Investoren aus Singapur klagen gegen Volksrepublik China wegen Enteignung ihrer Minen: Schiedsgerichtsbarkeit beschränkt auf Entschädigungshöhe, nicht auf Vorliegen der Enteignung (Art. 13 Abs. 3 ISA 1985)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 III 89 · ATF 150 III 89 · DTF 150 III 89
- Datum
- 11.01.2024
- Geschäftsnummer
- 4A_172/2023
- Abteilung
- I. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 54 BGG Art. 77 BGG Art. 105 BGG Art. 13 INVESTMENT Art. 176 IPRG Art. 178 IPRG Art. 190 IPRG Art. 6 ISA Art. 13 ISA Art. 14 ISA Art. 31 VRK
Zusammenfassung
Zwei singapurische Gesellschaften, A.________ Limited und B.________ Pte Ltd, hatten über Tochtergesellschaften Explorations- und Abbaulizenzen für drei Minen sowie Produktionsanlagen in der chinesischen Provinz Sichuan. Nachdem die Volksrepublik China 2016/2017 Bergbauverbote in Naturschutzgebieten erliess, behaupteten die Investoren, ihre Investitionen seien materiell enteignet worden. Sie reichten daher 2020 ein Schiedsverfahren gemäss dem Investitionsschutzabkommen 1985 zwischen Singapur und China ein und verlangten Feststellung von Vertragsverletzungen sowie Schadensersatz. Die Volksrepublik China erhob Einwände gegen die Zuständigkeit des Schiedsgerichts. Das Schiedsgericht mit Sitz in Genf erklärte sich im Februar 2023 für unzuständig. Dagegen legten die Investoren beim Schweizer Bundesgericht Beschwerde in Zivilsachen ein und beantragten Aufhebung des Schiedsentscheids sowie Feststellung der Schiedsgerichtszuständigkeit.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die Unzuständigkeit des Schiedsgerichts. Es folgte der Auslegung des Schiedsgerichts, wonach die Schiedsklausel in Art. 13 Abs. 3 des Investitionsschutzabkommens 1985 ('a dispute involving the amount of compensation resulting from expropriation') ausschliesslich Streitigkeiten betrifft, die sich auf die Höhe der Entschädigung beziehen, nicht aber auf das Vorliegen oder die Rechtmässigkeit einer Enteignung. Der Begriff 'involving' sei im Zusammenhang mit der einschränkenden Formulierung 'the amount of compensation' so zu verstehen, dass die Zuständigkeit des Schiedsgerichts eng begrenzt ist; eine weite Auslegung, die sämtliche Enteignungsfragen umfasst hätte, würde den Wortlaut überflüssig machen. Art. 6 Abs. 2 ISA 1985 stütze diese Trennung, indem er ausdrücklich die Überprüfung der Rechtmässigkeit enteignender Massnahmen durch die staatlichen Gerichte des betroffenen Vertragsstaats vorsehe. Die Fork-in-the-Road-Klausel in Art. 13 Abs. 3 Satz 2 ISA 1985 beziehe sich ebenfalls nur auf Streitigkeiten um die Entschädigungshöhe und schliesse daher kein paralleles Verfahren über dieselbe Frage aus, solange das nationale Gerichtsverfahren sich nicht auf diesen konkreten Aspekt beziehe. Das neu eingereichte Gutachten zur angeblichen Unmöglichkeit, vor chinesischen Gerichten Ansprüche geltend zu machen, wurde als unzulässiges Novum verworfen und als nicht rechtserheblich für die Auslegung der Schiedsklausel erachtet. Die Entscheidung beruht auf Art. 190 Abs. 2 lit. b IPRG (Zuständigkeitsrüge), Art. 178 Abs. 2 IPRG (Auslegung der Schiedsvereinbarung), Art. 31 ff. VRK (Vertragsauslegung), Art. 13 ISA 1985 (Schiedsklausel), Art. 6 ISA 1985 (Enteignung) sowie Art. 24 IPRG (Rügepflicht). Die Beschwerdeführerinnen tragen die Gerichtskosten von Fr. 200'000.-- und müssen die Beschwerdegegnerin mit Fr. 250'000.-- entschädigen. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die strikte Trennung zwischen staatlicher Gerichtsbarkeit für Rechtmässigkeitsfragen und privater Schiedsgerichtsbarkeit für Entschädigungshöhe im Investitionsschutzrecht bekräftigt und verdeutlicht, dass die Auslegung einer Schiedsklausel nicht an der tatsächlichen Funktionsfähigkeit der staatlichen Gerichte orientiert wird.
Regeste
a Art. 99 Abs. 1 BGG; Rechtsgutachten. Prozessuale Behandlung eines im bundesgerichtlichen Beschwerdeverfahren neu eingereichten Rechtsgutachtens (E. 3.1). Regeste b Art. 178 Abs. 2 und Art. 190 Abs. 2 lit. b IPRG; Art. 31 f. VRK; internationale Schiedsgerichtsbarkeit, Investitionsstreitigkeit, Zuständigkeit des Schiedsgerichts. Bundesgerichtliche Prüfung der Zuständigkeitsrüge bei internationalen Investitionsstreitigkeiten (E. 4.2.1). Grundsätze der Auslegung völkerrechtlicher Verträge (E. 4.2.2). Keine Anwendung der Auslegungsregel, nach der die Vertragsparteien eine umfassende Zuständigkeit des Schiedsgerichts wünschten, bei Auslegung eines Investitionsschutzabkommens, das sowohl die Zuständigkeit der staatlichen Gerichte als auch diejenige eines Schiedsgerichts vorsieht (E. 5.1). Regeste a Art. 99 al. 1 LTF; avis de droit. Traitement procédural d'un avis de droit nouvellement produit au stade de la procédure de recours devant le Tribunal fédéral (consid. 3.1). Regeste b Art. 178 al. 2 et art. 190 al. 2 let. b LDIP; art. 31 s. CV; arbitrage international, litige en matière d'investissement, compétence du tribunal arbitral. Examen par le Tribunal fédéral du grief d'incompétence dans les litiges internationaux en matière d'investissements (consid. 4.2.1). Principes d'interprétation des traités internationaux (consid. 4.2.2). Pas d'application de la règle d'interprétation selon laquelle les parties souhaitaient une compétence étendue du tribunal arbitral lorsqu'il s'agit d'interpréter un traité international de protection des investissements prévoyant à la fois la compétence des tribunaux étatiques et celle d'un tribunal arbitral (consid. 5.1). Regesto a Art. 99 cpv. 1 LTF; parere giuridico. Trattamento procedurale di un parere giuridico inoltrato per la prima volta nella procedura di ricorso innanzi al Tribunale federale (consid. 3.1). Regesto b Art. 178 cpv. 2 e art. 190 cpv. 2 lett. b LDIP; art. 31 seg. CV; arbitrato internazionale, controversia sugli investimenti, competenza del tribunale arbitrale. Esame da parte del Tribunale federale della censura di incompetenza nelle controversie internazionali sugli investimenti (consid. 4.2.1). Principi per l'interpretazione di trattati internazionali (consid. 4.2.2). Nell'interpretazione di un trattato di protezione degli investimenti che prevede sia la competenza dei tribunali statali sia quella di un tribunale arbitrale, non viene applicata la regola di interpretazione secondo cui le parti desiderano una competenza estesa del tribunale arbitrale (consid. 5.1).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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