Austritt aus Pensionskasse mit Staatsgarantie: Nachschusspflicht nach APK-Deckungsgrad ohne Auflösung Wertschwankungsreserve zulässig (Art. 69 Abs. 2 BVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 140 V 420 · ATF 140 V 420 · DTF 140 V 420
- Datum
- 08.07.2014
- Geschäftsnummer
- BGE 140 V 420
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 8 BV Art. 49 BVG Art. 50 BVG Art. 65 BVG Art. 65a BVG Art. 69 BVG Art. 71 BVG Art. 27h BVV Art. 47 BVV
Zusammenfassung
Die Aargauische Pensionskasse (APK) klagte gegen die Einwohnergemeinde Rudolfstetten-Friedlisberg auf Zahlung eines Nachschusses wegen Unterdeckung beim Austritt aus der Vorsorgeeinrichtung per 31. Dezember 2007. Die Gemeinde hatte das Anschlussverhältnis gekündigt. Die APK berechnete den Fehlbetrag basierend auf dem APK-Deckungsgrad von 73,9 %, welcher eine gebildete Wertschwankungsreserve nicht auflöste, während die Vorinstanz den höheren BVG-Deckungsgrad von 90,0 % anwenden wollte. Streitig war, ob die Bildung der Wertschwankungsreserve trotz bestehender Unterdeckung nach Art. 44 BVV 2 gesetzeskonform war und ob deren Nichtberücksichtigung bei der Berechnung der Nachschusspflicht eine verbotene Ungleichbehandlung gegenüber verbleibenden Arbeitgebern darstellte.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde der Aargauischen Pensionskasse teilweise gut und verpflichtete die Gemeinde zur Zahlung des höheren Betrags von Fr. 1'115'317.70 zuzüglich Zins.
Die Bildung einer Wertschwankungsreserve war vor Inkrafttreten der Art. 72a ff. BVG am 1. Januar 2012 auch bei öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit blosser Leistungsgarantie (keine Deckungsgarantie) gesetzeskonform, solange ein Zieldeckungsgrad von über 70 % erreicht wurde. Da die APK bis Ende 2007 nur eine Leistungsgarantie besass und Sanierungsmassnahmen erst bei Unterschreiten dieses Grades nötig waren, diente die Reserve der Sicherung des finanziellen Gleichgewichts und verstoss nicht gegen Swiss GAAP FER 26 oder Art. 65a Abs. 5 sowie Art. 71 Abs. 1 BVG. Die Vorinstanz hatte zu Unrecht angenommen, dass bei Unterdeckung im Sinne von Art. 44 BVV 2 keine Reserven gebildet werden dürften.
Hinsichtlich der Gleichbehandlung nach Art. 8 Abs. 1 BV stellte die Bemessung der Nachschusspflicht ohne Auflösung der Wertschwankungsreserve keine Benachteiligung dar. Da die Austrittsleistungen ausschliesslich mit Barmitteln erbracht wurden und die Reserve bilanziell als Eigenkapital an spezifische Aktiven gebunden ist, blieb sie unangetastet. Eine rechnerische Auflösung hätte den BVG-Deckungsgrad zu Lasten der verbleibenden Arbeitgeber gesenkt; die anteilsmässige Belastung blieb somit für alle gleich. Massgebend für die Höhe der Nachschusspflicht war gemäss Auslegung der Anschlussvereinbarung vom 22. August/3. Oktober 1994 und des Begleitschreibens vom 25. Juli 1994 der APK-Deckungsgrad von 73,9 %, da dieser Begriff in den anerkannten Reglementen definiert war und die Gemeinde diese durch den Änderungsvorbehalt akzeptiert hatte. Auf die unsubstantiierte Rüge betreffend Verzugszins trat das Gericht gestützt auf Art. 42 Abs. 2 BGG nicht ein.
Regeste
Art. 69 Abs. 2 BVG i.V.m. Art. 45 BVV 2 (je in Kraft gestanden bis 31. Dezember 2011); Art. 44 Abs. 1 und Art. 47 Abs. 2 BVV 2 (in der vom 1. April 2004 bis 31. Dezember 2013 geltenden Fassung) i.V.m. Art. 65a Abs. 1 und 5 sowie Art. 71 Abs. 1 BVG; Art. 27h Abs. 1 BVV 2 (in der bis 31. Mai 2009 geltenden Fassung); Bildung von Wertschwankungsreserven bei öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen, die in offener Kasse bilanzieren, und Nachschusspflicht austretender Arbeitgeber bei Unterdeckung. Die - vor Inkrafttreten der Art. 72a ff. BVG am 1. Januar 2012 - im Reglement der Vorsorgeeinrichtung einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft mit Staatsgarantie vorgesehene Bildung einer Wertschwankungsreserve bei Überschreiten des Zieldeckungsgrades von weniger als 100 % (bei dessen Unterschreitung Sanierungsmassnahmen einzuleiten sind), ist gesetzeskonform (E. 4). Die auf anschlussvertraglicher und reglementarischer Grundlage beruhende Bemessung des Anteils am versicherungstechnischen Fehlbetrag, den der austretende Arbeitgeber zu übernehmen hat, ohne Berücksichtigung bzw. ohne Auflösung der Wertschwankungsreserve stellt keine Ungleichbehandlung gegenüber den verbleibenden Arbeitgebern dar (E. 5 und 6). Regeste Art. 69 al. 2 LPP en relation avec l'art. 45 OPP 2 (dans leur teneur respective en vigueur jusqu'au 31 décembre 2011); art 44 al. 1 et art. 47 al. 2 OPP 2 (dans sa teneur en vigueur depuis le 1 er avril 2004 jusqu'au 31 décembre 2013) en relation avec l'art. 65a al. 1 et 5 ainsi que l'art. 71 al. 1 LPP; art. 27h al. 1 OPP 2 (dans sa teneur en vigueur jusqu'au 31 mai 2009); constitution de réserves de fluctuation de valeur dans le cas d'institutions de prévoyance de droit public qui tiennent leur bilan en caisse ouverte et devoir de l'employeur sortant de faire des versements complémentaires en cas de découvert. La constitution d'une réserve de fluctuation prévue dans le règlement de l'institution de prévoyance d'une collectivité de droit public avec garantie de l'Etat avant l'entrée en vigueur des art. 72a ss LPP le 1 er janvier 2012 en cas de dépassement du taux de couverture cible de moins de 100 % (valeur au-dessous de laquelle les mesures d'assainissement doivent être prises) est conforme à la loi (consid. 4). La détermination de la part du découvert actuariel que l'employeur sortant doit assumer, sans prise en considération, respectivement sans dissolution de la réserve de fluctuation, sur la base du contrat d'application et du règlement, ne représente pas une inégalité de traitement vis-à-vis des employeurs restants (consid. 5 et 6). Regesto Art. 69 cpv. 2 LPP in combinato disposto con l'art. 45a OPP 2 (nel loro tenore in vigore fino al 31 dicembre 2011); art. 44 cpv. 1 e art. 47 cpv. 2 OPP 2 (in vigore dal 1° aprile 2004 al 31 dicembre 2013) combinati con l'art. 65a cpv. 1 e 5 nonché art. 71 cpv. 1 LPP; art. 27h cpv. 1 OPP 2 (in vigore fino al 31 maggio 2009); costituzione di una riserva di fluttuazione di valore per istituzioni di previdenza di diritto pubblico che tengono il loro bilancio in cassa aperta e dovere del datore di lavoro uscente di compiere versamenti complementari in caso di copertura insufficiente. La costituzione di una riserva di fluttuazione in caso di superamento dell'obiettivo di tasso di copertura inferiore al 100 % (soglia al di sotto di cui occorre adottare misure di risanamento) prevista nel regolamento di un istituto di previdenza di una corporazione di diritto pubblico con garanzia dello Stato antecedente l'entrata in vigore il 1° gennaio 2012 degli art. 72a segg. LPP è conforme alla legge (consid. 4). La determinazione della quota di disavanzo che deve assumere il datore di lavoro uscente, basata su di un contratto di affiliazione e su di un regolamento, senza che sia presa in considerazione o dissolta la riserva di fluttuazione, non costituisce una disparità di trattamento rispetto ai datori di lavoro rimanenti (consid. 5 e 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
Verwandte Entscheide
- Versicherter beansprucht zusätzliche Austrittsleistung für Beiträge an Pensionskasse: Kein Anspruch, da Beiträge keine versicherten Leistungen sind und Überbrückungsrenten nicht kapitalgedeckt (Art. 17 Abs. 2 lit. c FZG)
- Pensionskasse verzichtet bei Teilliquidation auf Rückstellung: Contribution Agreement ersetzt keine Bilanzreserve, Beschwerde gutgeheissen (Art. 65 Abs. 1 BVG)
- Pensionskasse hebt Altersguthaben-Zins auf null: Aufsichtsbehörde greift wegen Unverhältnismässigkeit ein (Art. 62 Abs. 1 lit. d BVG)
- Teilliquidation unterdeckter Pensionskasse: Abzug Fehlbetrag auf volle Austrittsleistung, Sache zur neuen Beurteilung zurückgewiesen (Art. 53d Abs. 3 BVG)