Sammler historischer Waffen verliert nach rechtskräftiger Sicherungseinziehung Anspruch auf Herausgabe: Verwaltungsbehörde ist an strafrechtliche Feststellungen gebunden (Art. 69 StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 II 519 · ATF 150 II 519 · DTF 150 II 519
- Datum
- 21.05.2024
- Geschäftsnummer
- 2C_125/2023
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 26 BV Art. 36 BV Art. 107 BV Art. 69 StGB Art. 5 WG Art. 8 WG Art. 31 WG Art. 54 WV
Zusammenfassung
Ein passionierter Sammler historischer Waffen hatte zwischen September 2019 und August 2020 diverse waffenrechtlich relevante Gegenstände ohne Bewilligung aus Deutschland in die Schweiz eingeführt. Im Rahmen einer Hausdurchsuchung wurden diese sichergestellt. Mit rechtskräftigem Strafbefehl vom 18. Januar 2021 wurde er wegen fahrlässiger Widerhandlung gegen das Kriegsmaterial- und Waffengesetz verurteilt; die Staatsanwaltschaft zog die Gegenstände ein. Die Zuger Polizei verfügte daraufhin deren Vernichtung bzw. Verwertung. Der Sammler erhob Beschwerde gegen das Urteil des kantonalen Verwaltungsgerichts, das seine Herausgabeansprüche abgewiesen hatte, und beantragte beim Bundesgericht die Aufhebung des Entscheids sowie die Herausgabe der Gegenstände.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Sicherungseinziehung nach Art. 69 StGB im rechtskräftigen Strafbefehl vom 18. Januar 2021 bereits eine konkrete Gefährdungsprognose enthielt und die Möglichkeit einer Herausgabe ausdrücklich ausschloss. Nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung sind Verwaltungsbehörden grundsätzlich an die tatsächlichen Feststellungen eines rechtskräftigen Strafurteils gebunden; eine grundlose Abweichung würde die Rechtssicherheit gefährden und zu ungerechtfertigten Wertungsdisparitäten führen. Der Beschwerdeführer war daher verpflichtet, seine Argumente zur möglichen Rückgabe bereits im Strafverfahren geltend zu machen. Da er dies unterlassen hatte, konnte er im nachgelagerten Verwaltungsverfahren nicht mehr auf Aspekte zurückkommen, die rechtskräftig durch die Staatsanwaltschaft beurteilt worden waren. Damit verletzte die Vorinstanz kein Bundesrecht, indem sie nicht erneut prüfte, ob die Gegenstände herauszugeben seien. Die Entscheidung beruhte auf Art. 69 StGB (insbesondere Abs. 1 und 2), Art. 107 Abs. 1 BV, Art. 26 BV, Art. 36 Abs. 3 BV sowie den einschlägigen Bestimmungen des Waffengesetzes (Art. 5 Abs. 1, Art. 8 Abs. 1, Art. 31 WG) und der Waffenverordnung (Art. 54 WV). Der unterliegende Beschwerdeführer hat die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- zu tragen; eine Parteientschädigung wurde verneint. Die Entscheidung klärt erstmals ausdrücklich das Verhältnis zwischen strafrechtlicher Sicherungseinziehung nach Art. 69 StGB und verwaltungsrechtlichen Rückgabe- oder Verwertungsregelungen im Waffengesetz und stellt klar, dass die Verwaltungsbehörde bei rechtskräftiger Einziehung keinen eigenen Ermessensspielraum für eine Herausgabe mehr hat.
Regeste
Art. 31 WG; Art. 54 WV; Art. 69 StGB; Verhältnis der strafrechtlichen Sicherungseinziehung zur Einziehung und Beschlagnahme nach den verwaltungsrechtlichen Bestimmungen des Waffengesetzes. Zusammenfassung des angefochtenen Urteils und der vor Bundesgericht erhobenen Rügen (E. 3). Darstellung der Grundsätze der Sicherungseinziehung gemäss Art. 69 StGB sowie der Grundsätze zur Einziehung und Beschlagnahme nach den Bestimmungen des Waffenrechts (E. 4.1-4.3 und 4.6). Klärung des Verhältnisses von Art. 69 StGB und den Bestimmungen des Waffengesetzes unter Berücksichtigung der Rechtsprechung, wonach im Schnittstellenbereich verschiedener Rechtsgebiete der Gedanke der Einheit der Rechtsordnung zu beachten ist und Verwaltungsbehörden im Grundsatz an die tatsächlichen Feststellungen in einem Strafurteil oder in einem Strafbefehl gebunden sind. Soweit sich - wie im vorliegenden Fall - aus dem rechtskräftigen Entscheid über die Sicherungseinziehung bereits ergibt, dass eine Herausgabe ausgeschlossen ist, verbleibt dafür in Anwendung verwaltungsrechtlicher Bestimmungen kein Raum (E. 4.4-4.7). Regeste Art. 31 LArm; art. 54 OArm; art. 69 CP; rapport entre la confiscation d'objets dangereux du droit pénal et la mise sous séquestre et la confiscation selon les dispositions du droit administratif de la loi sur les armes. Résumé de l'arrêt attaqué et des griefs soulevés devant le Tribunal fédéral (consid. 3). Présentation des principes de la confiscation d'objets dangereux selon l'art. 69 CP et des principes de mise sous séquestre et confiscation selon les dispositions de la législation sur les armes (consid. 4.1-4.3 et 4.6). Clarification du rapport entre l'art. 69 CP et les dispositions de la loi sur les armes compte tenu de la jurisprudence selon laquelle, à l'intersection de différents domaines du droit, il convient de respecter l'idée de l'unité de l'ordre juridique et aux termes de laquelle les autorités administratives sont en principe liées aux constatations de fait d'un jugement pénal ou d'une ordonnance pénale. Dans la mesure où, comme dans le cas présent, il résulte déjà de la décision sur la confiscation d'objets dangereux entrée en force qu'une restitution est exclue, celle-ci ne saurait être prononcée en application des dispositions du droit administratif (consid. 4.4-4.7). Regesto Art. 31 LArm; art. 54 OArm; art. 69 CP; rapporto tra la confisca di oggetti pericolosi prevista dal diritto penale e la confisca e il sequestro ai sensi delle disposizioni di diritto amministrativo della legge sulle armi. Riassunto della sentenza impugnata e delle censure sollevate davanti al Tribunale federale (consid. 3). Esposizione dei principi della confisca di oggetti pericolosi giusta l'art. 69 CP e dei principi della confisca e del sequestro secondo le disposizioni della legge sulle armi (consid. 4.1-4.3 e 4.6). Chiarimento del rapporto tra l'art. 69 CP e le disposizioni della legge sulle armi alla luce della giurisprudenza, in virtù della quale, quando diversi ambiti giuridici si sovrappongono, dev'essere rispettata l'idea dell'unità dell'ordine giuridico e le autorità amministrative sono in principio vincolate dai fatti accertati in una sentenza penale o in un decreto d'accusa. In quanto, come nel caso di specie, risulta già dalla decisione sulla confisca di oggetti pericolosi cresciuta in giudicato che una restituzione è esclusa, questa non può essere pronunciata nemmeno in applicazione delle disposizioni di diritto amministrativo (consid. 4.4-4.7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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