Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 34 BV

Bundesgericht

Kantonsratswahl Appenzell A.Rh.: Gemischtes Wahlverfahren (Majorz/Proporz) verstösst nicht gegen Wahlrechtsgleichheit (Art. 34 Abs. 1 und 2 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 140 I 394 · ATF 140 I 394 · DTF 140 I 394
Datum
26.09.2014
Geschäftsnummer
BGE 140 I 394
Abteilung
CH_BGE_001
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 34 BV Art. 39 BV Art. 51 BV Art. 71 KV/AR

Zusammenfassung

Ein Beschwerdeführer focht die Gesamterneuerungswahl des Kantonsrats von Appenzell Ausserrhoden aus dem Jahr 2011 an. Er rügte, dass in 19 von 20 Wahlkreisen das Majorzsystem angewandt wurde, was zu einer massiven Verfälschung des Wahlresultats und einer Verletzung der Wahlrechtsgleichheit führe. Der Regierungsrat und das Obergericht wiesen die Beschwerde ab. Vor dem Bundesgericht ging es um die Frage, ob das in der Kantonsverfassung vorgesehene gemischte Wahlsystem, das Elemente des Mehrheits- und des Verhältniswahlrechts kombiniert, mit der Bundesverfassung vereinbar ist.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab, soweit darauf einzutreten ist. Es prüft zunächst seine Befugnis zur inzidenten Kontrolle der kantonalen Verfassungsbestimmung (Art. 71 KV/AR). Da sich das Prinzip der Wahlrechtsgleichheit aus Art. 34 BV seit der Gewährleistung der Appenzeller Verfassung im Jahr 1996 durch eine Weiterentwicklung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung geändert hat, ist eine Überprüfung im konkreten Anwendungsfall zulässig.

In der Sache hält das Gericht fest, dass das Majorzprinzip für kantonale Parlamentswahlen im Hinblick auf die Erfolgswertgleichheit nicht optimal ist, da Stimmen für nicht gewählte Kandidaten unberücksichtigt bleiben. Dies führt jedoch nicht automatisch zur Unvereinbarkeit mit der Bundesverfassung. Je nach den konkreten Umständen können die Vorteile des Majorzsystems (z.B. Stärkung der Persönlichkeit, Repräsentation kleiner Gebiete mit eigener Identität) schwerer wiegen als die Nachteile.

Das vorliegende gemischte System wird als verfassungskonform beurteilt. In Herisau, dem grössten Wahlkreis mit 14 Sitzen, gilt das Proporzsystem, was die Einschränkungen der Wahlrechtsgleichheit in den übrigen 19 Wahlkreisen (mit 2 bis 6 Sitzen im Majorz) zumindest teilweise abmildert. Die Aufteilung ist sachlich nachvollziehbar: Das Proporzsystem kommt dort zum Zug, wo die Bevölkerungszahl eine proportionale Vertretung besser gewährleistet, während das Majorzsystem in kleineren Gemeinden Tradition und lokale Identität berücksichtigt. Der Beschwerdeführer konnte keine hinreichenden Gründe darlegen, warum dieses spezifische Nebeneinander von Majorz und Proporz gegen Art. 34 Abs. 1 und 2 BV verstosse.

Regeste

a Art. 34 Abs. 1 und 2 sowie Art. 51 Abs. 2 BV; Befugnis des Bundesgerichts zur Überprüfung von kantonalen Verfassungsbestimmungen im Anwendungsfall. Das aus Art. 34 BV fliessende Prinzip der Wahlrechtsgleichheit ist seit der Gewährleistung der Verfassung des Kantons Appenzell A.Rh. durch die Bundesversammlung im Jahr 1996 weiterentwickelt worden. Dieser Entwicklung gilt es Rechnung zu tragen, weshalb das Bundesgericht auf eine die Wahl des Kantonsrats Appenzell A.Rh. 2011 betreffende Beschwerde hin prüft, ob das in den Grundzügen in der Kantonsverfassung geregelte Wahlverfahren mit der Wahlrechtsgleichheit zu vereinbaren ist (E. 9). Regeste b Art. 34 Abs. 1 und 2 BV; Wahl eines kantonalen Parlaments in einem gemischten Wahlverfahren, welches Elemente sowohl des Majorz- als auch des Proporzprinzips enthält. Im Hinblick auf die aus Art. 34 BV fliessende Wahlrechtsgleichheit erweist sich das Majorzprinzip für kantonale Parlamentswahlen als nicht optimal. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Majorzverfahren für kantonale Parlamentswahlen mit der Bundesverfassung generell unvereinbar wäre. Je nach den konkreten Umständen können die Vorteile des Majorzprinzips grösser sein als die mit seiner Anwendung verbundenen Nachteile (E. 8 und 10). Auch ein gemischtes Wahlsystem, welches Elemente sowohl des Majorz- als auch des Proporzprinzips enthält, ist unter bestimmten Voraussetzungen mit der Bundesverfassung vereinbar (E. 11). Regeste a Art. 34 al. 1 et 2 ainsi qu'art. 51 al. 2 Cst.; compétence du Tribunal fédéral pour examiner des dispositions d'une constitution cantonale dans le cas particulier. Le principe de l'égalité de droit en matière d'élection découlant de l'art. 34 Cst. a été développé depuis que l'Assemblée fédérale a octroyé la garantie à la constitution du canton d'Appenzell Rhodes-Extérieures en 1996. Ce développement doit être pris en compte lorsque le Tribunal fédéral, saisi d'un recours contre l'élection du parlement cantonal d'Appenzell Rhodes-Extérieures qui a eu lieu en 2011, examine si le système électoral prévu dans les grandes lignes par la constitution cantonale est compatible avec l'égalité de droit en matière d'élection (consid. 9). Regeste b Art. 34 al. 1 et 2 Cst.; élection d'un parlement cantonal selon un système électoral mixte, comprenant des éléments des principes majoritaire et proportionnel. Le principe majoritaire n'est pas optimal pour les élections au parlement cantonal du point de vue de l'égalité de droit en matière d'élection découlant de l'art. 34 Cst. Cela ne signifie cependant pas que le système majoritaire pour ces élections serait incompatible avec la Constitution fédérale de manière générale. Les avantages du principe majoritaire peuvent être plus importants dans les circonstances concrètes que les inconvénients liés à son application (consid. 8 et 10). Un système électoral mixte, contenant des éléments des principes majoritaire et proportionnel, est à certaines conditions compatible avec la Constitution fédérale (consid. 11). Regesto a Art. 34 cpv. 1 e 2 nonché art. 51 cpv. 2 Cost.; facoltà del Tribunale federale di esaminare disposizioni costituzionali cantonali nel caso di applicazione. Il principio dell'uguaglianza in materia di elezioni, derivante dall'art. 34 Cost., è stato ulteriormente sviluppato dopo che l'Assemblea federale ha conferito la garanzia federale alla Costituzione del Cantone di Appenzello Esterno nel 1996. Questa evoluzione deve essere presa in considerazione, per cui il Tribunale federale, adito con un ricorso contro l'elezione del parlamento cantonale di Appenzello Esterno del 2011, esamina se il sistema elettorale disciplinato nelle caratteristiche fondamentali nella Costituzione cantonale è compatibile con il principio di uguaglianza in materia di elezioni (consid. 9). Regesto b Art. 34 cpv. 1 e 2 Cost.; elezione di un parlamento cantonale in un sistema elettorale misto, che contiene elementi sia del principio maggioritario sia di quello proporzionale. Nell'ottica dell'uguaglianza in materia di elezioni, derivante dall'art. 34 Cost., il principio maggioritario non risulta ottimale per le elezioni del parlamento cantonale. Ciò non significa tuttavia che, per queste elezioni, il sistema maggioritario sarebbe generalmente incompatibile con la Costituzione federale. A dipendenza delle circostanze concrete, i vantaggi del principio maggioritario possono essere superiori agli inconvenienti legati alla sua applicazione (consid. 8 e 10). Anche un sistema elettorale misto, che comprende elementi sia del principio maggioritario sia di quello proporzionale, a determinate condizioni è compatibile con la Costituzione federale (consid. 11).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide