Studierender mit kognitiver Behinderung beantragt Assistenz für administrative Studienaufgaben an der ETH Zürich: Anspruch verneint, weil Assistenz zu unzulässiger Herabsetzung der fachlichen Anforderungen führen würde (Art. 2 Abs. 5 lit. a BehiG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 I 73 · ATF 151 I 73 · DTF 151 I 73
- Datum
- 01.01.2025
- Geschäftsnummer
- BGE 151 I 73
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 2 BRK Art. 5 BRK Art. 24 BRK Art. 2 BV Art. 8 BV Art. 19 BV Art. 41 BV Art. 1 BehiG Art. 2 BehiG Art. 8 BehiG Art. 11 BehiG Art. 35 CESCR Art. 8 EMRK Art. 14 EMRK Art. 6 ETH-Gesetz
Zusammenfassung
Ein Studierender mit kognitiven Einschränkungen nach einem Unfall beantragte bei der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) die Bestellung und Bezahlung einer persönlichen Assistenz für technisch-administrative Arbeiten im Rahmen seines Masterstudiums in Umweltnaturwissenschaften. Er argumentierte, Aufgaben wie das Zusammensuchen, Organisieren und Ausdrucken von Vorlesungsunterlagen auf verschiedenen Plattformen sowie die Anmeldeformalitäten für Lehrveranstaltungen beanspruchten ein Pensum von 20 % und ließen ihm behinderungsbedingt keine Kapazität für das eigentliche Studium. Die ETH Zürich wies das Gesuch ab; die Beschwerdekommission und das Bundesverwaltungsgericht bestätigten diese Ablehnung. Der Studierende erhob daraufhin eine Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht. Streitig war, ob das Behindertengleichstellungsgesetz einen Anspruch auf Bestellung und Bezahlung einer solchen Assistenz gewährt.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und verneinte den Anspruch auf Bestellung und Bezahlung einer persönlichen Assistenz für technisch-administrative Arbeiten im Masterstudium an der ETH Zürich.
Der Beschwerdeführer leidet seit einem Unfall im Jahr 1995 unter kognitiven Einschränkungen, die seine Studierfähigkeit auf rund 20 % reduzieren. Sein Gesuch bezog sich auf administrative Tätigkeiten wie das Zusammensuchen, Organisieren und Ausdrucken von Vorlesungsunterlagen sowie Anmeldeformalitäten – Aufgaben, die nicht unmittelbar dem Wissenserwerb oder dem Erlernen des Prüfungsstoffs dienten. Das Bundesgericht stellte fest, dass das Studienreglement der ETH Zürich ausdrücklich verlangt, dass Studierende lernen, wissenschaftlich zu arbeiten, was die Suche von Literatur, die Analyse wissenschaftlicher Texte, das Planen und Durchführen von Versuchen sowie das Ausarbeiten und Leiten von Projekten umfasst. Das Kompetenzraster der ETH Zürich nennt zudem das Sammeln von Informationen und Daten sowie den Umgang mit Informationen als methodenspezifische Kompetenz. Damit sind administrative Fähigkeiten wie das Auffinden und die Organisation von Studienmaterial integraler Bestandteil der fachlichen Anforderungen des Masterstudiums. Eine Assistenz für solche Aufgaben würde daher zu einer unzulässigen Herabsetzung dieser Anforderungen führen, was gegen Art. 2 Abs. 5 lit. a BehiG verstösst, da sie eine Überkompensation darstellen und die rechtsgleichen Studienbedingungen der Mitstudierenden tangieren würde. Dies widerspräche auch dem Verhältnismässigkeitsgrundsatz nach Art. 11 Abs. 1 BehiG sowie dem verfassungsrechtlichen Ziel einer qualitativ hochwertigen Bildung nach Art. 8 Abs. 2 BV und Art. 8 Abs. 4 BV. Die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zur Notwendigkeit angemessener Vorkehrungen nach Art. 2 BRK i.V.m. Art. 8 Ziff. 1 EMRK i.V.m. Art. 14 EMRK wurde berücksichtigt, jedoch ergab die Abwägung, dass die beantragte Massnahme im konkreten Fall eine unverhältnismässige Belastung darstellen und die Kernkompetenzen des Studiums unterlaufen würde.
Die Entscheidung klärt erstmals abschliessend, dass Art. 2 Abs. 5 lit. a BehiG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 BehiG unter bestimmten Voraussetzungen einen gesetzlichen Anspruch auf Bestellung und Bezahlung einer Assistenz begründen kann, jedoch stets unter der Schranke des Verhältnismässigkeitsgrundsatzes nach Art. 11 Abs. 1 BehiG. Sie verdeutlicht, dass administrative Studienaufgaben im tertiären Bildungsbereich nicht als rein unterstützende Tätigkeiten gelten, sondern Teil der fachlichen Kompetenzen sind, deren eigenständige Bewältigung zentral für den akademischen Abschluss ist.
Regeste
Art. 2 Abs. 5 lit. a, Art. 8 und 11 Abs. 1 BehiG; Art. 8 Abs. 2 BV; Art. 13 Abs. 2 lit. c UNO-Pakt I; Art. 24 Abs. 5 BRK; Art. 8 Ziff. 1 i.V.m. Art. 14 EMRK; Bestellung und Bezahlung einer Assistenz für Menschen mit Behinderungen in der Aus- und Weiterbildung. Grundsatzfrage, ob Menschen mit Behinderungen, die eine Aus- oder Weiterbildung absolvieren, gestützt auf das Behindertengleichstellungsgesetz Anspruch auf Bestellung und Bezahlung einer Assistenz haben (E. 3). Auslegung des Behindertengleichstellungsgesetzes unter Einbezug des internationalen Rechts (E. 4). Ein entsprechender Anspruch ist unter bestimmten Voraussetzungen zu bejahen. Die Leistungspflicht der dem Behindertengleichstellungsgesetz unterstehenden Bildungsinstitution wird durch den Verhältnismässigkeitsgrundsatz beschränkt (E. 4.6). Anspruch im konkreten Fall verneint, da die Bestellung einer Assistenz zu einer unzulässigen Herabsetzung der fachlichen Anforderungen an das fragliche ETH-Studium führen würde (E. 5). Regeste Art. 2 al. 5 let. a, art. 8 et 11 al. 1 LHand; art. 8 al. 2 Cst.; art. 13 par. 2 let. c Pacte ONU I; art. 24 par. 5 Convention du 13 décembre 2006 relative aux droits des personnes handicapées; art. 8 par. 1 en lien avec l'art. 14 CEDH; mise en place et paiement d'une assistance pour les personnes handicapées dans le cadre de la formation et de la formation continue. Question de savoir si les personnes handicapées, qui suivent une formation ou une formation continue, ont une prétention à la mise en place et au paiement d'une assistance, sur le fondement de la loi sur l'égalité pour les handicapés (consid. 3). Interprétation de la loi sur l'égalité pour les handicapés en tenant compte du droit international (consid. 4). Une telle prétention doit être admise à certaines conditions. L'obligation d'une institution de formation soumise à la loi sur l'égalité pour les handicapés de fournir une prestation est limitée par le principe de la proportionnalité (consid. 4.6). Prétention niée en l'espèce, car l'octroi d'une assistance conduirait à un abaissement inadmissible des exigences de formation relatives aux études à l'ETH en question (consid. 5). Regesto Art. 2 cpv. 5 lett. a, artt. 8 e 11 cpv. 1 LDis; art. 8 cpv. 2 Cost.; art. 13 par. 2 lett. c Patto ONU I; art. 24 par. 5 Convenzione del 13 dicembre 2006 sui diritti delle persone con disabilità; art. 8 n. 1 in relazione con l'art. 14 CEDU; messa a disposizione e finanziamento di un'assistenza per persone con disabilità in formazione e in formazione continua. Questione di sapere se persone con disabilità, che seguono una formazione o una formazione continua, abbiano diritto alla messa a disposizione e al finanziamento di un'assistenza sulla base della legge sui disabili (consid. 3). Interpretazione della legge sui disabili tenendo conto del diritto internazionale (consid. 4). Un tale diritto dev'essere ammesso a determinate condizioni. L'obbligo per un istituto di formazione soggetto alla legge sui disabili di fornire una prestazione è limitato dal principio di proporzionalità (consid. 4.6). Diritto negato nella fattispecie, dato che la messa a disposizione di un'assistenza condurrebbe a un abbassamento inammissibile delle esigenze di formazione relative agli studi al PFZ in questione (consid. 5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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