Kleinwasserkraftwerk Obergoms: Fassung des Gonerliwassers wegen Landschaftsschutz untersagt, übriges Projekt genehmigt (Art. 22 WRG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 140 II 262 · ATF 140 II 262 · DTF 140 II 262
- Datum
- 02.04.2014
- Geschäftsnummer
- BGE 140 II 262
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 89 BV Art. 1 EnG Art. 7a EnG Art. 3g EnV Art. 4 GSchG Art. 29 GSchG Art. 30 GSchG Art. 31 GSchG Art. 33 GSchG Art. 35 GSchV Art. 33 GschG Art. 22 LFH Art. 39 LFH Art. 58 LFH Art. 10a LPE Art. 3 NHG Art. 18 NHG Art. 8 RPG Art. 7 USG Art. 10a USG Art. 10b USG Art. 1 UVPV Art. 3 UVPV Art. 9 UVPV Art. 22 WRG Art. 38 WRG Art. 39 WRG Art. 58 WRG
Zusammenfassung
Der WWF Schweiz, Pro Natura und die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz fochten die Erteilung einer Wasserrechtskonzession für ein Kleinwasserkraftwerk mit 4,2 MW Leistung in der Gemeinde Obergoms (Wallis) an. Die Beschwerdeführer verlangten die Aufhebung der Konzession oder zumindest strengere Auflagen bezüglich der Mindestrestwassermenge zum Schutz seltener Lebensräume und der Fischwanderung sowie eine Reduktion der Konzessionsdauer. Im Zentrum stand die Frage, ob die geplante Entnahme von Wasser aus dem Gonerliwasser und dem Gerewasser mit dem Gewässerschutzgesetz, dem Wasserrechtsgesetz und dem Raumplanungsgesetz vereinbar ist.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerde teilweise gut und hob den kantonalen Genehmigungsentscheid auf, soweit dieser die Fassung des Gonerliwassers bestätigte. Für die übrigen Punkte wurde die Beschwerde abgewiesen.
Zur Richtplanfrage entschied das Gericht, dass für ein Kleinwasserkraftwerk dieser Grössenordnung keine spezifische Grundlage im kantonalen Richtplan erforderlich ist, da die raumwirksamen Tätigkeiten bereits durch die bestehenden Koordinationsblätter hinreichend abgestimmt sind (Art. 8 RPG).
Bei der Prüfung der Mindestrestwassermengem nach Art. 31 GSchG wies das Gericht die Rügen der Beschwerdeführer zurück. Eine Erhöhung zum Schutz seltener Lebensräume (Art. 31 Abs. 2 lit. c GSchG) wurde verneint, da der Umweltverträglichkeitsbericht keine konkreten Hinweise auf gefährdete Biotope enthielt und die steilen, felsigen Uferbereiche kaum Vegetation aufweisen. Auch eine Erhöhung zur Gewährleistung der freien Fischwanderung (Art. 31 Abs. 2 lit. d GSchG) kam nicht in Betracht, da sowohl das Gerewasser als auch das Gonerliwasser aufgrund natürlicher Abstürze und hoher Schwebstoffbelastung ohnehin nicht fischgängig sind; die Voraussetzung für diese Norm wäre die Möglichkeit der Wanderung im naturnahen Zustand.
Im Rahmen der umfassenden Interessenabwägung (Art. 33 GSchG, Art. 39 WRG) gelangte das Gericht jedoch zu einem anderen Ergebnis bezüglich des Gonerliwassers. Dieses Gewässer bildet ein wertvolles, unberührtes Landschaftselement mit eindrücklichen Kaskaden, das in einem kantonalen Landschaftsschutzgebiet liegt. Die geplante Reduktion auf eine Restwassermenge von 62 l/s würde die landschaftliche Dynamik zerstören. Dem gegenüber steht ein bescheidener Beitrag zur Stromproduktion (ca. 1/4 bis 1/3 der Gesamtproduktion des Projekts). Das öffentliche Interesse an der Förderung erneuerbarer Energien (Art. 1 EnG, Art. 89 BV) verleiht dem Projekt kein erhöhtes Gewicht, das diesen schweren Eingriff rechtfertigt. Daher ist auf die Fassung des Gonerliwassers zu verzichten.
Anders beim Gerewasser: Hier überwiegen die Interessen an der Wasserentnahme. Das Gewässer ist weniger prominent, durch menschliche Eingriffe (Fahrweg, Brücke) vorbelastet und erhält kurz nach der Fassung Zufluss vom Tällibach, was die landschaftliche Beeinträchtigung mildert. Die Fassung des Gerewassers ist daher zulässig.
Schliesslich bestätigte das Gericht die Konzessionsdauer von 80 Jahren als zulässig. Diese entspricht der gesetzlichen Höchstgrenze nach Art. 58 WRG. Dass die Investitionskosten dank der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) schneller amortisiert werden könnten, ändert nichts an der Zulässigkeit der vollen Dauer, da das Gesetz dem Gemeinwesen die Möglichkeit gibt, Hoheitsrechte nicht dauerhaft zu entäussern, aber auch keine automatische Kürzung bei früherer Amortisation vorsieht.
Regeste
Art. 8 RPG; Art. 10a USG; Art. 29 ff. GSchG; Art. 22, 39 und 58 WRG; Wassernutzungskonzession für Kleinwasserkraftwerk. Das in Frage stehende Kleinwasserkraftwerk erfordert keine Grundlage im Richtplan (E. 2). Prüfungsgegenstand der ersten Stufe der Umweltverträglichkeitsprüfung im Rahmen des Konzessionsentscheids (E. 4). Grundsätze zur Festlegung der Mindestrestwassermenge (E. 5). Erhöhung der Mindestrestwassermenge zum Schutz seltener Lebensräume und -gemeinschaften; inhaltliche Anforderungen an den Umweltverträglichkeitsbericht (E. 6). Erhöhung der Mindestrestwassermenge zur Gewährleistung der für die freie Fischwanderung erforderlichen Wassertiefe. Eine Erhöhung setzt voraus, dass im naturnahen Zustand die freie Fischwanderung überhaupt möglich ist (E. 7). Umfassende Interessenabwägung unter Berücksichtigung namentlich des gesetzlichen Ziels, die Erzeugung von Elektrizität aus erneuerbaren Energien zu fördern (E. 8). Die Konzessionsdauer von 80 Jahren entspricht der gesetzlichen Höchstdauer. Sie ist zulässig, auch wenn die Amortisationsdauer für die getätigten Investitionen deutlich kürzer ist (E. 10). Regeste Art. 8 LAT; art. 10a LPE; art. 29 ss LEaux; art. 22, 39 et 58 LFH; concession de droit d'eau pour une petite centrale hydroélectrique. La petite centrale hydroélectrique en question ne nécessite pas de fondement dans le plan directeur (consid. 2). Objet de l'examen de la première étape de l'étude d'impact sur l'environnement dans le cadre de la décision de concession (consid. 4). Principes applicables à la détermination du débit résiduel minimal (consid. 5). Augmentation du débit résiduel minimal pour la protection de biotopes et de biocénoses rares; exigences quant au contenu du rapport d'impact sur l'environnement (consid. 6). Augmentation du débit résiduel minimal pour garantir la profondeur d'eau nécessaire à la libre migration des poissons. Une augmentation suppose que la libre migration est déjà possible dans l'état naturel (consid. 7). Pesée globale des intérêts prenant notamment en compte l'objectif du législateur de favoriser la production d'électricité à partir de sources d'énergie renouvelables (consid. 8). La durée de la concession de 80 ans correspond à la durée maximale prévue par la loi. Elle est admissible même si la durée d'amortissement est clairement plus courte pour les investissements effectués (consid. 10). Regesto Art. 8 LPT; art. 10a LPAmb; art. 29 segg. LPAc; art. 22, 39 e 58 LUFI; concessione per l'utilizzazione delle acque per una centralina idroelettrica. La centralina idroelettrica in questione non necessita di un fondamento nel piano direttore (consid. 2). Oggetto dell'esame nella prima fase dell'esame dell'impatto sull'ambiente nel quadro della decisione di concessione (consid. 4). Principi per la determinazione del deflusso residuale minimo (consid. 5). Aumento del deflusso residuale minimo per tutelare i biotopi e le biocenosi rari; esigenze al contenuto del rapporto dell'impatto sull'ambiente (consid. 6). Aumento del deflusso residuale minimo per garantire la profondità d'acqua necessaria alla libera migrazione dei pesci. Un aumento presuppone che la libera migrazione sia già possibile allo stato naturale (consid. 7). Valutazione globale degli interessi che tenga segnatamente in considerazione l'obiettivo legale di promuovere la produzione di elettricità a partire da fonti di energia rinnovabili (consid. 8). La durata della concessione di 80 anni corrisponde alla durata massima legale. Essa è ammissibile, sebbene il periodo di ammortamento per gli investimenti effettuati sia chiaramente più corto (consid. 10).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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