Republik Südsudan bestreitet Zuständigkeit eines Schiedsgerichts nach Staatennachfolge: Schiedsklausel der Republik Sudan gilt weiter (Art. 190 Abs. 2 lit. b IPRG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 149 III 431 · ATF 149 III 431 · DTF 149 III 431
- Datum
- 07.08.2023
- Geschäftsnummer
- BGE 149 III 431
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Die Republik Südsudan erhob beim Bundesgericht Beschwerde gegen einen Teilschiedsspruch, mit dem ein Einzelschiedsrichter seine Zuständigkeit zur Beurteilung einer Streitigkeit aus Telekommunikationslizenzverträgen bejahte. Die Klägerinnen – zwei Gesellschaften – hatten gegen die Republik Südsudan ein Schiedsverfahren eingeleitet und behaupteten, Verletzungen der Lizenzverträge hätten den Betrieb ihres Telekommunikationsnetzwerks beeinträchtigt. Die Republik Südsudan bestritt sowohl die Gültigkeit der Lizenzverträge als auch ihre eigene Bindung an die darin enthaltene Schiedsklausel. Sie argumentierte, sie habe die Verträge nicht unterzeichnet, die für die Republik Sudan handelnden Akteure seien nicht befugt gewesen, und sie sei als neuer Staat nicht an Verpflichtungen des Vorgängerstaates gebunden.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Republik Südsudan ab. Es stellte fest, dass die Prüfung der subjektiven Tragweite der Schiedsklausel – also der Frage, ob die Klausel überhaupt für die Republik Südsudan gilt – untrennbar mit der Prüfung verbunden ist, ob der in der Klausel vereinbarte Rechtsmittelverzicht ihr subjektiv entgegengehalten werden kann; daher war die Anfechtung des Zuständigkeitsentscheids zulässig, obwohl die Parteien keinen Wohnsitz in der Schweiz haben und in der Klausel auf Rechtsmittel verzichtet hatten. Zur materiellen Gültigkeit der Schiedsklausel genügte es, dass sie mindestens einer der drei alternativen Rechtsordnungen nach Art. 178 Abs. 2 IPRG entsprach; eine Vermischung verschiedener Rechtsordnungen für Einzelaspekte wäre unzulässig, doch brachte die Beschwerdeführerin nicht vor, dass der Schiedsrichter dies getan hätte. Zur Schiedsfähigkeit als Staat konnte sich die Republik Südsudan nicht auf sudanesisches innerstaatliches Recht berufen, um die mangelnde Vertretungsbefugnis der für die Republik Sudan handelnden Akteure geltend zu machen, da Art. 177 Abs. 2 IPRG dies ausdrücklich untersagt. Schliesslich war die Republik Südsudan an die Schiedsklausel der Republik Sudan gebunden, weil sie im Rahmen einer völkerrechtlichen Teil-Sukzession die Unabhängigkeit erlangt hatte und sich durch das Economic Agreement vom 27. September 2012 sowie durch eine ministerielle Verfügung vom 1. November 2012 ausdrücklich als rechtliche Nachfolgerin der Telekommunikationslizenzen und der darin enthaltenen Schiedsklausel anerkannt hatte; diese Anerkennung wurde durch ein Schreiben der Republik Südsudan vom 17. Mai 2013 bestätigt, in dem sie die Lizenzvereinbarung und deren Amendment No. 2 ausdrücklich ehrte. Damit stand fest, dass die Schiedsvereinbarung auf die Republik Südsudan übergegangen war. Die Entscheidung klärt zentral die Anwendbarkeit internationaler Schiedsvereinbarungen bei Staatennachfolge und stärkt die Rechtssicherheit für private Investoren in postkonfliktlichen Staaten.
Regeste
a Art. 192 Abs. 1 Satz 1 IPRG; Verzicht auf Rechtsmittel; subjektive Tragweite der Schiedsklausel. Fällt die Prüfung der subjektiven Tragweite einer Schiedsklausel und damit der Zuständigkeit des Schiedsgerichts mit der Prüfung zusammen, ob ein in der Schiedsklausel vereinbarter Rechtsmittelverzicht der betreffenden Partei subjektiv entgegengehalten werden kann, ist die Anfechtung des schiedsgerichtlichen - die Zuständigkeit bejahenden - Entscheids beim Bundesgericht zulässig (E. 2.3). Regeste b Art. 178 Abs. 2 IPRG; materielle Gültigkeit der Schiedsklausel. Es genügt, wenn die Schiedsvereinbarung wenigstens einer der drei alternativ genannten Rechtsordnungen gemäss Art. 178 Abs. 2 IPRG entspricht. Unzulässig wäre eine Vermischung der Rechtsordnungen für Einzelaspekte (E. 4.3.2). Regeste c Art. 177 Abs. 2 IPRG; Schiedsfähigkeit; Staat als Partei. Ein Staat kann sich einem Schiedsverfahren nicht dadurch entziehen, dass er sich gestützt auf innerstaatliches Recht auf die mangelnde Befugnis der Person respektive Institution beruft, welche für ihn die Schiedsvereinbarung unterzeichnet hat (E. 4.3.4). Regeste d Art. 190 Abs. 2 lit. b IPRG; Bindung an eine Schiedsvereinbarung bei Staatennachfolge. Ein Staat, der im Rahmen einer völkerrechtlichen (Teil-)Sukzession die Unabhängigkeit erlangt, kann unter gewissen Voraussetzungen an eine vom Vorgängerstaat abgeschlossene Schiedsvereinbarung gebunden sein. Bindung der Republik Südsudan an eine von der Republik Sudan abgeschlossene Schiedsklausel bejaht (E. 4.4). Regeste a Art. 192 al. 1 première phrase LDIP; renonciation aux voies de droit; portée subjective de la clause arbitrale. Lorsque l'examen de la portée subjective d'une clause d'arbitrage - et par voie de conséquence de la compétence du tribunal arbitral - consiste à déterminer si une clause de renonciation aux voies de droit insérée dans ladite clause est subjectivement opposable à la partie concernée, le recours au Tribunal fédéral dirigé contre la sentence arbitrale - qui admet la compétence - est recevable (consid. 2.3). Regeste b Art. 178 al. 2 LDIP; validité matérielle de la clause d'arbitrage. Il suffit que la convention d'arbitrage soit valable au regard de l'un des trois droits alternatifs visés par l'art. 178 al. 2 LDIP. Un panachage des droits pour régler certains aspects particuliers serait inadmissible (consid. 4.3.2). Regeste c Art. 177 al. 2 LDIP; arbitrabilité; Etat partie au litige. Un Etat ne peut pas se soustraire à une procédure d'arbitrage en faisant valoir que, selon son propre droit, la personne ou l'institution qui a signé pour lui la convention d'arbitrage n'était pas habilitée à le faire (consid. 4.3.4). Regeste d Art. 190 al. 2 let. b LDIP; effet contraignant d'une clause d'arbitrage en cas de succession d'Etats. Un Etat qui accède à l'indépendance dans le cadre d'une succession (partielle) de droit international public peut, à certaines conditions, être lié par une convention d'arbitrage conclue par l'Etat précédent. Effet contraignant pour la République du Soudan du Sud d'une clause d'arbitrage conclue par la République du Soudan admis (consid. 4.4). Regesto a Art. 192 cpv. 1 prima frase LDIP; rinuncia all'impugnazione; portata soggettiva della clausola arbitrale. Se l'esame della portata soggettiva di una clausola arbitrale, e con ciò della competenza del tribunale arbitrale, coincide con l'esame della possibilità di opporre soggettivamente alla parte interessata la rinuncia all'impugnazione stipulata nella clausola arbitrale, il ricorso al Tribunale federale diretto contro la sentenza arbitrale che riconosce la competenza è ammissibile (consid. 2.3). Regesto b Art. 178 cpv. 2 LDIP; validità materiale della clausola arbitrale. È sufficiente che il patto arbitrale corrisponda ad almeno uno dei tre ordinamenti giuridici alternativi menzionati all'art. 178 cpv. 2 LDIP. Sarebbe inammissibile combinare ordinamenti giuridici diversi ai singoli aspetti (consid. 4.3.2). Regesto c Art. 177 cpv. 2 LDIP; arbitrabilità; Stato quale parte. Uno Stato non può sottrarsi a una procedura arbitrale facendo valere che, in base al suo diritto nazionale, la persona o l'istituzione che ha sottoscritto per lui il patto arbitrale non fosse abilitata a farlo (consid. 4.3.4). Regesto d Art. 190 cpv. 2 lett. b LDIP; vincolo al patto arbitrale in caso di una successione di Stati. Uno Stato, che accede all'indipendenza nel quadro di una successione (parziale) di Stati del diritto internazionale pubblico, può a certe condizioni essere vincolato a un patto arbitrale concluso dallo Stato predecessore. Effetto vincolante per la Repubblica del Sudan del Sud di una clausola arbitrale conclusa dalla Repubblica del Sudan (consid. 4.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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