Gebührenpflichtiger verlangt Rückerstattung der auf Empfangsgebühr erhobenen Mehrwertsteuer: Anspruch besteht nur für den Zeitraum ab 1. Januar 2010 wegen Verjährung (Art. 67 OR)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 II 412 · ATF 144 II 412 · DTF 144 II 412
- Datum
- 18.09.2018
- Geschäftsnummer
- BGE 144 II 412
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Der Gebührenpflichtige hatte von Ende April 2007 bis Ende Mai 2011 auf die rundfunkrechtliche Empfangsgebühr insgesamt Fr. 45.35 Mehrwertsteuer an die Billag AG gezahlt. Nachdem das Bundesgericht in einem früheren Entscheid klargestellt hatte, dass die Empfangsgebühr keiner objektiven Mehrwertsteuerpflicht unterliegt, beantragte er bei der Billag AG die Rückerstattung der zu Unrecht erhobenen Steuerbeträge. Die Billag AG lehnte dies ab. Dagegen erhob der Gebührenpflichtige Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, das ihm Recht gab und das BAKOM zur Rückerstattung verpflichtete. Das UVEK, vertreten durch das BAKOM, legte daraufhin Beschwerde beim Bundesgericht ein. Streit war, ob der Gebührenpflichtige einen Anspruch auf Rückerstattung der Mehrwertsteuer hat und ob dieser Anspruch verjährt ist.
Das Bundesgericht stellt fest, dass die Überwälzung der Mehrwertsteuer auf den Gebührenpflichtigen zwar rechtswidrig, aber nicht rechtsgrundlos war, weil sie auf dem Hilfssteuerobjekt nach Art. 27 Abs. 2 MWSTG 2009 beruhte, das das Prinzip „impôt facturé = impôt dû“ kodifiziert. Damit war die vom BAKOM überwälzte Steuer geschuldet, obwohl kein Leistungsaustausch im Sinne des Hauptsteuerobjekts bestand. Der Gebührenpflichtige hat daher keinen Anspruch auf Rückerstattung aus rechtsgrundloser Bereicherung im Sinne von Art. 62 ff. OR. Stattdessen ergibt sich sein Rückerstattungsanspruch aus der reflexweisen Wirkung von Art. 27 Abs. 2 MWSTG 2009, wonach er die Korrekturen nach Art. 27 Abs. 2 lit. a und b MWSTG 2009 in Anspruch nehmen kann. Dieser Anspruch unterliegt jedoch einer einjährigen Verjährungsfrist nach Art. 67 OR, die mit Kenntnis vom Anspruch beginnt. Diese Kenntnis erlangte der Gebührenpflichtige spätestens mit dem Urteil 2C_882/2014 vom 13. April 2015; sein Gesuch vom 9. Juli 2015 liegt daher innerhalb der Frist. Gleichzeitig ist der Anspruch begrenzt durch die Festsetzungsverjährung in der Abrechnungsbeziehung zwischen BAKOM und ESTV, die nach Art. 42 Abs. 1 MWSTG 2009 fünf Jahre nach Ablauf der Steuerperiode eintritt. Für die Abgaben vor dem 1. Januar 2010 war diese Verjährung bereits eingetreten, sodass ein Rückerstattungsanspruch nur für den Zeitraum vom 1. Januar 2010 bis zum 30. Mai 2011 besteht. Das Bundesgericht hebt daher das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts für den Zeitraum bis zum 31. Dezember 2009 auf und bestätigt es für den übrigen Zeitraum. Das BAKOM hat dem Gebührenpflichtigen die seit dem 1. Januar 2010 entrichteten Mehrwertsteuern zu erstatten.
Die Entscheidung klärt die Anwendung des Hilfssteuerobjekts nach Art. 27 MWSTG 2009 auf öffentlich-rechtliche Überwälzungsverhältnisse und präzisiert die zeitlichen Grenzen des Rückerstattungsanspruchs bei bundesrechtswidriger Steuererhebung durch eine Verwaltungsbehörde.
Regeste
Art. 62 ff., insb. 67 OR; Art. 6 Abs. 1, 27 Abs. 2 und 42 Abs. 1 MWSTG 2009; Art. 68 ff. RTVG 2006; Möglichkeit und zeitliche Schranken des Rechts der leistungsempfangenden Person, eine zwar nicht rechtsgrundlos, aber rechtswidrig auf sie überwälzte Mehrwertsteuer zurückzufordern (hier: Mehrwertsteuer auf der rundfunkrechtlichen Empfangsgebühr nach dem Recht von 2006). Unterscheidung zwischen Abrechnungs- und Überwälzungsbeziehung. Ist das Grundverhältnis zwischen leistungserbringender und leistungsempfangender Person öffentlich-rechtlicher Natur, gilt dies aufgrund der Akzessorietät auch für das Überwälzungsverhältnis (E. 2). Art. 62 ff. OR gelten als allgemeiner Rechtsgrundsatz auch im öffentlichen Recht (E. 3.1). Art. 27 Abs. 2 MWSTG 2009 bildet ein Hilfssteuerobjekt und kodifiziert das Prinzip "impôt facturé = impôt dû" (E. 3.2). Die vom BAKOM abgerechnete und dem Gebührenpflichtigen überwälzte Mehrwertsteuer ist daher nicht rechtsgrundlos erfolgt. Nach BGE 141 II 182 musste dem BAKOM aber klar sein, dass die Empfangsgebühr bisher bundesrechtswidrig besteuert worden war, weshalb es die ESTV um Rückerstattung hätte ersuchen können (Art. 27 Abs. 2 MWSTG). Aufgrund der reflexweisen Wirkung dieser Norm ist die gebührenpflichtige Person berechtigt, vom BAKOM die Erstattung der Mehrwertsteuer zu verlangen (E. 3.3). Die in der Abrechnungsbeziehung herrschende mehrwertsteuerliche Verjährungsfrist von fünf Jahren gilt analog auch in der Überwälzungsbeziehung, wobei der Anspruch auf Rückerstattung hier zusätzlich der einjährigen Frist (Art. 67 OR) unterliegt (E. 3.4). Regeste Art. 62 ss, notamment 67 CO; art. 6 al. 1, 27 al. 2 et 42 al. 1 LTVA 2009; art. 68 ss LRTV 2006; faculté et limites temporelles du droit du destinataire de la prestation de récupérer une taxe sur la valeur ajoutée qui n'est pas sans fondement juridique mais qui a été répercutée sur lui illicitement (in casu: taxe sur la valeur ajoutée sur la redevance de réception de radio-télévision selon le droit de 2006). Différence entre relation de facturation et relation de transfert. Si le rapport de base entre le fournisseur et le destinataire de la prestation est de droit public, cela vaut aussi pour le rapport de transfert, en raison de son caractère accessoire (consid. 2). Les art. 62 ss CO, en tant que principes généraux du droit, s'appliquent aussi en droit public (consid. 3.1). L'art. 27 al. 2 LTVA 2009 définit un objet auxiliaire de l'impôt et codifie le principe "impôt facturé = impôt dû" (consid. 3.2). La taxe sur la valeur ajoutée facturée et transférée à l'assujetti par l'OFCOM n'est ainsi pas privée de fondement juridique. Après l' ATF 141 II 182, il aurait toutefois dû être clair pour l'OFCOM que la redevance de réception avait jusque-là été soumise à l'impôt en violation du droit fédéral, raison pour laquelle cet office aurait pu solliciter le remboursement de la taxe auprès de l'AFC (art. 27 al. 2 LTVA). En raison de l'effet réflexe de cette norme, l'assujetti est fondé à exiger de l'OFCOM le remboursement de la taxe sur la valeur ajoutée (consid. 3.3). Le délai de prescription de la taxe qui prévaut dans la relation de facturation (cinq ans) s'applique par analogie aussi dans la relation de transfert, le droit au remboursement étant en outre soumis ici au délai de prescription d'un an (art. 67 CO) (consid. 3.4). Regesto Art. 62 segg., in particolare 67 CO; art. 6 cpv. 1, 27 cpv. 2 e 42 cpv. 1 LIVA 2009; art. 68 segg. LRTV 2006; possibilità e limiti temporali del diritto del destinatario della prestazione di chiedere indietro l'imposta sul valore aggiunto, quando quest'ultima non è di per sé priva di fondamento giuridico ma è stata trasferita illecitamente su di lui (in casu: imposta sul valore aggiunto sul canone di ricezione della radiotelevisione secondo il diritto in vigore nel 2006). Distinzione tra relazione di fatturazione e relazione di trasferimento. Se il rapporto base tra fornitore e destinatario della prestazione è di diritto pubblico, ciò vale anche per il rapporto di trasferimento, in ragione del suo carattere accessorio (consid. 2). Gli art. 62 segg. CO si applicano, quali principi generali del diritto, anche nel diritto pubblico (consid. 3.1). L'art. 27 cpv. 2 LIVA 2009 definisce un oggetto ausiliario dell'imposta e codifica il principio "imposta fatturata = imposta dovuta" (consid. 3.2). L'imposta sul valore aggiunto fatturata dall'UFCOM e trasferita su chi è tenuto a pagare il canone non è quindi priva di fondamento giuridico. Successivamente alla DTF 141 II 182, per l'UFCOM avrebbe dovuto tutavia essere chiaro che il canone di ricezione era stato sin lì imposto violando il diritto federale, motivo per cui detta autorità avrebbe potuto sollecitare il rimborso del tributo all'AFC (art. 27 cpv. 2 LIVA). Di rifleso, sulla base di questa norma, chi è tenuto a pagare il canone può esigere il rimborso dell'imposta sul valore aggiunto dall'UFCOM (consid. 3.3). Il termine di prescrizione di cinque anni vigente in ambito di imposta sul valore aggiunto e valido per la relazione di fatturazione si applica per analogia alla relazione di trasferimento; il diritto al rimborso è nel contempo sottoposto al termine di prescrizione di un anno (art. 67 CO) (consid. 3.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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