Pensionär zieht ins Kurheim ohne Heim-Bewilligung: Zuständigkeit für Ergänzungsleistungen liegt am neuen Wohnsitz (Art. 21 Abs. 1 ELG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 V 255 · ATF 141 V 255 · DTF 141 V 255
- Datum
- 08.04.2015
- Geschäftsnummer
- 9C_212/2014
- Abteilung
- II. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 35 ATSG Art. 93 BGG Art. 9 E-ELG Art. 3 ELG Art. 9 ELG Art. 21 ELG Art. 25a ELV Art. 23 ZGB
Zusammenfassung
Ein 1925 geborener Rentner verlegte seinen Lebensmittelpunkt 1997 von St. Gallen in ein Kurheim im Kanton Thurgau. Die Sozialversicherungsanstalt St. Gallen lehnte sein Gesuch um Ergänzungsleistungen zur AHV ab und erklärte sich für örtlich unzuständig, da der Versicherte dort zivilrechtlichen Wohnsitz begründet habe. Das kantonale Versicherungsgericht hob diesen Entscheid auf und wies die Sache zur materiellen Prüfung an die SVA St. Gallen zurück, da es die st. gallische Zuständigkeit bejahte. Die SVA St. Gallen focht diesen Rückweisungsentscheid beim Bundesgericht an.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde der Sozialversicherungsanstalt St. Gallen gut und bestätigt deren Nichteintreten wegen örtlicher Unzuständigkeit. Es weist die Sache an die Ausgleichskasse des Kantons Thurgau zur Verfügung über den Leistungsanspruch ab März 2012.
Entscheidend ist die Auslegung des Begriffs "Heim" im Sinne von Art. 21 Abs. 1 zweiter Satz ELG. Diese Bestimmung knüpft die Zuständigkeit grundsätzlich an den zivilrechtlichen Wohnsitz, macht aber eine Ausnahme für Aufenthalte in Heimen, Spitälern oder anderen Anstalten, die keinen neuen Wohnsitz begründen sollen. Gemäss Art. 25a Abs. 1 ELV gilt als Heim nur eine Einrichtung, die von einem Kanton anerkannt ist oder über eine kantonale Betriebsbewilligung verfügt. Da das Kurheim Y.________ diese formellen Voraussetzungen nicht erfüllt, kann die Ausnahmebestimmung nicht angewendet werden. Das Gericht prüft auch, ob das Kurheim als "andere Anstalt" zu qualifizieren sei, was es unter Hinweis auf Art. 23 Abs. 1 ZGB verneint, da der Begriff der "anderen Anstalt" im EL-Recht eng auszulegen ist und das Kurheim primär unter den Heim-Begriff fallen würde, wenn die Bewilligung vorläge.
Folglich hat der Beschwerdeführer durch den Eintritt in das nicht bewilligte Kurheim einen neuen zivilrechtlichen Wohnsitz im Kanton Thurgau begründet. Nach Art. 21 Abs. 1 erster Satz ELG ist daher die Ausgleichskasse des Kantons Thurgau für die Festsetzung und Auszahlung der Ergänzungsleistungen zuständig. Die Vorinstanz hatte zu Unrecht angenommen, die SVA St. Gallen sei trotz Wohnsitzwechsels zuständig geblieben. Das Bundesgericht korrigiert dies und stellt klar, dass die formelle Definition des Heimbegriffs durch Art. 25a ELV auch für die Zuständigkeitsfrage massgebend ist.
Regeste
Art. 9 Abs. 5 lit. h und Art. 21 Abs. 1 zweiter Satz ELG; Art. 25a Abs. 1 ELV; Art. 23 Abs. 1 zweiter Halbsatz ZGB; Art. 5 ZUG; interkantonale Zuständigkeit für die Festsetzung und die Auszahlung der Ergänzungsleistung. Die in Art. 25a Abs. 1 ELV vorgenommene Beschränkung des EL-rechtlichen Heimbegriffs auf Einrichtungen, die entweder von einem Kanton als Heim anerkannt sind oder über eine kantonale Betriebsbewilligung verfügen, gilt grundsätzlich überall dort, wo das ELG von Heim spricht, mithin auch im Anwendungsbereich von Art. 21 Abs. 1 zweiter Satz ELG (E. 3.1). Der in Art. 21 Abs. 1 zweiter Satz ELG verwendete Begriff der andern Anstalt ist im Lichte von Art. 23 Abs. 1 zweiter Halbsatz ZGB auszulegen; das in casu streitige Kurheim fällt nicht darunter (E. 4.1). Aus Art. 5 ZUG lässt sich für die hier relevante Rechtsanwendungslage nichts Wesentliches ableiten (E. 4.2). Regeste Art. 9 al. 5 let. h et art. 21 al. 1, 2 e phrase, LPC; art. 25a al. 1 OPC-AVS/AI; art. 23 al. 1, 2 e demi-phrase, CC; art. 5 LAS; compétence intercantonale en matière de fixation et de versement de prestations complémentaires. La définition restrictive - propre au domaine des prestations complémentaires - de la notion de home prévue à l'art. 25a al. 1 OPC-AVS/AI, en tant qu'elle se limite aux institutions qui sont reconnues comme telles par un canton ou qui disposent d'une autorisation cantonale d'exploiter, est en principe valable dans tous les cas où la LPC fait mention de la notion de home, soit également lorsqu'il s'agit d'appliquer l'art. 21 al. 1, 2 e phrase, LPC (consid. 3.1). La notion d'autre établissement mentionnée dans l'art. 21 al. 1, 2 e phrase, LPC doit être interprétée à la lumière de l'art. 23 al. 1, 2 e demi-phrase, CC; l'institution au centre du présent litige n'en fait pas partie (consid. 4.1). On ne peut rien déduire d'essentiel de l'art. 5 LAS pour l'application du droit dans le cas d'espèce (consid. 4.2). Regesto Art. 9 cpv. 5 lett. h e art. 21 cpv. 1 seconda frase LPC; art. 25a cpv. 1 OPC-AVS/AI; art. 23 cpv. 1 seconda frase CC; art. 5 LAS; competenza intercantonale in materia di fissazione e versamento di prestazioni complementari. La definizione restrittiva di istituto - prevista dalla legislazione in materia di prestazioni complementari - contemplata all'art. 25a cpv. 1 OPC-AVS/AI, in quanto si limita alla nozione degli istituti che sono riconosciuti tali da un Cantone o che dispongono di un'autorizzazione cantonale d'esercizio cantonale, è di principio valida in tutti i casi in cui la LPC menziona il concetto di istituto, ossia anche quando si è nel campo di applicazione dell'art. 21 cpv. 1 seconda frase LPC (consid. 3.1). La nozione di altro stabilimento previsto nell'art. 21 cpv. 1 seconda frase LPC deve essere interpretata alla luce dell'art. 23 cpv. 1 seconda frase CC; nel caso concreto l'istituto in questione non rientra in questa definizione (consid. 4.1). Dall'art. 5 LAS non è possibile desumere alcunché per l'applicazione del diritto al caso in questione (consid. 4.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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