Invalidenrente bei mittelgradiger Depression: Therapierbarkeit allein rechtfertigt keinen Ausschluss, aber fehlende schlüssige medizinische Begründung führt zur Rückweisung (Art. 6 ATSG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 V 409 · ATF 143 V 409 · DTF 143 V 409
- Datum
- 30.11.2017
- Geschäftsnummer
- 8C_841/2016
- Abteilung
- I. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 6 ATSG Art. 7 ATSG Art. 61 ATSG Art. 23 BGG Art. 95 BGG Art. 99 BGG Art. 28 IVG
Zusammenfassung
Die IV-Stelle des Kantons Zürich wies das Gesuch der Versicherten um Invalidenrente ab, weil sie bei einer mittelgradigen depressiven Episode keine dauerhafte Arbeitsfähigkeitseinschränkung sah. Das kantonale Sozialversicherungsgericht hob diese Verfügung auf und erkannte ab 1. November 2015 Anspruch auf ganze Invalidenrente. Die IV-Stelle erhob Beschwerde beim Bundesgericht mit der Behauptung, die Vorinstanz habe Bundesrecht verletzt, indem sie die bisherige höchstrichterliche Rechtsprechung zur Therapieresistenz bei Depressionen nicht beachtet habe. Streitig war insbesondere, ob leichte bis mittelgradige depressive Störungen nur dann invalidisierend sein können, wenn sie erwiesenermassen therapieresistent sind.
Das Bundesgericht teilte die Beschwerde teilweise. Es hob den Entscheid des kantonalen Sozialversicherungsgerichts und die Verfügung der IV-Stelle auf und verwies die Sache zur neuen Abklärung zurück. Die Vorinstanz hatte Bundesrecht verletzt, indem sie die bisherige Rechtsprechung fortsetzte, wonach leichte bis mittelgradige depressive Störungen nur bei erwiesener Therapieresistenz als invalidisierend gelten. Das Bundesgericht stellte klar, dass die Therapierbarkeit eines Leidens allein kein taugliches Kriterium für den Ausschluss einer Invalidenrente ist; entscheidend sei vielmehr die objektivierte Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit im Einzelfall, unabhängig von der Diagnose und der Behandelbarkeit. Diese Grundsatzentscheidung beruhte auf Art. 6 ATSG, Art. 28 Abs. 1 lit. b IVG, Art. 7 Abs. 2 ATSG und Art. 95 lit. a BGG. Dennoch konnte die Vorinstanz den Anspruch auf ganze Invalidenrente nicht stützen, weil die vorliegenden medizinischen Berichte – insbesondere das psychiatrische Gutachten vom 29. Dezember 2015 und der Austrittsbericht der Klinik H.________ vom 10. März 2016 – nicht schlüssig und nachvollziehbar darlegten, warum trotz klinisch festgestellter Besserung bis Ende Februar 2016 eine vollständige Arbeitsunfähigkeit in sämtlichen Tätigkeitsbereichen bestand. Der neu eingereichte Austrittsbericht vom 9. Dezember 2016 war als echtes Novum unbeachtlich (Art. 99 Abs. 1 BGG). Die IV-Stelle muss daher ein strukturiertes psychiatrisches Gutachten einholen, das sich insbesondere mit Therapieerfolg oder -resistenz auseinandersetzt. Die Gerichtskosten von Fr. 800.– trägt die unterliegende Beschwerdegegnerin (Art. 66 Abs. 1 BGG). Damit setzt das Bundesgericht eine wegweisende Neuauslegung der Invaliditätsprüfung bei depressiven Erkrankungen durch: Es verbindet die Aufgabe der alten Therapieresistenz-Praxis mit der Verpflichtung zu einer konkreten, funktionellen und beweisbasierten Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im Einzelfall.
Regeste
Art. 4 Abs. 1 IVG in Verbindung mit Art. 6-8 ATSG (insb. Art. 7 Abs. 2 ATSG); Art. 28 Abs. 1 IVG; depressive Störungen leicht- bis mittelgradiger Natur und rentenbegründende Invalidität. Es ist sach- und systemgerecht, solche Leiden ebenfalls einem strukturierten Beweisverfahren nach BGE 141 V 281 zu unterziehen. Dieses bleibt entbehrlich, wenn im Rahmen beweiswertiger fachärztlicher Berichte (vgl. BGE 125 V 351) eine Arbeitsunfähigkeit in nachvollziehbar begründeter Weise verneint wird und allfälligen gegenteiligen Einschätzungen mangels fachärztlicher Qualifikation oder aus anderen Gründen kein Beweiswert beigemessen werden kann. Änderung der Rechtsprechung (E. 4.5). Regeste Art. 4 al. 1 LAI en liaison avec les art. 6-8 LPGA (en particulier l'art. 7 al. 2 LPGA); art. 28 al. 1 LAI; troubles dépressifs de degré léger à moyen et invalidité donnant droit à une rente. Il est approprié et conforme au système de soumettre également ces troubles à la grille d'évaluation normative et structurée selon l' ATF 141 V 281. Une telle évaluation est superflue lorsque l'incapacité de travail est niée sur la base de rapports probants établis par des médecins spécialistes (voir ATF 125 V 351) et que d'éventuelles appréciations contraires n'ont pas de valeur probante du fait qu'elles proviennent de médecins n'ayant pas une qualification spécialisée ou pour d'autres raisons. Changement de jurisprudence (consid. 4.5). Regesto Art. 4 cpv. 1 LAI in combinazione con gli art. 6-8 LPGA (in modo particolare art. 7 cpv. 2 LPGA); art. 28 cpv. 1 LAI; disturbi depressivi di grado da leggero a medio e invalidità che dà diritto a una rendita. È corretto e conforme al sistema di sottoporre anche queste affezioni a una procedura probatoria strutturata secondo la DTF 141 V 281. Un tale procedimento è superfluo, quando l'incapacità lavorativa è negata sulla base di rapporti con forza probante allestiti da medici specialisti (si veda DTF 125 V 351) e quando eventuali valutazioni contrarie non hanno valenza probatoria, perché i referti provengono da medici senza qualifica specialistica o perché vi sono altre ragioni. Cambiamento della giurisprudenza (consid. 4.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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