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Justizze. Art. 14 EMRK

Bundesgericht

Revisionsweise Rentenaufhebung wegen Kinderbetreuung diskriminierend: Anspruch auf halbe Rente bleibt bestehen (Art. 14 i.V.m. Art. 8 EMRK)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 I 50 · ATF 143 I 50 · DTF 143 I 50
Datum
20.12.2016
Geschäftsnummer
BGE 143 I 50
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 17 ATSG Art. 128 BGG Art. 8 EMRK Art. 14 EMRK Art. 28a IVG

Zusammenfassung

Eine 1977 geborene Versicherte bezog seit 2003 Leistungen der Invalidenversicherung wegen lumbaler Rückenbeschwerden. Nach der Geburt von Zwillingen im Februar 2004 reduzierte sie ihr Erwerbspensum auf 50 % und übernahm zusätzlich Haushaltstätigkeiten. Die IV-Stelle wandte daraufhin die gemischte Methode der Invaliditätsbemessung an, was ab September 2004 zum Wegfall des Rentenanspruchs führte. Das Bundesgericht bestätigte diesen Entscheid 2008. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellte 2016 fest, dass diese Praxis Art. 14 in Verbindung mit Art. 8 EMRK verletzt, da sie Frauen aufgrund familiärer Entscheidungen benachteiligt.

Das Bundesgericht heisst das Revisionsgesuch der Versicherten gut und stellt fest, dass ihr über den 31. August 2004 hinaus unverändert Anspruch auf eine halbe Invalidenrente zusteht. Gestützt auf Art. 122 BGG wurde die Revision zugelassen, da der EGMR in einem endgültigen Urteil vom 2. Februar 2016 eine Verletzung von Art. 14 in Verbindung mit Art. 8 EMRK festgestellt hatte und eine finanzielle Entschädigung die Folgen der Konventionsverletzung nicht vollständig ausgleichen konnte. Der EGMR hatte erkannt, dass die Anwendung der gemischten Bemessungsmethode nach Art. 28a Abs. 3 IVG bei einem Statuswechsel von Vollerwerbstätigkeit zu Teilerwerbstätigkeit mit Aufgabenbereich indirekt diskriminierend wirkt, wenn dieser Wechsel ausschliesslich auf familiären Gründen wie der Geburt von Kindern beruht.

Zur Herstellung des konventionskonformen Zustands verzichtet das Bundesgericht auf die Aufhebung der Invalidenrente gemäss Art. 17 Abs. 1 ATSG, soweit diese allein auf dem genannten Statuswechsel basiert. Da die Versicherte ihren Rentenanspruch nur wegen der Reduktion ihres Erwerbspensums zur Kinderbetreuung verloren hat, ist die frühere Befristung der Rente unzulässig. Das Bundesgericht hebt Dispositiv-Ziffer 1 seines Urteils 9C_49/2008 auf, weist die Beschwerde der IV-Stelle ab und ändert den kantonalen Entscheid insoweit ab, als der Rentenanspruch der Versicherten für die Zeit nach dem 31. August 2004 bestätigt wird. Dabei geht das Gericht nicht über das Begehren der Gesuchstellerin hinaus, obwohl diese lediglich mindestens eine Viertelsrente beantragt hatte.

Regeste

Art. 14 in Verbindung mit Art. 8 EMRK; Art. 122 BGG; Art. 17 Abs. 1 ATSG; Art. 28a IVG; gemischte Methode der Invaliditätsbemessung. Umsetzung des EGMR-Urteils vom 2. Februar 2016 betreffend das Urteil des Bundesgerichts 9C_49/2008 vom 28. Juli 2008: Die revisionsweise Aufhebung einer Invalidenrente ist EMRK-widrig, wenn allein familiäre Gründe (die Geburt von Kindern und die damit einhergehende Reduktion des Erwerbspensums) für einen Statuswechsel von "vollerwerbstätig" zu "teilerwerbstätig" (mit Aufgabenbereich) sprechen. Der Versicherten ist die laufende Rente weiterhin auszurichten (E. 4). Regeste Art. 14 en corrélation avec l'art. 8 CEDH; art. 122 LTF; art. 17 al. 1 LPGA; art. 28a LAI; méthode mixte d'évaluation de l'invalidité. Exécution de l'arrêt de la CourEDH du 2 février 2016 concernant l'arrêt du Tribunal fédéral 9C_49/2008 du 28 juillet 2008: la suppression d'une rente d'invalidité dans le cadre d'une révision est contraire à la CEDH lorsque seuls des motifs d'ordre familial (la naissance d'enfants et la réduction de l'activité professionnelle qui en découle) conduisent à un changement de statut de "personne exerçant une activité lucrative à plein temps" à "personne exerçant une activité lucrative à temps partiel" (en consacrant son temps libre à l'accomplissement de travaux habituels). Le versement de la rente en cours à l'assurée doit être poursuivi (consid. 4). Regesto Art. 14 in relazione all'art. 8 CEDU; art. 122 LTF; art. 17 cpv. 1 LPGA; art. 28a LAI; metodo misto di valutazione dell'invalidità. Esecuzione della sentenza della CorteEDU del 2 febbraio 2016 concernente la sentenza del Tribunale federale 9C_49/2008 del 28 luglio 2008: la soppressione di una rendita d'invalidità nell'ambito di una revisione è contraria alla CEDU quando solo motivi di natura familiare (la nascita di figli e la conseguente riduzione dell'attività professionale che ne deriva) determinano un cambiamento di qualifica da "persona che esercita un'attività lucrativa a tempo pieno" a "persona che esercita un'attività lucrativa a tempo parziale" (consacrando il tempo libero allo svolgimento delle mansioni abituali). All'assicurata deve continuare a essere versata la rendita corrente (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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