Beschwerdelegitimation mündiger Kinder bei gesonderter Berechnung von Ergänzungsleistungen zur IV-Kinderrente (Art. 59 ATSG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 138 V 292 · ATF 138 V 292 · DTF 138 V 292
- Datum
- 11.07.2012
- Geschäftsnummer
- BGE 138 V 292
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Eine volljährige Tochter, die eine Ausbildung absolviert und für die eine Invalidenversicherungskinderrente sowie ergänzende Leistungen berechnet werden, ficht einen Entscheid an, mit dem die zuständige Durchführungsstelle die Ausrichtung dieser Ergänzungsleistungen verweigert. Die Vorinstanz trat auf ihre Beschwerde nicht ein, da sie das Kind als nicht beschwerdeberechtigt ansah, weil der eigentliche Leistungsanspruch dem invaliden Elternteil zustehe und keine gesetzliche Grundlage für eine direkte Auszahlung an das Kind bestehe. Das Bundesgericht prüft, ob das mündige Kind trotz fehlenden eigenen materiellen Anspruchs auf Ergänzungsleistungen prozessual legitimiert ist, gegen Verfügungen vorzugehen, die seine gesondert berechneten Zusatzleistungen betreffen.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und hebt den Nichteintretensentscheid der Vorinstanz auf. Es stellt fest, dass das mündige Kind zwar keinen originären Anspruch auf Ergänzungsleistungen hat, da diese nur Personen mit eigenem Rentenanspruch zustehen (Art. 4 Abs. 1 lit. c ELG). Dennoch besitzt es ein schutzwürdiges Interesse im Sinne von Art. 59 ATSG bzw. Art. 89 Abs. 1 lit. c BGG, wenn es um die gesonderte Berechnung seines Bedarfs geht. Die Legitimation ergibt sich aus dem Grundsatz der Einheit des Prozesses: Da das Kind gemäss Art. 20 Abs. 1 ELV in Verbindung mit Art. 67 Abs. 1 AHVV befugt ist, seinen Vater zum Bezug der Ergänzungsleistungen anzumelden, steht ihm auch die Befugnis zu, diesen Anspruch im Rechtsmittelverfahren durchzusetzen. Die Frage, ob Art. 71ter Abs. 3 AHVV analog für die Auszahlung anwendbar ist, lässt das Gericht offen, da dies für die Prozesslegitimation nicht entscheidend ist. Der vorinstanzliche Entscheid verletzt daher Bundesrecht (Art. 95 lit. a BGG).
Regeste
Art. 59 ATSG; Art. 89 Abs. 1 lit. c BGG; Art. 35 Abs. 1 IVG; Art. 82 IVV und Art. 71 ter Abs. 3 AHVV; Art. 7 Abs. 1 lit. c und Abs. 2 ELV; Art. 20 Abs. 1 ELV und Art. 67 Abs. 1 AHVV; Beschwerdelegitimation des Kindes einer Ergänzungsleistungen beziehenden Person, für das Anspruch auf eine Kinderrente der Invalidenversicherung besteht. Das erforderliche Rechtsschutzinteresse des mündigen Kindes, für das Anspruch auf eine Kinderrente der Invalidenversicherung besteht, an der Anfechtung der für dieses gesondert vorgenommenen Berechnung der Ergänzungsleistung (EL) ergibt sich aus dessen Befugnis, die Eltern zum EL-Bezug anzumelden (E. 4). Frage offengelassen, ob Art. 71 ter Abs. 3 AHVV sinngemäss auch im EL-Bereich anwendbar ist, da selbst ein Anspruch des mündigen Kindes auf Auszahlung der gesondert berechneten Ergänzungsleistung an sich nicht ohne weiteres die den grundsätzlichen und umfangmässigen Leistungsanspruch als solchen betreffende Beschwerdebefugnis vermittelte (E. 4.2.2). Regeste Art. 59 LPGA; art. 89 al. 1 let. c LTF; art. 35 al. 1 LAI; art. 82 RAI et art. 71 ter al. 3 RAVS; art. 7 al. 1 let. c et al. 2 OPC-AVS/AI; art. 20 al. 1 OPC-AVS/AI et art. 67 al. 1 RAVS; qualité pour recourir de l'enfant d'une personne au bénéfice de prestations complémentaires donnant droit à une rente pour enfant de l'assurance-invalidité. L'intérêt juridiquement protégé de l'enfant majeur donnant droit à une rente pour enfant de l'assurance-invalidité nécessaire pour attaquer le calcul séparé de la prestation complémentaire résulte de la faculté de pouvoir exercer le droit aux prestations complémentaires pour le compte de ses parents (consid. 4). Question laissée ouverte de savoir si l'art. 71 ter al. 3 RAVS est également applicable en matière de prestations complémentaires, car le droit de l'enfant majeur au versement direct de la prestation complémentaire calculée séparément ne donne pas encore compétence pour recourir quant au principe et à l'étendue du droit à la prestation (consid. 4.2.2). Regesto Art. 59 LPGA; art. 89 cpv. 1 lett. c LTF; art. 35 cpv. 1 LAI; art. 82 OAI e art. 71 ter cpv. 3 OAVS; art. 7 cpv. 1 lett. c e cpv. 2 OPC-AVS/AI; art. 20 cpv. 1 OPC-AVS/AI e art. 67 cpv. 1 OAVS; legittimazione a ricorrere del figlio di un beneficiario di prestazioni complementari per il quale è dato il diritto ad una rendita completiva per figli dell'assicurazione per l'invalidità. Il necessario interesse giuridicamente protetto del figlio maggiorenne che dà diritto ad una rendita completiva per figli dell'assicurazione per l'invalidità a contestare il calcolo separato della prestazione complementare risulta dalla possibilità per quest'ultimo di annunciare i genitori per l'esercizio del diritto alle prestazioni complementari (consid. 4). È lasciata aperta la questione di sapere se l'art. 71 ter cpv. 3 OAVS sia applicabile per analogia anche in ambito di prestazioni complementari giacché anche il diritto del figlio maggiorenne al versamento della prestazione complementare calcolata separatamente ancora non fonda la legittimazione a ricorrere sul principio e l'estensione del diritto alla prestazione in quanto tale (consid. 4.2.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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