Justizze.

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Justizze. Art. 105 StGB

Bundesgericht

GmbH als Fahrzeughalterin verurteilt wegen Geschwindigkeitsüberschreitung: Strafbarkeit für Übertretungen mangels gesetzlicher Grundlage (Art. 102 Abs. 1 i.V.m. Art. 105 Abs. 1 StGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 144 I 242 · ATF 144 I 242 · DTF 144 I 242
Datum
20.06.2018
Geschäftsnummer
6B_252/2017
Abteilung
Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 32 BV Art. 35 BV Art. 6 EMRK Art. 6 OBG Art. 102 StGB Art. 105 StGB

Zusammenfassung

Eine GmbH wurde als Fahrzeughalterin für eine Geschwindigkeitsüberschreitung eines ihr zugelassenen Fahrzeugs verurteilt. Sie bestritt die Rechtmässigkeit der Halterhaftung nach Art. 6 des Ordnungsbussengesetzes (OBG) und wandte ein, dass juristische Personen nicht strafbar seien, weil das Gesetz ihre Haftung für Übertretungen nicht ausdrücklich vorsehe. Die Vorinstanz wies die Berufung ab. Vor dem Bundesgericht stand insbesondere die Vereinbarkeit der Halterhaftung mit der Unschuldsvermutung sowie die grundsätzliche Strafbarkeit einer juristischen Person für eine Übertretung im Raum.

Das Bundesgericht hob das Urteil der Vorinstanz auf und sprach die GmbH frei. Es stellte fest, dass die Halterhaftung nach Art. 6 OBG mit der Unschuldsvermutung gemäss Art. 32 Abs. 1 BV und Art. 6 Abs. 2 EMRK vereinbar ist, da die Regelung vergleichbar mit der niederländischen Halterhaftung ist, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte als konform mit Art. 6 EMRK beurteilt hat. Zudem sei es zuzumuten, dass ein Fahrzeughalter die Identität der Person kennt, der er sein Fahrzeug anvertraut; die Nennung des Fahrers sei daher nicht mit unverhältnismässigem Aufwand verbunden. Auch die Einwände gegen die Anwendbarkeit der Halterhaftung auf juristische Personen wies das Gericht zurück: Art. 6 OBG setze allein die formelle Haltereigenschaft voraus, und juristische Personen können nach ständiger Rechtsprechung durchaus Fahrzeughalter sein. Entscheidend war jedoch die Frage der Strafbarkeit: Gemäss Art. 105 StGB sind die Bestimmungen zur Verantwortlichkeit von Unternehmen nach Art. 102 StGB bei Übertretungen nicht anwendbar. Da das OBG selbst keine ausdrückliche Regelung zur Strafbarkeit juristischer Personen für Übertretungen enthält und auch sonst kein Bundesgesetz dies vorsieht, fehlt es an der gesetzlichen Grundlage für eine solche Verurteilung. Der Schuldspruch verletzt daher das Legalitätsprinzip nach Art. 1 StGB und Art. 7 Abs. 1 EMRK. Das Bundesgericht entschied daher, dass die Beschwerde teilweise gutzusprechen ist. Es hob das Urteil auf und sprach die GmbH frei. Die Sache wurde zur Neufestsetzung der Kosten und der Entschädigung an die Vorinstanz zurückgewiesen. Keine Gerichtskosten wurden erhoben; der Kanton Obwalden muss der GmbH eine Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- bezahlen. Die Entscheidung klärt endgültig, dass juristische Personen für Ordnungsbussen nach dem OBG nicht strafbar sind, solange keine ausdrückliche gesetzliche Grundlage besteht.

Regeste

Art. 6 OBG i.V.m. Art. 32 Abs. 1 und 35 Abs. 1 BV, Art. 6 Ziff. 2 EMRK; Unschuldsvermutung, nemo tenetur; Art. 6 OBG i.V.m. Art. 1, 102, 105 und 333 StGB, Art. 6 und 7 EMRK; Haltereigenschaft und Halterhaftung juristischer Personen für Übertretungen des Strassenverkehrsrechts; Legalitätsprinzip. Die in Art. 6 OBG statuierte Pflicht des seine Täterschaft bestreitenden Fahrzeughalters, den tatsächlichen Fahrzeugführer zu nennen oder die Busse zu bezahlen, verletzt weder die Unschuldsvermutung noch das Recht, sich nicht selber zu belasten (E. 1). Fahrzeughalter im Sinne von Art. 6 OBG können auch juristische Personen sein (E. 2). Art. 6 OBG enthält keine den allgemeinen Bestimmungen des Strafgesetzbuches vorgehende, ausdrückliche Rechtsgrundlage zur Ausdehnung der Strafbarkeit von Unternehmen auf Übertretungen im Bereich des Strassenverkehrsrechts (E. 3). Regeste Art. 6 LAO en corrélation avec les art. 32 al. 1 et 35 al. 1 Cst., art. 6 par. 2 CEDH; présomption d'innocence, nemo tenetur; art. 6 LAO en corrélation avec les art. 1, 102, 105 et 333 CP, art. 6 et 7 CEDH; qualité de détenteur et responsabilité à ce titre des personnes morales pour les amendes d'ordre du droit de la circulation routière; principe de la légalité. L'obligation imposée par l'art. 6 LAO au détenteur du véhicule contestant être l'auteur d'une infraction d'indiquer le nom du conducteur ou de payer l'amende, ne viole ni la présomption d'innocence ni le droit de ne pas s'incriminer (consid. 1). Les personnes morales peuvent être détentrices de véhicules au sens de l'art. 6 LAO (consid. 2). L'art. 6 LAO ne contient aucune base légale expresse étendant la responsabilité pénale des entreprises aux contraventions en matière de circulation routière (consid. 3). Regesto Art. 6 LMD unitamente agli art. 32 cpv. 1 e 35 cpv. 1 Cost., art. 6 n. 2 CEDU; presunzione d'innocenza, nemo tenetur; art. 6 LMD unitamente agli art. 1, 102, 105 e 333 CP, art. 6 e 7 CEDU; qualità di detentore e responsabilità in questa veste della persona giuridica per le contravvenzioni del diritto della circolazione stradale; principio della legalità. L'obbligo imposto dall'art. 6 LMD al detentore del veicolo, che contesta essere l'autore del reato, di indicare l'effettivo conducente o di pagare la multa non contravviene né alla presunzione d'innocenza né al diritto di non autoincriminarsi (consid. 1). Il detentore del veicolo ai sensi dell'art. 6 LMD può essere anche una persona giuridica (consid. 2). L'art. 6 LMD non costituisce un'esplicita base legale, prevalente sulle disposizioni generali del codice penale, per estendere la punibilità dell'impresa alle contravvenzioni del diritto della circolazione stradale (consid. 3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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