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Justizze. Art. 17 ATSG

Bundesgericht

Versicherte verliert Invalidenrente nach Geburt eines Sohns: Statuswechsel zur Nichterwerbstätigkeit führt zur Anwendung der spezifischen Methode, EMRK-Verletzung verneint (Art. 17 Abs. 1 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 144 I 28 · ATF 144 I 28 · DTF 144 I 28
Datum
02.02.2016
Geschäftsnummer
BGE 144 I 28
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 8 ATSG Art. 17 ATSG Art. 8 EMRK Art. 28a IVG Art. 27 IVV

Zusammenfassung

Eine Versicherte bezog seit 2003 eine halbe Invalidenrente als Vollerwerbstätige. Nach der Geburt ihres Sohns im Januar 2014 zog sie in den Kanton Zürich um und beantragte keine weitere Erwerbstätigkeit mehr. Die IV-Stelle des Kantons Zürich stellte fest, dass sie nunmehr als ausschliesslich im Aufgabenbereich Tätige einzustufen sei und hob die Rente auf. Die Versicherte erhob Beschwerde und machte geltend, der Verlust der Rente sei diskriminierend und verletze Art. 14 i.V.m. Art. 8 EMRK, weil er allein auf einem familiär bedingten Statuswechsel beruhe.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Versicherte nach der Geburt ihres Sohns im Januar 2014 entschieden hatte, sich ausschliesslich um Haushalt und Kinderbetreuung zu kümmern, wie sie dies im Abklärungsbericht Haushalt vom 2. Juni 2015 ausdrücklich bestätigte. Sie hatte sich bereits vor der Geburt vom Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum abgemeldet und war erst im November 2015, also nach dem massgeblichen Zeitpunkt des Verfügungserlasses am 16. Oktober 2015, wieder aktiv geworden. Die finanziellen Verhältnisse der Familie – mit einem Nettolohn des Ehemannes zwischen Fr. 5'498.– und Fr. 6'388.–, ohne Schulden und mit einem haltenden Bedarf – sprachen nicht dafür, dass sie zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit gehalten gewesen wäre. Damit war die Annahme der IV-Stelle gerechtfertigt, dass sie ohne gesundheitliche Beeinträchtigung keiner Teilzeiterwerbstätigkeit nachgehen würde. Diese hypothetische Beurteilung beruhte auf einer Würdigung konkreter Umstände und war nicht offensichtlich unrichtig. Der Statuswechsel führte zur Anwendung der spezifischen Methode der Invaliditätsbemessung gemäss Art. 28a Abs. 2 IVG in Verbindung mit Art. 8 Abs. 3 ATSG und Art. 27 IVV, bei der die Einschränkung im Aufgabenbereich Haushalt und Kinderbetreuung mit 23 % festgestellt wurde. Das EGMR-Urteil Di Trizio gegen die Schweiz vom 2. Februar 2016 sowie die Folgerechtsprechung des Bundesgerichts betreffen ausschliesslich Fälle mit einem Statuswechsel hin zur Teilerwerbstätigkeit und der darauf anwendbaren gemischten Methode; sie sind daher nicht analog auf die hier vorliegende spezifische Methode anwendbar. Ein Verstoß gegen Art. 14 i.V.m. Art. 8 EMRK lag somit nicht vor. Die Entscheidung ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil sie klargestellt hat, dass die EMRK-konforme Rechtsprechung zu Di Trizio nicht auf alle Methoden der Invaliditätsbemessung ausgedehnt wird, sondern nur auf die gemischte Methode beschränkt bleibt.

Regeste

Art. 14 in Verbindung mit Art. 8 EMRK; Art. 17 Abs. 1 ATSG; Art. 28a Abs. 2 IVG; Art. 27 IVV; spezifische Methode der Invaliditätsbemessung. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte Di Trizio gegen die Schweiz vom 2. Februar 2016 (7186/09) und die im Anschluss dazu ergangene Rechtsprechung des Bundesgerichts gelten ausschliesslich bei Anwendung der gemischten Methode der Invaliditätsbemessung und nicht analog auch bei der spezifischen Methode (Betätigungsvergleich). Der Verlust einer Invalidenrente zufolge familiär bedingten Statuswechsels hin zur Nichterwerbstätigkeit und daraus resultierender Anwendbarkeit der spezifischen Methode der Invaliditätsbemessung ist mit Art. 14 i.V.m. Art. 8 EMRK vereinbar (E. 4.5 und 4.6). Regeste Art. 14 en liaison avec l'art. 8 CEDH; art. 17 al. 1 LPGA; art. 28a al. 2 LAI; art. 27 RAI; méthode spécifique d'évaluation de l'invalidité. L'arrêt de la Cour européenne des droits de l'homme Di Trizio contre la Suisse du 2 février 2016 (7186/09) et la jurisprudence du Tribunal fédéral rendue en exécution de cet arrêt ne valent que pour l'application de la méthode mixte d'évaluation de l'invalidité et non pas par analogie aussi pour la méthode spécifique (comparaison des activités). La suppression d'une rente d'invalidité en application de la méthode spécifique découlant du changement de statut, pour des raisons d'ordre familial, en tant que personne sans activité lucrative est compatible avec l'art. 14 en liaison avec l'art. 8 CEDH (consid. 4.5 et 4.6). Regesto Art. 14 combinato con l'art. 8 CEDU; art. 17 cpv. 1 LPGA; art. 28a cpv. 2 LAI; art. 27 OAI; metodo specifico di valutazione dell'invalidità. La sentenza della Corte europea dei diritti dell'uomo Di Trizio contro la Svizzera del 2 febbraio 2016 (7186/09) e la giurisprudenza del Tribunale federale derivata in seguito sono applicabili unicamente in presenza del metodo misto di valutazione dell'invalidità e non vale per analogia anche per il metodo specifico (confronto di attività). La soppressione di una rendita di invalidità in seguito a un cambiamento di status dovuto a motivi familiari (senza attività lavorativa) con la conseguente applicazione del metodo specifico di valutazione dell'invalidità è compatibile con l'art. 14 combinato con l'art. 8 CEDU (consid. 4.5 e 4.6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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