Haftung der Pensionskassen-Kontrollstelle verneint: Kausalzusammenhang durch strafbare Handlungen der Stiftungsorgane unterbrochen (Art. 52, 56a, 71 BVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 140 V 405 · ATF 140 V 405 · DTF 140 V 405
- Datum
- 02.07.2014
- Geschäftsnummer
- BGE 140 V 405
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 52 BVG Art. 56a BVG Art. 71 BVG Art. 35 BVV Art. 36 BVV
Zusammenfassung
Der Sicherheitsfonds BVG klagt gegen die Treuhand A. AG als ehemalige Kontrollstelle der liquidierten Pensionskasse B. auf Ersatz von Insolvenzleistungen in Höhe von 9,9 Millionen Franken. Die Klage stützt sich auf angebliche Pflichtverletzungen der Kontrollstelle beim Erwerb von Aktien der Stifterfirma C. AG durch die Pensionskasse im Jahr 1991 sowie bei der Erstellung der Revisionsberichte für die Jahre 1991 und 1992. Der Sicherheitsfonds macht geltend, die Kontrollstelle habe die Gesetzeskonformität des Aktienkaufs fälschlicherweise bestätigt und in ihren Berichten Mängel verschwiegen, was zum Totalverlust der Anlagen geführt habe. Die Vorinstanz wies die Klage ab, da sie keinen adäquaten Kausalzusammenhang zwischen dem Verhalten der Kontrollstelle und dem Schaden bejahte.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde des Sicherheitsfonds BVG ab, soweit darauf eingetreten wird, und bestätigt die Abweisung der Klage gegen die Treuhand A. AG.
Die Haftung der Kontrollstelle nach Art. 56a BVG (in der bis Ende 2004 gültigen Fassung) setzt neben einer Widerrechtlichkeit und einem Verschulden auch einen adäquaten Kausalzusammenhang voraus. Zwar rügt das Gericht, dass die Kontrollstelle bei ihrer Auskunft vom 13. Dezember 1991 möglicherweise ihre Sorgfaltspflicht verletzt hat, indem sie keine umfassende Bonitätsprüfung der Stifterfirma C. AG vornahm. Dennoch fehlt es an der Kausalität, da die Stiftungsräte der Pensionskasse der Kontrollstelle bewusst einen erheblich niedrigeren Kaufpreis (rund 2 Mio. Franken) nannten als den tatsächlich vereinbarten Preis (7,5 Mio. Franken). Hätte die Kontrollstelle den wahren Preis gekannt, wäre der Kauf ohnehin gesetzeswidrig gewesen; ihr Urteil basierte jedoch auf falschen Angaben der später strafrechtlich verurteilten Organe. Eine allfällige Pflichtwidrigkeit war daher nicht ursächlich für den Kaufentscheid.
Hinsichtlich der Revisionsberichte für 1991 und 1992 stellt das Bundesgericht fest, dass die Kontrollstelle zwar Art. 71 Abs. 1 BVG sowie Art. 35 Abs. 2 und Art. 36 Abs. 2 BVV verletzte, indem sie massive Abschreibungen nicht thematisierte und keine angemessene Frist zur Wiederherstellung des ordnungsgemässen Zustands ansetzte. Diese Pflichtverletzungen treten jedoch gegenüber den kriminellen Machenschaften der Stiftungsorgane (Veruntreuung, Urkundenfälschung) so sehr in den Hintergrund, dass der Kausalzusammenhang als unterbrochen gilt. Die Aufsichtsbehörde reagierte zudem umgehend auf die Berichte und übte Druck aus, sodass sich ein korrekter Bericht nicht schadenverhindernd ausgewirkt hätte. Auch eine Kapitalerhöhung im Juli 1992 wäre ohne die Straftaten nicht möglich gewesen, da kein Markt für die Aktien bestand.
Entscheidend ist somit, dass die strafbaren Handlungen der Pensionskassenorgane den Schaden primär verursachten und das allenfalls fehlerhafte Verhalten der Kontrollstelle nicht adäquat kausal für den Eintritt des Schadens war.
Regeste
Art. 52 und 56a BVG (je in der bis 31. Dezember 2004 gültig gewesenen Fassung), Art. 71 BVG; Verantwortlichkeit der Kontrollstelle in Bezug auf Anlagen beim Arbeitgeber. Anlagen der Vorsorgeeinrichtung bei der Stifterfirma sind grundsätzlich ein Risiko. Anfang der 1990er-Jahre wurden die Anforderungen an die Bonität der Stifterfirma zwar eher grosszügig gehandhabt, beinhalteten aber jedenfalls eine Überprüfung der wirtschaftlichen Situation der Arbeitgeberfirma (E. 5.2). Beurteilt die Revisionsstelle - in einer ausserhalb ihrer Funktion als Kontrollstelle erteilten Auskunft - den Kauf von Aktien der Stifterfirma als gesetzmässig, weil ihr von den (später strafrechtlich verurteilten) Organen der Stifterfirma ein beträchtlich tieferer Kaufpreis als der effektiv bezahlte angegeben wurde, entfällt deren Haftung unter dem Gesichtspunkt der adäquaten Kausalität selbst dann, wenn eine Pflichtwidrigkeit zu bejahen wäre (E. 5). Tritt ein Verschulden der Revisionsstelle in Zusammenhang mit dem Verfassen von Kontrollstellenberichten im Vergleich zu den kriminellen Machenschaften der Stiftungsorgane der Pensionskasse derart in den Hintergrund, dass der Kausalzusammenhang als unterbrochen zu betrachten ist, fällt eine Haftung ausser Betracht (E. 6). Regeste Art. 52 et 56a LPP (dans leur teneur en vigueur jusqu'au 31 décembre 2004), art. 71 LPP; responsabilité de l'organe de contrôle en lien avec des placements chez l'employeur. Constitue en principe un risque le fait pour l'institution de prévoyance de procéder à des placements financiers auprès de la société fondatrice. Au début des années 1990, les exigences en matière de solvabilité de la société fondatrice étaient appréciées avec plus de souplesse, mais elles contenaient à tout le moins un contrôle de la situation économique de la société employeuse (consid. 5.2). Lorsque l'organe de révision juge - dans le cadre d'un renseignement qu'il a donné en marge de ses fonctions d'organe de contrôle - l'achat de parts de la société fondatrice comme étant conforme à la loi, car un prix d'achat notablement inférieur à celui effectivement payé lui a été communiqué par les organes (condamnés plus tard pénalement) de la société fondatrice, sa responsabilité est exclue faute de causalité adéquate, et cela même si une violation de ses obligations devait être admise (consid. 5). Une responsabilité est exclue lorsque les agissements criminels des organes de l'institution de prévoyance relèguent à tel point à l'arrière-plan la faute de l'organe de révision commise en lien avec l'établissement de ses rapports de révision qu'il faut considérer le lien de causalité comme interrompu (consid. 6). Regesto Art. 52 e 56a LPP (entrambi in vigore fino al 31 dicembre 2004), art. 71 LPP, responsabilità dell'organo di controllo per investimenti presso il datore di lavoro. Gli investimenti dell'istituto di previdenza presso la società fondatrice sono in linea di principio un rischio. Agli inizi degli anni 1990, le esigenze in ambito di solvibilità della società fondatrice erano valutate con meno rigore, ma comprendevano per lo meno una verifica della situazione economica della società datrice di lavoro (consid. 5.2). Quando l'organo di revisione - nel quadro di un'indicazione fornita a margine del suo ruolo di organo di controllo - reputa conforme alla legge l'acquisto di azioni della società fondatrice, poiché il prezzo d'acquisto sensibilmente inferiore a quello pagato è stato comunicato dagli organi (condannati penalmente in seguito) della società fondatrice, una sua responsabilità è esclusa per assenza di nesso di causalità adeguato, anche nell'ipotesi in cui una violazione dei propri obblighi dovesse essere ammessa (consid. 5). Se la colpa dell'organo di revisione nell'ambito dell'elaborazione di rapporti dell'organo di controllo è relegata a tal punto in secondo piano rispetto agli atti criminali degli organi di fondazione da rendere interrotto un nesso di causalità, la responsabilità è esclusa (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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