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Justizze. Art. 8 BV

Bundesgericht

Primarlehrberuf neu als frauenspezifisch eingestuft: Praxisänderung wegen hohem Frauenanteil, Rückweisung zur Prüfung der Lohndiskriminierung (Art. 8 Abs. 3 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 141 II 411 · ATF 141 II 411 · DTF 141 II 411
Datum
01.12.2015
Geschäftsnummer
8C_366/2014
Abteilung
I. sozialrechtliche Abteilung
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 8 BV Art. 3 GlG

Zusammenfassung

Eine Primarlehrerin im Kanton Aargau focht ihre Lohneinstufung an und machte geltend, sie werde aufgrund der Ausübung eines typischen Frauenberufs indirekt diskriminiert. Das kantonale Verwaltungsgericht hatte zuvor entschieden, dass der Beruf der Primarlehrperson trotz eines hohen Frauenanteils weiterhin als geschlechtsneutral zu qualifizieren sei, da er historisch männlich geprägt gewesen sei. Die Beschwerdeführerin verlangte vor Bundesgericht die Aufhebung dieses Entscheids und die Feststellung, dass ihr Beruf nunmehr als frauentypisch anzusehen sei, was die Voraussetzung für eine Prüfung der Lohnungleichheit bilde.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und weist die Sache zur neuen Beurteilung an die Vorinstanz zurück. Es stellt fest, dass sich die Rechtsprechung geändert hat: Der Beruf der Primarlehrperson ist heute nicht mehr als geschlechtsneutral, sondern als frauenspezifisch einzustufen.

Entscheidend war die quantitative Entwicklung des Frauenanteils. Im Kanton Aargau lag dieser zum massgeblichen Zeitpunkt der Bewertungsvorgänge bei 87,2 %, gesamtschweizerisch bei 81,5 %. Diese Werte überschreiten die in der Rechtsprechung etablierte Schwelle von 70 % deutlich. Zudem belegten die Statistiken einen kontinuierlichen Anstieg über die letzten zwanzig Jahre, sodass es sich nicht um ein kurzfristiges Phänomen handelt. Das Bundesgericht betonte, dass bei einer solchen klaren quantitativen Ausprägung das historische Element der früheren männlichen Prägung in den Hintergrund tritt. Auch die gesellschaftliche Debatte um "Korrekturmassnahmen" zur Steigerung des Männeranteils wurde als Bestätigung dafür gewertet, dass der Beruf aktuell als weiblich dominiert wahrgenommen wird.

Die Vorinstanz hatte ihre Ablehnung unter anderem damit begründet, dass durch eine geplante Umstellung des Schulmodells künftig wieder mehr Männer an die Primarstufe wechseln könnten. Das Bundesgericht wies dies zurück, da für die Beurteilung der Geschlechtsspezifik allein die Verhältnisse im Moment der Lohnfestsetzung relevant seien, nicht hypothetische Zukunftsprognosen. Da die Qualifikation als frauentypischer Beruf nun bejaht ist, muss die Vorinstanz prüfen, ob die konkrete Lohneinstufung der Beschwerdeführerin sachlich unbegründet ist und somit eine indirekte Diskriminierung darstellt.

Die Kostenfolge stützt sich auf Art. 13 Abs. 5 Satz 2 GlG in Verbindung mit Art. 65 Abs. 4 lit. b und Art. 66 Abs. 1 Satz 1 BGG; die Gerichtskosten wurden der unterliegenden Beschwerdegegnerin auferlegt, welche zudem eine Parteientschädigung zu leisten hat.

Regeste

Art. 8 Abs. 3 BV in Verbindung mit Art. 3 GlG; (Lohn-)Gleichstellung von Mann und Frau; geschlechtsmässige Identifikation des Primarlehrberufs im Kanton Aargau. Ausführungen zum allgemeinen Rechtsgleichheitsgebot nach Art. 8 Abs. 1 BV (E. 6.1.1), zum Anspruch von Frau und Mann auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit im Sinne von Art. 8 Abs. 3 BV in Verbindung mit Art. 3 GlG (E. 6.1.2) sowie zu der im Hinblick auf die Überprüfung einer möglichen (indirekten) lohnmässigen Geschlechtsdiskriminierung erforderlichen Tatbestandsvoraussetzung der geschlechtsspezifischen Identifizierung der fraglichen beruflichen Funktion (E. 6.1.3, 6.2-6.5). Bis anhin war der Primarlehrberuf stets als geschlechtsneutrale Referenztätigkeit zu typisch weiblichen Berufen angerufen und zugelassen worden (E. 7). Der Frauenanteil unter den aargauischen Lehrpersonen Primarstufe liegt aktuell deutlich über 70 % (E. 8.1). Weist eine Berufssparte im massgeblichen Beurteilungszeitpunkt auf Grund eines langjährigen Prozesses in quantitativer Hinsicht eine klare Ausprägung auf, tritt ein allfälliges historisches Element bei der Beurteilung der geschlechtsmässigen Identifizierung in den Hintergrund (E. 8.2.1). In Anbetracht des kontinuierlichen, konstanten Charakters dieser Entwicklung namentlich in den letzten zwanzig Jahren, welcher die Annahme eines bloss kurzzeitigen Phänomens ausschliesst, ist der Beruf der Primarlehrkraft im Kanton Aargau als frauenspezifisch zu qualifizieren (E. 9). Damit wird die Möglichkeit und Verpflichtung geschaffen, dessen Entlöhnung unter dem Aspekt der besoldungsmässigen Geschlechtsdiskriminierung insbesondere auf allfällige sachlich nicht erklärbare bzw. diskriminierende Faktoren hin zu überprüfen, zu welchem Zweck die Angelegenheit an das vorinstanzliche Gericht zurückgewiesen wird (E. 9.2 und 10). Regeste Art. 8 al. 3 Cst. en relation avec l'art. 3 LEg (loi sur l'égalité); égalité (salariale) entre hommes et femmes; identification à un genre de la profession d'enseignant du primaire dans le canton d'Argovie. Considérations sur le principe général de l'égalité de traitement selon l'art. 8 al. 1 Cst. (consid. 6.1.1), sur le droit de l'homme et de la femme à un salaire égal pour un travail de valeur égale au sens de l'art. 8 al. 3 Cst. en relation avec l'art. 3 LEg (consid. 6.1.2), ainsi que sur les conditions de fait requises pour une identification de la profession concernée à un genre en vue de l'examen d'une éventuelle discrimination salariale (indirecte) fondée sur le sexe (consid. 6.1.3, 6.2-6.5). Jusqu'à maintenant, il était considéré et admis que la profession d'enseignant du primaire était neutre sous l'angle du genre par rapport à des professions typiquement féminines (consid. 7). Actuellement, dans le canton d'Argovie, la part de femmes parmi le personnel de l'enseignement primaire s'élève nettement au-dessus de 70 % (consid. 8.1). Lorsqu'on observe, au moment déterminant de l'examen, qu'une catégorie professionnelle donnée présente un indice quantitatif clair sur la base d'un processus de longue durée, un éventuel aspect historique pour l'identification de genre passe au second plan (consid. 8.2.1). En considération du caractère continu et constant de l'évolution observée au cours des vingt dernières années, lequel permet d'exclure l'éventualité d'un phénomène purement temporaire, la profession d'enseignant du primaire doit être qualifiée de spécifiquement féminine dans le canton d'Argovie (consid. 9). A partir de là, la rémunération de cette fonction peut et doit faire l'objet d'un examen sous l'angle de l'interdiction de la discrimination salariale fondée sur le sexe, en particulier sur l'existence éventuelle de motifs non objectifs, respectivement de leur caractère discriminatoire. L'affaire est renvoyée à la juridiction précédente pour qu'elle procède à cet examen (consid. 9.2 et 10). Regesto Art. 8 cpv. 3 Cost. combinato con l'art. 3 LPar; parità (salariale) fra uomo e donna; identificazione legata al sesso dell'impiego di docente di scuola elementare nel Canton Argovia. Considerazioni sul principio generale dell'uguaglianza giuridica secondo l'art. 8 cpv. 1 Cost. (consid. 6.1.1), sul diritto di uomo e donna a un salario uguale per un lavoro di uguale valore a norma dell'art. 8 cpv. 3 Cost. combinato con l'art. 3 LPar (consid. 6.1.2) e sulle circostanze di fatto richieste per l'identificazione a ragione del sesso della professione in esame in particolare nell'ottica di un'eventuale discriminazione salariale (indiretta) fondata sul sesso (consid. 6.1.3, 6.2-6.5). Fino ad ora, l'impiego di docente di scuola elementare è sempre stato considerato neutro rispetto alle professioni tipicamente femminili (consid. 7). In questo momento, nel Canton Argovia, la quota di donne nel personale di insegnamento delle scuole elementari si situa manifestamente al di sopra del 70 % (consid. 8.1). Quando si constata, al momento determinante per la disamina, che una categoria professionale presenta un elemento quantitativo chiaro sulla base di un'evoluzione di lunga durata, l'elemento storico passa in secondo piano (consid. 8.2.1). Alla luce del carattere continuo e costante dell'evoluzione osservata nel corso dei venti anni precedenti, la quale permette di escludere un fenomeno puramente passeggero, la professione di docente di scuola elementare deve essere qualificata come funzione specificatamente femminile (consid. 9). Alla luce di ciò, v'è l'obbligo di esaminare la retribuzione di questa professione sotto il profilo della differenza salariale fondata sulla parità dei sessi, in modo particolare valutando se si presentano fattori non giustificabili oggettivamente o discriminatori. La causa deve pertanto essere rinviata al Tribunale cantonale perché proceda a questo esame (consid. 9.2 e 10).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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