Versicherter beantragt fortgesetzte Invalidenrente nach 31. August 2011: Keine nachweisbare invalidisierende psychische Störung nach neuem Rechtsprechungsstandard (Art. 6, 7, 8 ATSG und Art. 28 Abs. 1 IVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 V 106 · ATF 142 V 106 · DTF 142 V 106
- Datum
- 12.02.2016
- Geschäftsnummer
- 8C_478/2015
- Abteilung
- I. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 6 ATSG Art. 7 ATSG Art. 8 ATSG Art. 95 BGG Art. 8 BV Art. 28 IVG
Zusammenfassung
Ein 1963 geborener Versicherter beantragte bei der IV-Stelle Luzern eine Invalidenrente wegen Folgen einer Verletzung an beiden Fersenbeinen und an der Lendenwirbelsäule sowie psychischer Beschwerden. Die IV-Stelle verneinte den Anspruch. Das Kantonsgericht Luzern sprach ihm vom 1. April 2010 bis 31. August 2011 eine befristete ganze Invalidenrente zu, lehnte aber eine Fortsetzung danach ab. Der Versicherte legte Beschwerde beim Bundesgericht ein und verlangte mindestens eine unbefristete halbe Rente ab Ende August 2011 oder zumindest eine Rückweisung an die Vorinstanz.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die Ablehnung eines Rentenanspruchs nach dem 31. August 2011. Es stützte seine Entscheidung darauf, dass der Versicherte keine invalidisierende psychische Störung nachweisen konnte, die den Anforderungen der überarbeiteten Rechtsprechung (BGE 141 V 281) genügt. Die gestellte Diagnose einer chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) weise per definitionem keinen Bezug zum Schweregrad auf, im Gegensatz zur somatoformen Schmerzstörung (ICD-10 F45.40), bei der ein andauernder, schwerer und quälender Schmerz vorausgesetzt sei. Zudem zeige das psychiatrische Gutachten vom 24. März 2015 eine gute Compliance des Versicherten mit verschiedenen Therapien, von denen er selbst Nutzen berichtete, und eine prognostizierte weitere Verbesserung bei intensiverer Behandlung. Im Alltag verrichte er eine 50-Prozent-Stelle, kümmere sich um Haushalt und Kochen und verbringe Freizeit mit Dokumentarsendungen – ein gleichmäßiges Aktivitätsniveau, das einer schweren funktionellen Einschränkung widerspreche. Da die materielle Beweislast für Invalidität bei der versicherten Person liege und diese sie nicht erfüllt habe, sei die vorinstanzliche Beurteilung rechtens. Die Anspruchsvoraussetzungen nach Art. 6 ATSG (Arbeitsunfähigkeit), Art. 7 ATSG (Erwerbsunfähigkeit), Art. 8 Abs. 1 ATSG (Invalidität) und Art. 28 Abs. 1 IVG (Rentenanspruch) seien nicht erfüllt. Das Bundesgericht verwies zudem darauf, dass eine bevorzugte Behandlung psychischer Erkrankungen gegenüber somatischen gegen Art. 8 Abs. 2 BV (Rechtsgleichheit) verstoßen würde. Die Kürzung der Parteientschädigung und die Aufteilung der Gerichtskosten wurden als rechtmäßig beurteilt, da der Versicherte im Grundsatz unterlag und nicht nur im Masslichen obsiegte. Als unterliegende Partei trägt er die Gerichtskosten von Fr. 800.– gemäß Art. 66 Abs. 1 BGG. Diese Entscheidung präzisiert die Anwendung der neuen Rechtsprechung zur Invaliditätsbemessung bei psychosomatischen Störungen und betont die Notwendigkeit einer objektivierten Zumutbarkeitsprüfung unter ausschließlicher Berücksichtigung der funktionellen Auswirkungen der Gesundheitsbeeinträchtigung.
Regeste
Art. 4 Abs. 1 IVG; Art. 6, Art. 7 Abs. 2, Art. 8 ATSG; psychosomatisches Leiden und rentenbegründende Invalidität; Konkretisierung der Rechtsprechung gemäss BGE 141 V 281 . Den psychiatrisch beschriebenen Symptomen der diagnostizierten chronischen Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (ICD-10 F45.41) fehlt schon aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht ein Bezug zum Schweregrad. Die bei dieser Diagnosestellung dennoch attestierte 50%ige Arbeitsunfähigkeit zeigt, dass in der Medizin von einem umfassenden bio-psycho-sozialen Krankheitsbegriff ausgegangen wird, weshalb eine rechtliche Überprüfung nach Art. 6 ATSG notwendig ist (E. 3.2 und 4.2). Ausgehend vom Grundsatz der "Validität" und dem Rechtsgleichheitsgebot von Art. 8 Abs. 2 BV, sind psychisch diagnostizierte Leiden nicht bevorzugt zu behandeln (E. 4.3). Regeste Art. 4 al. 1 LAI; art. 6, art. 7 al. 2, art. 8 LPGA; affection psychosomatique et invalidité ouvrant droit à une rente; concrétisation de la jurisprudence de l'arrêt ATF 141 V 281 . Du point de vue de la science médicale déjà, les symptômes, décrits sur le plan psychiatrique, de douleur chronique où interviennent des facteurs somatiques et psychiques (CIM-10 F45.41) ne dénotent pas un lien avec le degré de gravité. L'incapacité de travail de 50 % attestée en relation avec ce diagnostic montre cependant qu'en médecine, on part d'une notion de maladie bio-psycho-sociale étendue, ce qui rend nécessaire une analyse juridique au sens de l'art. 6 LPGA (consid. 3.2 et 4.2). Etant donné la prémisse de la "validité" et le principe de l'égalité de traitement au sens de l'art. 8 al. 2 Cst., il n'y a pas lieu de traiter plus favorablement les affections qui relèvent d'un diagnostic psychique (consid. 4.3). Regesto Art. 4 cpv. 1 LAI; art. 6, art. 7 cpv. 2, art. 8 LPGA; affezione psicosomatica e invalidità che dà diritto a una rendita; concretizzazione della giurisprudenza secondo la DTF 141 V 281 . Già sotto il profilo medico-scientifico ai sintomi descritti sul piano psichiatrico di dolori cronici in cui intervengono fattori sia somatici sia psichici (ICD-10 F45.41) fa difetto una relazione con il grado di gravità. Tuttavia, l'incapacità lavorativa del 50 % attestata da questa diagnosi dimostra che in medicina si dà per scontata una nozione di malattia comprensiva di componenti biologiche, psicologiche e sociali. Ciò rende necessario un esame giuridico a norma dell'art. 6 LPGA (consid. 3.2 e 4.2). Posti il principio di "validità" e dell'uguaglianza giuridica a norma dell'art. 8 cpv. 2 Cost., i disturbi psichici diagnosticati non sono da trattare in maniera privilegiata rispetto agli altri (consid. 4.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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