Koordination Invaliden- und Unfallversicherung: Bindung an rechtskräftigen SUVA-Invaliditätsgrad mangels triftiger Abweichungsgründe (Art. 28 Abs. 2 IVG; Art. 18 Abs. 2 UVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 126 V 288 · ATF 126 V 288 · DTF 126 V 288
- Datum
- 26.07.2000
- Geschäftsnummer
- BGE 126 V 288
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Zusammenfassung
Ein Versicherter, der 1989 eine schwere Wirbelsäulenverletzung erlitt, beantragte bei der Invalidenversicherung (IV) eine Rente aufgrund einer Erwerbsunfähigkeit von mindestens 40%. Die IV-Stelle lehnte den Anspruch mit Verfügung vom 23. Mai 1997 ab und setzte den Invaliditätsgrad auf rund 33% fest. Kurz zuvor hatte die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA) dem Versicherten rückwirkend ab 1. Januar 1995 eine Rente zugesprochen und den Invaliditätsgrad nach Einspracheentscheid vom 30. Oktober 1997 unangefochten auf 40% festgelegt. Das Verwaltungsgericht des Kantons Bern wies die Beschwerde gegen die IV-Verfügung ab, indem es die Einkommensannahmen unabhängig von der SUVA neu bestimmte.
Das Bundesgericht hiess die Verwaltungsgerichtsbeschwerde gut, hob den kantonalen Entscheid auf und wies die Sache zur neuen Beurteilung zurück. Die Vorinstanz durfte die im Laufe des Beschwerdeverfahrens rechtskräftig gewordene Invaliditätsschätzung der SUVA von 40% nicht einfach ausser Acht lassen, sondern musste deren Auswirkungen prüfen.
Gemäss Art. 28 Abs. 2 IVG und Art. 18 Abs. 2 UVG besteht zwar keine absolute Bindung, doch darf eine abweichende Festlegung nur ausnahmsweise erfolgen, wenn triftige Gründe vorliegen; eine bloss vertretbare oder gleichwertige Ermessensausübung genügt nicht. Im Zeitpunkt der angefochtenen IV-Verfügung lag noch kein rechtskräftiger SUVA-Entscheid vor, weshalb die IV-Stelle frei entscheiden konnte. Im kantonalen Beschwerdeverfahren war der SUVA-Einspracheentscheid vom 30. Oktober 1997 jedoch bereits rechtskräftig geworden.
Das kantonale Gericht verletzte diese Koordinationspflicht, indem es das Valideneinkommen selbstständig auf 51'000 Franken festsetzte, was zwar mit der SUVA übereinstimmte, aber das Invalideneinkommen ohne nähere Begründung auf 41'600 Franken erhöhte, statt das tatsächlich erzielte Gehalt von 30'000 Franken in der M. AG zu übernehmen. Da keine plausiblen Umstände gegen das tatsächliche Gehalt sprachen und die IV-Stelle ursprünglich ebenfalls davon ausgegangen war, handelte es sich lediglich um eine andere, aber vertretbare Ermessensausübung, welche die Bindungswirkung der rechtskräftigen SUVA-Schätzung nicht aufzuheben vermochte. Art. 129 Abs. 1 UVV unterstreicht dabei das Schutzbedürfnis der Sozialversicherungsträger gegenüber einander.
Die Entscheidung ist bedeutsam für die Koordination zwischen IV und Unfallversicherung, da sie klärt, dass auch erst während des Beschwerdeverfahrens eintretende Rechtskraft eines anderen Versicherungsträgers zwingend zu berücksichtigen ist und blosse Ermessensdifferenzen keine Abweichung rechtfertigen.
Regeste
Art. 28 Abs. 2 IVG; Art. 18 Abs. 2 UVG: Relativierung der Bindungswirkung rechtskräftiger Invaliditätsschätzungen anderer Versicherungsträger. Die Bindungswirkung einer für die Unfallversicherung rechtskräftigen Invaliditätsbemessung ist insoweit zu relativieren, als eine davon abweichende Festlegung des Invaliditätsgrades im Invalidenversicherungsbereich nur ausnahmsweise und unter der Voraussetzung in Frage kommen kann, dass dafür triftige Gründe angeführt werden können; eine zwar auch vertretbare - allenfalls sogar gleichwertige - unterschiedliche Ermessensausübung genügt nicht. Art. 28 Abs. 2 IVG; Art. 18 Abs. 2 UVG: Im Rahmen der Koordination der Invaliditätsschätzung in der Invalidenversicherung und in der Unfallversicherung in zeitlicher Hinsicht zu beachtende Faktoren. - Eine Bindung der Invalidenversicherung an die Invaliditätsbemessung im Unfallversicherungsbereich besteht nur, wenn für letzteren bereits ein rechtskräftiger Entscheid vorliegt. - Eine für die Unfallversicherung rechtskräftig gewordene Festsetzung des Invaliditätsgrades ist im invalidenversicherungsrechtlichen Beschwerdeverfahren auch dann zu berücksichtigen, wenn deren Rechtskraft erst im Laufe des Rechtsmittelverfahrens eingetreten ist, im Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verwaltungsverfügung jedoch noch nicht vorgelegen hatte. Regeste Art. 28 al. 2 LAI; art. 18 al. 2 LAA: Relativisation de la force obligatoire d'une évaluation de l'invalidité effectuée par d'autres assureurs et entérinée par une décision entrée en force. La force obligatoire d'une évaluation de l'invalidité entérinée par une décision entrée en force d'un assureur-accidents doit être relativisée en ce sens que la fixation différente du degré d'invalidité en matière d'assurance-invalidité ne peut être remise en cause qu'exceptionnellement et à la condition qu'il existe pour cela des motifs pertinents; une appréciation divergente mais soutenable - éventuellement même équivalente - n'est pas suffisante. Art. 28 al. 2 LAI; art. 18 al. 2 LAA: Éléments à prendre en considération sur le plan temporel dans le cadre de la coordination de l'évaluation de l'invalidité dans l'assurance-invalidité et dans l'assurance-accidents. - Les organes de l'assurance-invalidité ne sont liés par l'évaluation de l'invalidité en matière d'assurance-accidents que si cette évaluation procède d'une décision entrée en force. - Une fixation du degré d'invalidité procédant d'une décision entrée en force en matière d'assurance-accidents doit aussi être prise en considération dans une procédure de recours en matière d'assurance-invalidité lorsque l'entrée en force intervient seulement au cours de la procédure de recours, mais postérieurement au prononcé de la décision administrative attaquée. Regesto Art. 28 cpv. 2 LAI; art. 18 cpv. 2 LAINF: Relativizzazione del carattere vincolante di una valutazione dell'invalidità effettuata da altri assicuratori ed accertata mediante decisione passata in giudicato. Il carattere vincolante di una valutazione d'invalidità accertata nei confronti di un assicuratore contro gli infortuni con decisione passata in giudicato va relativizzato nel senso che una determinazione differente del grado d'invalidità nell'ambito dell'assicurazione per l'invalidità può essere messa in discussione solo eccezionalmente e a condizione che sussistano all'uopo motivi pertinenti; non basta invece un apprezzamento divergente ma sostenibile, neppure se esso sia di valore equivalente.
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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