Bündner Grossratswahl: Sitzgarantie für Wahlkreis Avers und Majorzwahlverfahren in sechs Grossstädten verletzen Wahlrechtsgleichheit (Art. 34 Abs. 2 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 145 I 259 · ATF 145 I 259 · DTF 145 I 259
- Datum
- 29.07.2019
- Geschäftsnummer
- BGE 145 I 259
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Mehrere Privatpersonen und politische Parteien im Kanton Graubünden erhoben beim Bundesgericht eine Beschwerde gegen das geltende Wahlsystem für den Grossen Rat. Sie rügten, das reine Majorzwahlverfahren, die Verteilung der Sitze nach der schweizerischen Wohnbevölkerung und die Sitzgarantie für jeden Wahlkreis verstossen gegen die Bundesverfassung, insbesondere gegen die Wahlrechtsgleichheit. Streitig war, ob das System die Stimmkraftgleichheit und die Erfolgswertgleichheit gewährleistet und ob die Kantonsverfassung überhaupt vom Bundesgericht überprüft werden darf.
Das Bundesgericht stellte fest, dass die Beschwerde teilweise begründet ist. Es entschied, dass die Sitzgarantie für den Wahlkreis Avers mit nur 160 Schweizer Wohnbevölkerung gegen Art. 34 Abs. 2 BV verstösst, weil die Abweichung von der durchschnittlichen Repräsentationsziffer von 1'342 Personen so gravierend ist, dass die Stimmkraftgleichheit nicht mehr gewährleistet ist. Ebenso verletzt das Majorzwahlverfahren in den sechs bevölkerungsreichsten Wahlkreisen – Chur (27'955 Einwohner), Fünf Dörfer (16'009), Oberengadin (11'430), Rhäzüns (10'229), Davos (8'062) und Ilanz (7'991) – die Erfolgswertgleichheit gemäss Art. 34 Abs. 2 BV, da dort die Persönlichkeit der Kandidierenden für die Wähler nicht mehr im Vordergrund steht und die Parteizugehörigkeit dominiert. Hingegen ist die Sitzverteilung nach der schweizerischen Wohnbevölkerung verfassungskonform (Art. 8 BV, Art. 34 BV), ebenso wie die Anwendung des Majorzprinzips in den übrigen 33 kleineren Wahlkreisen mit weniger als 7'000 Schweizer Wohnbevölkerern, wo die geografische, kulturelle und sprachliche Vielfalt des Kantons sowie die Nähe zwischen Kandidierenden und Wählerschaft die Erfolgswertgleichheit sachlich rechtfertigen. Das Bundesgericht wies die zuständigen Behörden des Kantons Graubünden an, bis zur nächsten Grossratswahl eine verfassungskonforme Wahlordnung zu schaffen, insbesondere durch Aufhebung der Sitzgarantie für Avers und Anpassung des Wahlsystems in den sechs Grosswahlkreisen – etwa durch Aufteilung oder Einführung eines Mischsystems mit Proporzanteilen. Die Entscheidung beruht auf Art. 8 BV, Art. 34 Abs. 2 BV, Art. 51 Abs. 1 und 2 BV sowie Art. 27 KV/GR, Art. 27 Abs. 2 und 4 KV/GR und Art. 2 Abs. 1 lit. a GRG. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es erstmals ein reines Majorzwahlverfahren für ein kantonales Parlament auf seine Vereinbarkeit mit der Bundesverfassung prüft und konkrete quantitative Schranken für die Zulässigkeit von Sitzgarantien und Wahlkreisgrössen festlegt.
Regeste
Art. 8, 34 Abs. 1 und 2 sowie Art. 51 Abs. 1 und 2 BV; Wahl eines kantonalen Parlaments in einem reinen Majorzverfahren. Ausführungen zum Verfahren für die Wahl des Grossen Rats des Kantons Graubünden (E. 3). Bedeutung der Wahlrechtsgleichheit für das Verfahren für die Wahl eines kantonalen Parlaments (E. 4). Voraussetzungen für die Überprüfung von Bestimmungen einer Kantonsverfassung durch das Bundesgericht (E. 5). Die Grösse der schweizerischen Wohnbevölkerung als zulässiges Kriterium für die Verteilung der Sitze auf die Wahlkreise (E. 6). Frage der Zulässigkeit von Sitzgarantien für Wahlkreise mit zu geringer Bevölkerungszahl (E. 7). Voraussetzungen, unter denen ein reines Majorzverfahren für die Wahl eines kantonalen Parlaments mit der Wahlrechtsgleichheit vereinbar ist (E. 8). Regeste Art. 8, 34 al. 1 et 2 ainsi qu'art. 51 al. 1 et 2 Cst.; élection d'un parlement cantonal selon un pur système majoritaire. Procédure pour l'élection du Grand Conseil du canton des Grisons (consid. 3). Signification du principe d'égalité de droit en matière d'élections pour la procédure d'élection d'un parlement cantonal (consid. 4). Conditions pour le contrôle de dispositions d'une constitution cantonale par le Tribunal fédéral (consid. 5). Importance de la population suisse résidente comme critère admissible de répartition des sièges dans les circonscriptions électorales (consid. 6). Admissibilité de garanties de sièges pour des arrondissements électoraux avec une population trop faible (consid. 7). Conditions dans lesquelles un pur système majoritaire pour l'élection d'un parlement cantonal est compatible avec l'égalité de droit en matière d'élections (consid. 8). Regesto Art. 8, 34 cpv. 1 e 2 nonché art. 51 cpv. 1 e 2 Cost.; elezione di un parlamento cantonale secondo un sistema maggioritario puro. Procedura per l'elezione del Gran Consiglio del Cantone dei Grigioni (consid. 3). Importanza del principio dell'uguaglianza del valore del voto per la procedura di elezione di un parlamento cantonale (consid. 4). Condizioni per l'esame di disposizioni di una Costituzione cantonale da parte del Tribunale federale (consid. 5). Consistenza della popolazione svizzera residente quale criterio ammissibile per la ripartizione dei seggi nei circondari elettorali (consid. 6). Questione dell'ammissibilità di garanzie di seggi per circondari elettorali con un numero di abitanti troppo ridotto (consid. 7). Condizioni alle quali un sistema maggioritario puro per l'elezione di un parlamento cantonale è compatibile con il principio dell'uguaglianza del valore del voto (consid. 8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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