Bundesverwaltungsgericht verzögert Dublin-Verfahren über 23 Monate nach Urteilsentwurf: strukturelles organisatorisches Problem bei asylrechtlicher Beschwerde (Art. 109 AsylG, Art. 1 Abs. 2 BGG, Art. 29 Abs. 1 BV, Art. 14 Abs. 2 ZASAR)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 II 486 · ATF 144 II 486 · DTF 144 II 486
- Datum
- 26.06.2018
- Geschäftsnummer
- BGE 144 II 486
- Abteilung
- CH_BGE_004
Tragende Normen
Zusammenfassung
A.A. und ihr Sohn B.A., irakische Staatsbürger, reichten am 8. Juli 2015 beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen eine Wegweisungsverfügung des Staatssekretariats für Migration ein. Das Bundesverwaltungsgericht erteilte der Beschwerde aufschiebende Wirkung, doch dauerte das Verfahren insgesamt über zwei Jahre und sieben Monate. Die Beschwerdeführer beanstandeten wiederholt die Verfahrensdauer; am 22. September 2017 reichten sie beim Bundesgericht eine Rechtsverzögerungsbeschwerde ein. Die Zweite öffentlich-rechtliche Abteilung des Bundesgerichts überwies die Eingabe an die Verwaltungskommission als administrative Aufsichtsbehörde über das Bundesverwaltungsgericht. Das Bundesverwaltungsgericht stellte am 28. Februar 2018 schliesslich ein Urteil im Sinne der Beschwerdeführer aus, das die angefochtene Verfügung aufhob und die Sache an die Vorinstanz zurückwies. Die Verwaltungskommission prüfte nun, ob die lange Verfahrensdauer auf strukturelle Mängel hinweist.
Die Verwaltungskommission des Bundesgerichts stellte fest, dass das Bundesverwaltungsgericht bei der Bearbeitung der asylrechtlichen Beschwerde D-4248/2015 ein strukturelles organisatorisches Problem aufgewiesen hat. Nach Abschluss des Instruktionsverfahrens am 11. März 2016 und Erstellung des ersten Urteilsentwurfs am 22. März 2016 vergingen 23 Monate bis zur endgültigen Entscheidung vom 28. Februar 2018. Diese Dauer ist angesichts der gesetzlichen Behandlungsfrist nach Art. 109 AsylG nicht mehr angemessen und stellt ein strukturelles Problem organisatorischer Natur dar, das die Aufsichtskompetenz des Bundesgerichts nach Art. 1 Abs. 2 BGG auslöst. Die Verwaltungskommission berief sich zudem auf Art. 29 Abs. 1 BV, der den Erlass eines Entscheids innerhalb einer angemessenen Frist garantiert, sowie auf Art. 14 Abs. 2 ZASAR, dessen Fristvorgaben für Zirkulationsverfahren im vorliegenden Fall wiederholt nicht eingehalten wurden. Es fehlten konkrete interne Regeln, wie bei Verfahren mit kurzen gesetzlichen Fristen rasch entschieden werden kann – etwa durch Sitzungen statt sequentieller Zirkulationen. Die Verwaltungskommission forderte daher das Bundesverwaltungsgericht auf, geeignete Mechanismen für eine rasche Entscheidfindung zu entwickeln. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die Grenzen der administrativen Aufsicht präzisiert: Ein Eingreifen erfolgt nur bei strukturellen, nicht bei einzelnen Verzögerungen, und zwar unabhängig davon, ob das Verfahren inzwischen abgeschlossen ist.
Regeste
Administrative Aufsicht des Bundesgerichts (Art. 1 Abs. 2 BGG); Aufsichtskompetenz, Rechtsverzögerung, Präzisierung der Aufsichtspraxis. Das Bundesgericht als administrative Aufsichtsbehörde greift im Falle einer Rechtsverweigerung oder Rechtsverzögerung nur ein, wenn ein strukturelles Problem organisatorischer oder administrativer Natur festgestellt wird (E. 3.3). Die Aufsichtsbehörde kann gegebenenfalls auch von Amtes wegen tätig werden, wenn sie von Tatsachen Kenntnis erhält, die hinreichend wahrscheinlich auf ein mögliches aufsichtsrechtliches Problem hindeuten, die weitere Abklärungen nahelegen (E. 3.5). Für Verfahren, für welche kurze gesetzliche Behandlungsfristen gelten, müsen Mechanismen für eine rasche Entscheidfindung bereitgestellt werden. Eine Verfahrensdauer von 23 Monaten nach Abschluss des Instruktionsverfahrens und nach Erarbeitung des Urteilsentwurfs erscheint in solchen Fällen als nicht angemessen und stellt ein strukturelles Problem organisatorischer Natur dar, bei welchem die Verwaltungskommission des Bundesgerichts ihre Aufsichtskompetenz ausüben kann (E. 3.8). Regeste Surveillance administrative exercée par le Tribunal fédéral (art. 1 al. 2 LTF); compétence en matière de surveillance, retard injustifié, précision de la pratique en matière de surveillance. Le Tribunal fédéral en tant qu'autorité de surveillance administrative intervient en cas de déni de justice ou de retard injustifié seulement si un problème structurel de nature organisationnelle ou administrative est constaté (consid. 3.3). L'autorité de surveillance peut, le cas échéant, intervenir d'office lorsqu'elle a connaissance de faits qui indiquent avec suffisamment de vraisemblance un problème possible de droit de la surveillance et qui nécessitent d'autres investigations (consid. 3.5). Il convient de prévoir des mécanismes pour une prise de décision rapide dans les procédures impliquant de courts délais de traitement légaux. Une durée de procédure de 23 mois après la clôture de l'instruction et après l'élaboration du projet de jugement n'apparaît dans ces cas pas raisonnable et représente un problème structurel de nature organisationnelle, au sujet duquel la Commission administrative peut exercer sa compétence en matière de surveillance (consid. 3.8). Regesto Vigilanza amministrativa del Tribunale federale (art. 1 cpv. 2 LTF); competenza di vigilanza, ritardata giustizia, precisazione della prassi in materia di vigilanza. In caso di denegata o ritardata giustizia, il Tribunale federale interviene quale autorità di sorveglianza amministrativa unicamente se è stato constatato un problema strutturale di natura organizzativa o amministrativa (consid. 3.3). L'autorità di sorveglianza può eventualmente intervenire d'ufficio quando ottiene conoscenza di fatti che indicano come sufficientemente probabile l'esistenza di un possibile problema ai fini della sorveglianza necessitante dei chiarimenti (consid. 3.5). Per le procedure che soggiacciono a brevi termini legali d'evasione devono essere approntati dei meccanismi che permettono una rapida presa di decisione. Una procedura della durata di 23 mesi a far tempo dalla conclusione della procedura d'istruzione e dalla redazione del progetto di sentenza appare inadeguata e rappresenta un problema strutturale di natura organizzativa in relazione al quale la Commissione amministrativa del Tribunal federale può esercitare la propria competenza di vigilanza (consid 3.8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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