammenfassung

Die E.________ AG betreibt als Inhaberin eines selbständigen und dauernden Baurechts die Autobahnraststätte Gunzgen Nord an der Nationalstrasse A1/A2. Im Rahmen des Ausbaus der Nationalstrasse auf sechs Fahrstreifen zwischen Härkingen und Wiggertal kam es von 2011 bis 2014 zu umfangreichen Bauarbeiten. Diese umfassten Lärm-, Staub- und Erschütterungsimmissionen sowie zeitweise erhebliche Erschwernisse der Zufahrt zur Raststätte, einschliesslich einer zweimonatigen vollständigen Sperrung. Die Betreiberin verlangte eine Feststellung der grundsätzlichen Entschädigungspflicht aus Enteignungsrecht wegen übermässiger Einwirkungen während der Bauzeit. Das Bundesamt für Strassen verneinte dies und verwies auf das normale Betriebsrisiko sowie vertragliche Regelungen im Baurechtsvertrag. Das Bundesverwaltungsgericht wies die Beschwerde ab. Dagegen führt die E.________ AG Beschwerde ans Bundesgericht.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut und stellt fest, dass eine grundsätzliche Entschädigungspflicht aus Enteignungsrecht besteht. Die Sache wird zur Bemessung der Entschädigung und zur Klärung der Passivlegitimation an die Eidgenössische Schätzungskommission zurückgewiesen.

Die Beeinträchtigungen durch die Bauarbeiten waren übermässig. Zwar sind Raststättenbetreiber an gewisse Störungen gewöhnt, doch dauerten die erheblichen Zufahrtserschwernisse hier über zwei Jahre an. Besonders gravierend war die zweimonatige Totalsperrung der Zufahrt im Jahr 2014. Auch in anderen Phasen wirkte die Zufahrt durch Baustellenbereiche hindurch abschreckend auf ortsfremde Durchgangskunden. Der Umsatz sank in den Jahren 2012 bis 2014 kumuliert um rund 35 % gegenüber 2010 und erholte sich erst nach Abschluss der Arbeiten wieder. Dies übersteigt das normale Betriebsrisiko einer Raststätte deutlich. Gemäss Art. 679a ZGB i.V.m. Art. 679, 684 ZGB liegt somit eine entschädigungspflichtige übermässige Immission vor.

Ein Ausschluss der Entschädigungspflicht durch den Baurechtsvertrag wurde verneint. Nach Art. 18 Abs. 1 OR ist davon auszugehen, dass die Parteien bei einer zweimonatigen Sperrung, die den Rahmen einer "vorübergehenden" Unterbrechung sprengt, keine stillschweigende Wegbedingung vereinbaren wollten. Vielmehr greift hier die gesetzliche Regelung.

Hinsichtlich der Passivlegitimation ist die Frage noch spruchreif. Zwar trat das Bundesamt für Strassen aufgrund einer Prozessabrede als Enteigner auf, doch wäre gemäss Art. 62a Abs. 7 NSG i.V.m. Art. 56 Abs. 6 NSV eigentlich der Kanton Solothurn zuständig gewesen. Eine formelle Übertragung des Enteignungsrechts gemäss Art. 3 Abs. 3 EntG fehlt. Die Schätzungskommission muss daher zuerst klären, ob der Bund oder der Kanton passivlegitimiert ist.

Die Rüge betreffend die Höhe der Parteientschädigung vor dem Bundesverwaltungsgericht wird abgewiesen. Das Bundesverwaltungsgericht durfte die Entschädigung mangels eingereichter Kostennote pauschal schätzen. Sein Ermessen wurde nicht überschritten, da Synergieeffekte mit einem Parallelverfahren bestanden und der Aufwand für die Replik begrenzt war. Massgebend waren Art. 10, 14 VGKE.

Regeste

Art. 7 und 39 NSG; Art. 5 EntG; Art. 679a und 684 ZGB; Enteignung von Nachbarrechten, Entschädigung für vorübergehende Beeinträchtigungen durch Bauarbeiten. Enteignung des nachbarrechtlichen Abwehranspruchs bei vorübergehender übermässiger Störung infolge von Bauarbeiten für ein öffentliches Werk; analoge Anwendbarkeit der zivilrechtlichen Rechtsprechung und Unmassgeblichkeit der enteignungsrechtlichen Voraussetzungen, die bei übermässigen Betriebsimmissionen gelten (E. 4). Zivil- und enteignungsrechtliche Rechtsprechung zur Entschädigung von vorübergehenden Umsatzeinbussen aus Bauarbeiten auf Nachbargrundstücken (E. 4.4-4.6; Zusammenfassung der Praxis). Auswirkungen einer Nationalstrassenbaustelle auf die dort befindliche Raststätte; Pflicht zur Prüfung des Gewichts von temporären Sperrungen und Behinderungen der Zufahrt zur Raststätte sowie von Bauimmissionen (E. 6.1 und 6.2). Ausgleich der baustellenbedingten Nachteile durch die mit dem Strassenausbau bewirkten Verbesserungen (E. 6.3 und 6.4)? Grundsätzliche Entschädigungspflicht für Umsatzeinbussen bei der Raststätte wegen Übermässigkeit der Beeinträchtigung aus den Strassenarbeiten im konkreten Fall bejaht (E. 7). Regeste Art. 7 et 39 LRN; art. 5 LEx; art. 679a et 684 CC; expropriation des droits du voisinage, indemnisation pour des nuisances temporaires liées à des travaux de construction. Expropriation des droits du voisinage en cas de nuisances excessives temporaires provenant de travaux réalisés sur un ouvrage public; application par analogie de la jurisprudence de droit civil et non-pertinence des conditions du droit public de l'expropriation qui valent lors d'immissions excessives liées à une exploitation (consid. 4). Jurisprudence de droit civil et de droit public d'expropriation sur le dédommagement de pertes temporaires de chiffres d'affaires en lien avec des travaux sur des parcelles voisines (consid. 4.4-4.6; résumé de la pratique). Répercussions d'un chantier de route nationale sur un relais autoroutier qui se trouve à cet endroit; devoir d'examiner les effets des interdictions et des entraves temporaires à l'accès au relais autoroutier ainsi que des immissions liées aux travaux de construction (consid. 6.1 et 6.2). Compensation des désavantages liés au chantier par les améliorations découlant de l'aménagement de la route (consid. 6.3 et 6.4)? En l'espèce, admission du devoir de principe d'indemniser le relais autoroutier pour les pertes de chiffre d'affaires liées aux nuisances excessives provenant des travaux sur la route (consid. 7). Regesto Art. 7 e 39 LSN; art. 5 LEspr; art. 679a e 684 CC; espropriazione di diritti di vicinato, indennità per pregiudizi temporanei derivanti da lavori di costruzione. Espropriazione dei diritti di vicinato in caso di pregiudizi eccessivi temporanei provocati dai lavori di costruzione di un'opera pubblica; applicazione per analogia della giurisprudenza di diritto civile e irrilevanza dei presupposti del diritto espropriativo valevoli nell'ambito delle immissioni eccessive provocate dall'esercizio dell'impianto (consid. 4). Giurisprudenza di diritto civile e di diritto espropriativo riguardante l'indennità per perdite temporanee della cifra d'affari derivanti da lavori di costruzione su fondi vicini (consid. 4.4-4.6; riassunto della prassi). Effetti del cantiere di una strada nazionale sull'area di servizio lì ubicata; obbligo di esaminare l'incidenza delle chiusure e degli impedimenti temporanei dell'accesso all'area di servizio nonché delle immissioni connesse ai lavori di costruzione (consid. 6.1 e 6.2). Compensazione degli svantaggi dovuti al cantiere con i vantaggi determinati dall'ampliamento dell'autostrada (consid. 6.3 e 6.4)? In concreto è stato ammesso l'obbligo di principio d'indennizzo per le perdite della cifra d'affari dell'area di servizio a causa degli inconvenienti eccessivi provocati dai lavori di costruzione stradali (consid. 7).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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