Personalverleiher A. GmbH verweigert Beiträge für flexiblen Altersrücktritt: Keine Beitragspflicht, weil Einsatzbetriebe nicht im Geltungsbereich des AVE GAV FAR liegen; Ausnahmen nach Art. 48c Abs. 2 AVV kumulativ (Art. 20 Abs. 3 AVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 III 143 · ATF 151 III 143 · DTF 151 III 143
- Datum
- 07.08.2024
- Geschäftsnummer
- BGE 151 III 143
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 1 AVEG Art. 20 AVG Art. 48c AVV Art. 41 BVG Art. 89a ZGB
Zusammenfassung
Die Stiftung für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe (FAR) verklagte die A. GmbH als Personalverleiher auf Nachzahlung von Vorsorgebeiträgen für die Jahre 2013 bis 2016. Die A. GmbH warf Mitarbeitende insbesondere an die B. AG und die C. GmbH aus. Streitig war, ob die A. GmbH für diese Einsätze Beiträge an die Stiftung FAR schuldet. Die Vorinstanz hatte die Klage vollumfänglich gutgeheissen. Die A. GmbH erhob Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten und machte geltend, die Einsatzbetriebe seien nicht im betrieblichen Geltungsbereich des allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsvertrags (GAV FAR) enthalten und zudem seien mehrere Einsätze von der Beitragspflicht ausgenommen. Die Stiftung FAR hielt dagegen und vertrat zudem die Auffassung, die Verjährung der Forderungen sei nach dem AHVG zu beurteilen.
Das Bundesgericht entschied, dass die A. GmbH nicht zur Entrichtung von Beiträgen für die betreffenden Einsätze verpflichtet ist, weil die Einsatzbetriebe B. AG und C. GmbH nicht unter den betrieblichen Geltungsbereich des allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsvertrags für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe (GAV FAR) fallen. Für die Beitragspflicht des Personalverleihers gemäss Art. 20 Abs. 3 AVG ist entscheidend, dass der Einsatzbetrieb unter den betrieblichen Geltungsbereich fällt, wie er in der Allgemeinverbindlicherklärung des GAV FAR umschrieben ist. Eine rein vertragliche oder freiwillige Unterstellung eines Einsatzbetriebs unter den GAV reicht nicht aus, da dies einem Vertrag zu Lasten eines Dritten gleichkäme und der Personalverleiher nur mit der normativen Allgemeinverbindlicherklärung rechnen muss, die im Bundesblatt publiziert wird.
Weiter stellte das Bundesgericht klar, dass die drei Voraussetzungen für eine Ausnahme von der Beitragspflicht nach Art. 48c Abs. 2 AVV kumulativ erfüllt sein müssen. Die Beschwerdeführerin berief sich nicht auf eine Konstellation, in der alle drei Voraussetzungen vorlägen, weshalb die Vorinstanz kein Recht verletzt hatte, indem sie die geltend gemachten Ausnahmen nicht gewährte.
Schliesslich bestätigte das Bundesgericht, dass die Verjährung der Beitragsforderungen nach Art. 41 Abs. 2 BVG zu beurteilen ist, da die Stiftung FAR dem FZG untersteht und die Ausnahmebestimmung nach Art. 1 Abs. 4 FZG für den hier interessierenden Zeitraum nicht anwendbar ist. Die Stiftung FAR hatte die Forderungen innerhalb der fünfjährigen Verjährungsfrist geltend gemacht.
Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass die Beitragspflicht des Personalverleihers nach Art. 20 Abs. 3 AVG ausschliesslich an die normative Allgemeinverbindlicherklärung geknüpft ist und nicht an vertragliche Vereinbarungen zwischen Einsatzbetrieb und Sozialpartnern, und weil sie die kumulative Auslegung der Ausnahmetatbestände nach Art. 48c Abs. 2 AVV bestätigt.
Regeste
a Art. 356 ff. OR; Art. 20 Abs. 3 AVG; Art. 48c AVV; Beitragspflicht des Personalverleihers für den flexiblen Altersrücktritt. Für die Beitragspflicht des Personalverleihers im Sinne von Art. 20 Abs. 3 AVG ist entscheidend, dass der betroffene Einsatzbetrieb unter den betrieblichen Geltungsbereich fällt, wie er in der Allgemeinverbindlicherklärung des fraglichen Gesamtarbeitsvertrages umschrieben ist (E. 6.4.3 und 6.4.4). Die in Art. 48c Abs. 2 AVV statuierten Voraussetzungen für eine Ausnahme von der Beitragspflicht des Personalverleihers im Sinne von Art. 20 Abs. 3 AVG müssen kumulativ erfüllt sein (E. 7.3). Regeste b Art. 89a Abs. 6 Ziff. 5 ZGB; Art. 41 Abs. 2 BVG; Verjährung von Beitragsforderungen. Die Verjährung von Beitragsforderungen im Sinne des allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsvertrages für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe (GAV FAR) richtet sich nach Art. 41 Abs. 2 BVG. Das gilt jedenfalls bei der bis Ende 2023 geltenden Rechtslage (E. 8.3). Regeste a Art. 356 ss CO; art. 20 al. 3 LSE; art. 48c OSE; obligation du bailleur de services de cotiser pour la retraite anticipée. Pour que le bailleur de services soit tenu de cotiser au sens de l'art. 20 al. 3 LSE, il est décisif que l'entreprise locataire de services concernée entre dans le champ d'application décrit dans la décision d'extension de la convention collective de travail en question (consid. 6.4.3 et 6.4.4). Les conditions fixées à l'art. 48c al. 2 OSE pour une exception à l'obligation du bailleur de services de cotiser au sens de l'art. 20 al. 3 LSE doivent être remplies cumulativement (consid. 7.3). Regeste b Art. 89a al. 6 ch. 5 CC; art. 41 al. 2 LPP; prescription des créances de cotisations. La prescription des créances de cotisations au sens de la convention collective de travail étendue pour la retraite anticipée dans le secteur principal de la construction (CCT RA) est régie par l'art. 41 al. 2 LPP. Cela vaut en tout cas pour la situation juridique valable jusqu'à la fin 2023 (consid. 8.3). Regesto a Art. 356 segg. CO; art. 20 cpv. 3 LC; art. 48c OC; obbligo dell'impresa di fornitura di personale a prestito di versare contributi per il pensionamento flessibile. Affinché l'impresa di fornitura di personale a prestito sia obbligata a versare i contributi ai sensi dell'art. 20 cpv. 3 LC, è decisivo che l'impresa acquisitrice interessata rientri nel campo di applicazione descritto nella decisione di estensione del contratto collettivo di lavoro in questione (consid. 6.4.3 e 6.4.4). Le condizioni di cui all'art. 48c cpv. 2 OC per l'esenzione dall'obbligo di versamento dei contributi da parte dell'impresa di fornitura di personale a prestito ai sensi dell'art. 20 cpv. 3 LC devono essere soddisfatte cumulativamente (consid. 7.3). Regesto b Art. 89a cpv. 6 n. 5 CC; art. 41 cpv. 2 LPP; prescrizione dei crediti di contributi. La prescrizione dei crediti di contributi ai sensi del contratto collettivo di lavoro di obbligatorietà generale per il pensionamento anticipato nel settore dell'edilizia (CCL PEAN) è disciplinata dall'art. 41 cpv. 2 LPP. Ciò vale in ogni caso per la situazione giuridica applicabile fino alla fine del 2023 (consid. 8.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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