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Justizze. Art. 76a AuG

Bundesgericht

Asylsuchender aus Kamerun mit systematischer Identitätsverschleierung im Schengenraum: Dublin-Haft rechtmässig, aber unentgeltliche Verbeiständung bei Haftüberprüfung muss ohne Erfolgsaussicht gewährt werden (Art. 9 Abs. 6 Richtlinie 2013/33/EU)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 II 361 · ATF 143 II 361 · DTF 143 II 361
Datum
01.03.2017
Geschäftsnummer
2C_101/2017
Abteilung
II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 76a AuG Art. 89 BGG Art. 95 BGG Art. 99 BGG Art. 29 BV Art. 5 EMRK

Zusammenfassung

Ein kamerunischer Staatsangehöriger wurde bei der Einreise in die Schweiz mit falschen französischen Dokumenten kontrolliert und gab zunächst falsche Angaben zu seiner Identität. Bei einer Durchsuchung wurde ein auf ihn lautender Asylantrag in Belgien gefunden. Das kantonale Migrationsamt ordnete daraufhin Dublin-Haft an, um seine Rückführung nach Belgien sicherzustellen. Der Beschwerdeführer beantragte vor dem kantonalen Verwaltungsgericht die Aufhebung der Haft und die Gewährung unentgeltlicher Verbeiständung. Das Gericht bestätigte die Haft und wies den Antrag auf unentgeltliche Verbeiständung ab. Dagegen erhob der Beschwerdeführer Beschwerde ans Bundesgericht.

Das Bundesgericht hielt die Dublin-Haft für rechtmässig, weil der Beschwerdeführer seit mehr als einem Jahr illegal im Schengenraum und in der Schweiz war und systematisch falsche Dokumente verwendete, um seinen Aufenthalt zu verschleiern – dies ergab erhebliche, konkrete Anzeichen einer Vereitelungsabsicht im Sinne von Art. 76a Abs. 1 lit. a und Abs. 2 lit. b AuG. Die Haft war daher verhältnismässig und weniger einschneidende Massnahmen wirkungslos. Die Beschwerde wurde daher im Haftpunkt abgewiesen.

Hingegen hielt das Bundesgericht die Ablehnung der unentgeltlichen Verbeiständung für rechtswidrig. Gemäss Art. 28 Abs. 4 Dublin-Verordnung sind die Regelungen der Richtlinie 2013/33/EU über Haftgarantien, insbesondere Art. 9 Abs. 6, durch Inkorporation anwendbar. Dieser Artikel gewährt Inhaftierten bei der erstmaligen richterlichen Haftüberprüfung unentgeltliche Rechtspflege und Verbeiständung ungeachtet der Erfolgsaussichten in der Sache selbst (Art. 9 Abs. 6 Richtlinie 2013/33/EU). Eine Abhängigkeit von der Erfolgsaussicht ist ausdrücklich ausgeschlossen; lediglich die finanzielle Bedürftigkeit kann als Voraussetzung verlangt werden (Art. 9 Abs. 7 lit. a Richtlinie 2013/33/EU). Da die Vorinstanz diese europarechtliche Vorgabe nicht beachtet hatte, wurde die Beschwerde in diesem Punkt teilweise gutgeheissen und die Sache zur Neuentscheidung zurückgewiesen.

Das Bundesgericht gewährte dem Beschwerdeführer unentgeltliche Rechtspflege für das Bundesgerichtsverfahren und verurteilte den Kanton Basel-Stadt zur Zahlung einer Parteientschädigung von Fr. 1'500.-- an dessen Rechtsvertreter, während aus der Bundesgerichtskasse zusätzlich Fr. 1'000.-- entschädigt wurden. Keine Kosten wurden erhoben.

Die Entscheidung klärt zentral, dass bei der ersten richterlichen Haftüberprüfung im Dublin-Verfahren die unentgeltliche Verbeiständung nicht von der Erfolgsaussicht abhängig gemacht werden darf – ein klarer Bruch mit der bisherigen Praxis bei ausländerrechtlicher Haft und eine Stärkung der prozeduralen Rechte von Inhaftierten im Asylverfahren.

Regeste

Art. 5 EMRK; Art. 29 Abs. 3, Art. 31 BV; Art. 76a, Art. 80a AuG; Art. 1 Abs. 3 und Art. 4 Dublin-Assoziierungsabkommen; Art. 28 Abs. 4 der Dublin-Verordnung (EU Nr. 604/2013); Art. 9 Abs. 6 der Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen; unentgeltliche Rechtspflege in Sachen Haftentscheid und Garantien für inhaftierte Personen. Für die Haftbedingungen und die verfahrensrechtlichen Garantien von Personen in Dublin-Haft verweist Art. 28 Abs. 4 Dublin-Verordnung auf Art. 9, Art. 10 und Art. 11 der Richtlinie 2013/33/EU (E. 3.1). Art. 9 Abs. 6 der Richtlinie 2013/33/EU eröffnet den einzelnen Staaten nicht die Möglichkeit, die unentgeltliche Rechtspflege vom Erfordernis von Erfolgsaussichten in der Sache selbst abhängig zu machen (E. 3.2). Durch den in Art. 28 Abs. 4 Dublin-Verordnung enthaltenen Verweis wird die Regelung, auf die verwiesen wird (Art. 9, Art. 10, Art. 11 der Richtlinie 2013/33/EU), durch Inkorporation Teil der Dublin-Verordnung und ist als solche als Teil des acquis auch im Verhältnis zur Schweiz anwendbar (E. 3.3). Regeste Art. 5 CEDH; art. 29 al. 3, art. 31 Cst.; art. 76a, art. 80a LEtr; art. 1 al. 3 et art. 4 AAD; art. 28 al. 4 du Règlement Dublin (UE n° 604/2013); art. 9 al. 6 de la Directive 2013/33/UE du Parlement européen et du Conseil du 26 juin 2013 établissant des normes pour l'accueil des personnes demandant la protection internationale; assistance judiciaire en matière de détention et garanties pour les personnes détenues. L'art. 28 al. 4 du Règlement Dublin renvoie, en ce qui concerne les conditions de détention et les garanties de procédure applicables aux personnes en détention Dublin, aux articles 9, 10 et 11 de la Directive 2013/33/UE (consid. 3.1). L'art. 9 al. 6 de cette directive ne permet pas aux Etats de faire dépendre l'assistance judiciaire des chances de succès du cas particulier (consid. 3.2). Le renvoi de l'art. 28 al. 4 du Règlement Dublin à ladite réglementation (art. 9, 10 et 11 de la Directive 2013/33/UE) a pour conséquence que celle-ci fait partie intégrante du Règlement Dublin et, en tant que telle, relève des acquis applicables à la Suisse (consid. 3.3). Regesto Art. 5 CEDU; art. 29 cpv. 3, art. 31 Cost.; art. 76a, art. 80a LStr; art. 1 par. 3 e art. 4 AAD; art. 28 cpv. 4 del regolamento Dublino (UE n. 604/2013); art. 9 paragrafo 6 della direttiva 2013/33/UE del Parlamento europeo e del Consiglio del 26 giugno 2013 recante norme relative all'accoglienza dei richiedenti protezione internazionale; assistenza giudiziaria in materia di carcerazione e garanzie per le persone detenute. L'art. 28 paragrafo 4 del regolamento Dublino rinvia, per quanto concerne le condizioni della carcerazione e le garanzie applicabili alle persone in carcerazione Dublino, agli art. 9, 10 e 11 della direttiva 2013/33/UE (consid. 3.1). L'art. 9 paragrafo 6 di detta direttiva non permette ai singoli Stati di fare dipendere l'assistenza giudiziaria dalle probabilità di successo favorevole del caso concreto (consid. 3.2). Con il rinvio contenuto nell'art. 28 paragrafo 4 del regolamento Dublino, la normativa richiamata (art. 9, 10 e 11 direttiva 2013/33/UE) diventa parte integrante del regolamento Dublino e, in quanto tale, dell'acquis applicabile alla Svizzera (consid. 3.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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