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Justizze. Art. 16 ATSG

Bundesgericht

Invalidenrente abgestuft: Ab Februar 2022 Anspruch auf halbe Rente wegen 60-prozentiger Arbeitsfähigkeit und Anwendung der LSE 2020 (Art. 16 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 150 V 67 · ATF 150 V 67 · DTF 150 V 67
Datum
06.03.2024
Geschäftsnummer
8C_166/2023
Abteilung
IV. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 16 ATSG Art. 17 ATSG Art. 61 ATSG Art. 107 BGG

Zusammenfassung

Eine Pflegehelferin beantragte Invalidenrente und bekam vom kantonalen Sozialversicherungsgericht ab März 2019 eine ganze Rente sowie ab Februar 2022 eine Viertelsrente zugesprochen. Sie legte beim Bundesgericht Beschwerde ein mit dem Begehren, ab Februar 2022 stattdessen eine halbe Invalidenrente zu erhalten. Streitig war, ob für den Einkommensvergleich die Lohnstrukturerhebung 2018 oder die neuere Lohnstrukturerhebung 2020 heranzuziehen sei.

Das Bundesgericht gab der Beschwerde teilweise statt und änderte das kantonale Urteil dahingehend ab, dass der Beschwerdeführerin ab 1. Februar 2022 eine halbe Invalidenrente zusteht. Dies beruhte darauf, dass alle Parteien übereinstimmend anerkannten, dass die Beschwerdeführerin ab Februar 2022 eine 60-prozentige Arbeitsfähigkeit für angepasste Tätigkeiten besitzt. Für die Berechnung des Invaliditätsgrades mittels Einkommensvergleich nach Art. 16 ATSG sind die aktuellsten veröffentlichten Daten der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung maßgeblich – und zwar zum Zeitpunkt des Gerichtsurteils, nicht zum Zeitpunkt der Rentenabstufung. Da das kantonale Gericht am 20. Dezember 2022 entschied und die LSE 2020 bereits am 23. August 2022 veröffentlicht war, musste diese Tabelle herangezogen werden. Unter Verwendung der LSE 2020 ergab sich ein Invaliditätsgrad von 50,08 Prozent, wodurch der Anspruch auf eine halbe Invalidenrente erfüllt war. Die Anwendung der älteren LSE 2018 war daher rechtswidrig. Die Revisionsgrundsätze nach Art. 17 Abs. 1 ATSG fanden analog Anwendung, weil es um eine rückwirkende Zusprechung einer abgestuften Rente ging, die auf einer wesentlichen Änderung der tatsächlichen Verhältnisse – der Verbesserung der Arbeitsfähigkeit von 30 auf 60 Prozent – beruhte. Auch Art. 61 lit. c ATSG stützte die Heranziehung der neuesten statistischen Daten im Beschwerdeverfahren. Die Beschwerdegegnerin trägt die Gerichtskosten von Fr. 800.– und muss der Beschwerdeführerin eine Parteientschädigung von Fr. 2'800.– zahlen. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es klärt, dass bei gerichtlicher rückwirkender Rentenfestsetzung im Beschwerdeverfahren die zum Zeitpunkt des Gerichtsurteils aktuellste Lohnstrukturerhebung zu verwenden ist – unabhängig davon, ob die IV-Stelle selbst entschieden oder das Gericht direkt entschieden hat.

Regeste

Art. 16 ATSG; Festsetzung des Validen- und Invalideneinkommens anhand der vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE); massgebliche statistische Grundlage bei Einholung eines Gerichtsgutachtens mit abgestufter Rentenzusprechung. In zeitlicher Hinsicht sind im Rahmen des Einkommensvergleichs bezogen auf den Rentenbeginn die aktuellsten veröffentlichten Daten beizuziehen (Bestätigung der Rechtsprechung). Die Einholung eines Gerichtsgutachtens mit anschliessender Aufhebung der rentenabweisenden Verfügung und rückwirkender Zusprechung einer abgestuften Rente hat zur Folge, dass die Revisionsregeln analog zur Anwendung kommen. Beurteilt das Gericht dabei den Rentenanspruch in zeitlicher Ausdehnung des Anfechtungsgegenstandes über den Verfügungszeitpunkt hinaus, so ist die im Zeitpunkt des Gerichtsurteils bezogen auf die Rentenabstufung aktuellste veröffentlichte LSE-Tabelle massgeblich (E. 5.2). Regeste Art. 16 LPGA; détermination des revenus sans et avec invalidité sur la base de l'Enquête suisse sur la structure des salaires (ESS) publiée par l'Office fédéral de la statistique; base statistique déterminante en cas de mise en oeuvre d'une expertise judiciaire avec allocation d'une rente échelonnée dans le temps. D'un point de vue temporel, les données publiées les plus récentes par rapport à la naissance du droit à la rente doivent être prises en compte pour la comparaison des revenus (confirmation de jurisprudence). La mise en oeuvre d'une expertise judiciaire, avec pour conséquence l'annulation de la décision de refus de rente et l'octroi à titre rétroactif d'une rente échelonnée dans le temps, entraîne l'application par analogie des règles sur la révision. Si, dans un tel contexte, le tribunal statue sur le droit à la rente pour une période allant au-delà de la date de la décision dans le cadre d'une extension temporelle de l'objet de la contestation, alors c'est la table de l'ESS publiée la plus récente au moment du jugement du tribunal qui est déterminante en ce qui concerne l'échelonnement de la rente (consid. 5.2). Regesto Art. 16 LPGA; determinazione del reddito senza e con invalidità sulla base della Rilevazione svizzera della struttura dei salari (RSS) pubblicata dall'Ufficio federale di statistica; base statistica determinante in caso di esperimento di una perizia giudiziaria con attribuzione di una rendita scalata nel tempo. Da un punto di vista temporale, nell'ambito del raffronto dei redditi rispetto alla nascita del diritto alla rendita occorre considerare i dati pubblicati più recenti (conferma della giurisprudenza). L'esperimento di una perizia giudiziaria, avente come conseguenza l'annullamento della decisione di rifiuto della rendita e il conferimento a titolo retroattivo di una rendita scalata nel tempo, comporta l'applicazione per analogia delle regole sulla revisione. Se, in un tale contesto, il tribunale statuisce sul diritto alla rendita per un periodo che oltrepassa la data della decisione nell'ambito dell'estensione temporale dell'oggetto della contestazione, allora per lo scaglionamento della rendita è determinante la tabella RSS pubblicata più recente al momento del giudizio del tribunale (consid. 5.2).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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