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Justizze. Art. 8 IVG

Bundesgericht

Informatiker mit Oberschenkelamputation und angeborener Sehbehinderung benötigt Genium-Prothese für berufliche Eingliederung: Kostenübernahme verlangt (Art. 8 Abs. 1 IVG)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 V 190 · ATF 143 V 190 · DTF 143 V 190
Datum
20.06.2017
Geschäftsnummer
9C_640/2016
Abteilung
II. sozialrechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 95 BGG Art. 97 BGG Art. 2 HVI Art. 8 IVG Art. 21 IVG Art. 14 IVV

Zusammenfassung

Ein Informatiker erlitt 2015 eine Oberschenkelamputation und beantragte bei der Invalidenversicherung die Kostenübernahme für eine Oberschenkel-Prothese mit elektronischem Genium-Kniegelenk. Die IV-Stelle gewährte lediglich einen Kostenbeitrag für ein einfacheres C-Leg-Modell. Das kantonale Verwaltungsgericht wies die dagegen erhobene Beschwerde ab. Streitig war, ob die Genium-Prothese als einfaches und zweckmässiges Hilfsmittel im Sinne der Invalidenversicherungsgesetzgebung anzusehen ist und ob sie notwendig und geeignet ist, die Erwerbsfähigkeit des Versicherten zu erhalten.

Das Bundesgericht hob den Entscheid des kantonalen Verwaltungsgerichts und die Verfügung der IV-Stelle auf und erkannte den Anspruch des Beschwerdeführers auf vollständige Kostenübernahme für die Genium-Kniegelenkprothese.

Der Beschwerdeführer leidet seit Geburt an einer schweren Sehbehinderung (Ptose, Augenmotilitätsstörung, fehlendes Stereosehen, eingeschränktes Gesichtsfeld) und erlitt 2015 eine Oberschenkelamputation. Seine berufliche Tätigkeit als EDV-Verantwortlicher erfordert es, sich in einer Produktionsstätte auf unebenem Boden zu bewegen, Treppen zu steigen und dabei regelmäßig EDV-Komponenten zu tragen. Die Ärzte der Klinik C.________ stellten am 11., 14. Juli und 26. August 2015 fest, dass die erhöhten Anforderungen an Mobilität und Gangsicherheit nur mit einer Genium-Prothese erfüllt werden können. Das Bundesgericht stellte fest, dass die Vorinstanz den Sachverhalt unvollständig ermittelt hatte, insbesondere hinsichtlich der medizinischen Indikation, und ergänzte diesen selbst aufgrund der ärztlichen Berichte. Die Genium-Prothese ist nicht als bestmögliches, sondern als der speziellen Mehrfachbehinderung des Beschwerdeführers angepasstes Hilfsmittel einzustufen. Sie ist notwendig und geeignet, seine Erwerbsfähigkeit zu erhalten (Art. 8 Abs. 1 IVG), erfüllt die Kriterien der sachlichen Angemessenheit (Art. 8 IVG), der persönlichen Angemessenheit (Art. 8 IVG) und der finanziellen Angemessenheit (Art. 21 Abs. 3 IVG, Art. 2 Abs. 4 HVI), da die zusätzlichen Kosten von rund Fr. 14'000.– im Verhältnis zu einer 26-jährigen Erwerbsphase angemessen sind (Art. 21 Abs. 1 AHVG). Auch die zeitliche Angemessenheit ist gegeben (Art. 8 Abs. 1bis IVG).

Die Gerichtskosten von Fr. 800.– wurden der unterliegenden IV-Stelle auferlegt (Art. 66 Abs. 1 Satz 1 BGG), und sie hat dem Beschwerdeführer eine Parteientschädigung von Fr. 2'800.– zu bezahlen (Art. 68 Abs. 1 BGG). Die Sache wurde zur Neuverlegung der Kosten des vorangegangenen Verfahrens an das kantonale Verwaltungsgericht zurückgewiesen.

Das Urteil ist bemerkenswert, weil es klärt, dass bei Mehrfachbehinderung ein technisch fortschrittlicheres Hilfsmittel wie die Genium-Prothese trotz höherer Kosten als einfach und zweckmässig im Sinne der Invalidenversicherung gelten kann, wenn es die spezifischen beruflichen Anforderungen unter Berücksichtigung aller gesundheitlichen Einschränkungen tatsächlich ermöglicht.

Regeste

Art. 8 Abs. 1, 1 bis und 3 lit. d, Art. 21 Abs. 1, 2 und 3 IVG; Art. 2 Abs. 1, 2 und 4 HVI; Ziff. 1.01 HVI Anhang: Abgabe einer Oberschenkel-Prothese mit Genium-Kniegelenk als Eingliederungsmassnahme. Prüfung des Anspruchs auf ein Genium-Kniegelenksystem unter dem Gesichtswinkel von Geeignetheit, Notwendigkeit sowie persönlicher, sachlicher, finanzieller und zeitlicher Angemessenheit (E. 7). Die Oberschenkel-Prothese Typ Genium kommt als Hilfsmittelversorgung beim Versicherten mit einer Mehrfachbehinderung (Seheinschränkungen seit Geburt und Amputation des linken Beines oberhalb des Knies) in Betracht (E. 5-7); der Einsatz dieser Prothese zu Lasten der Invalidenversicherung ist jedoch in Bestätigung von BGE 132 V 215 auf Fälle eines besonders gesteigerten Eingliederungsbedürfnisses zu beschränken (hier: spezielle Anforderungen an Mobilität und Gangsicherheit; E. 7.3.2). Regeste Art. 8 al. 1, 1 bis et 3 let. d, art. 21 al. 1, 2 et 3 LAI; art. 2 al. 1, 2 et 4 OMAI; ch. 1.01 de l'annexe à l'OMAI: remise d'une prothèse de la cuisse équipée d'un genou articulé Genium comme mesure de réadaptation. Examen du droit à un système d'articulation du genou Genium sous l'angle du caractère approprié, nécessaire et adéquat d'un point de vue personnel, matériel, financier et temporel (consid. 7). La prothèse de la cuisse de type Genium entre en considération à titre de moyen auxiliaire pour l'assuré souffrant d'un handicap multiple (troubles visuels depuis la naissance et amputation de la jambe gauche au-dessus du genou; consid. 5-7); la remise de cette prothèse à la charge de l'assurance-invalidité est néanmoins limitée, en confirmation de l' ATF 132 V 215, aux cas dans lesquels il existe un besoin de réadaptation particulièrement élevé (ici: des exigences professionnelles spéciales en ce qui concerne la mobilité et la sécurité pour marcher; consid. 7.3.2). Regesto Art. 8 cpv. 1, 1 bis e 3 lett. d, art. 21 cpv. 1, 2 e 3 LAI; art. 2 cpv. 1, 2 e 4 OMAI; cifra 1.01 allegato OMAI: consegna di una protesi della coscia dotata di articolazione del ginocchio Genium quale provvedimento d'integrazione. Esame del diritto a un sistema d'articolazione del ginocchio Genium dal profilo dell'idoneità, della necessità e dell'adeguatezza personale, materiale, finanziaria e temporale (consid. 7). La protesi della coscia di tipo Genium può essere considerata quale mezzo ausiliario per l'assicurato affetto da disabilità multiple (limitazioni visive dalla nascita e amputazione della gamba sinistra sopra il ginocchio; consid. 5-7); la sua consegna a carico dell'assicurazione per l'invalidità è tuttavia limitata, in conformità della DTF 132 V 215, ai casi di bisogno di integrazione particolarmente elevato (qui: particolari esigenze riguardo alla mobilità e alla sicurezza nella deambulazione; consid. 7.3.2).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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