Stifter einer Familienstiftung ist urteilsunfähig: Ernennungsrecht für Stiftungsrat geht auf Nachkommen über (Art. 16 ZGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 III 264 · ATF 144 III 264 · DTF 144 III 264
- Datum
- 13.06.2018
- Geschäftsnummer
- BGE 144 III 264
- Abteilung
- CH_BGE_005
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 51 BGG Art. 74 BGG Art. 8 ZGB Art. 16 ZGB Art. 83 ZGB Art. 83d ZGB Art. 84 ZGB
Zusammenfassung
Die Stiftung B. und ihr Stifter A.A. (Jahrgang 1924) bestritten vor dem Bundesverwaltungsgericht die Entscheidung der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht (ESA), wonach die Nachkommen C.A. und D.A. am 17. Dezember 2014 einen neuen Stiftungsrat ernennen durften, weil der Stifter infolge schwerer Demenz nicht mehr urteilsfähig sei. Die Beschwerdeführer machten geltend, der Stifter sei weiterhin fähig, seine Befugnis zur Bezeichnung von Stiftungsratsmitgliedern auszuüben, und beantragten die Aufhebung der ESA-Verfügung. Der Streitwert wurde auf über Fr. 30'000.- geschätzt.
Das Bundesgericht wies die Beschwerden der Stiftung und des Stifters ab. Es stellte fest, dass der Streitwert über Fr. 30'000.- liegt und die Beschwerde daher zulässig ist. Zur Sache entschied es, dass der Stifter am 17. Dezember 2014 infolge einer schwergradigen Demenz bei Alzheimerkrankheit urteilsunfähig war und daher seine Befugnis zur Bezeichnung von Stiftungsratsmitgliedern gemäss Art. 5 Abs. 2 der Stiftungsurkunde auf seine Nachkommen übergegangen ist. Das Bundesgericht folgte der Rechtsprechung, wonach für die Feststellung der Urteilsunfähigkeit eines lebenden, aber schwer kranken und bettlägerigen Neunzigjährigen das herabgesetzte Beweismass der überwiegenden Wahrscheinlichkeit gilt (Art. 105 Abs. 2 BGG). Es bestätigte die Gutachtenwürdigung des Bundesverwaltungsgerichts, nach der der Stifter zwar noch in vertrauter Umgebung einfache Bestätigungen vornehmen konnte, aber nicht mehr in der Lage war, neue und komplexe geschäftliche Entscheidungen wie die Auswahl neuer Stiftungsratsmitglieder zu treffen (Art. 16 ZGB, Art. 83 ZGB, Art. 84 ZGB, Art. 83d Abs. 2 ZGB, Art. 84 Abs. 2 ZGB, Art. 86a ZGB). Die Annahme, der Stifter habe am 17. Dezember 2014 noch urteilsfähig gehandelt, widerspräche dem medizinischen Gutachten und sei willkürlich. Damit war die Ernennung des neuen Stiftungsrats durch die Nachkommen rechtmässig. Die Kostenentscheidung bleibt im Text unerwähnt. Die Entscheidung klärt die Voraussetzungen für den Übergang des Stifterrechts bei Urteilsunfähigkeit und präzisiert das anzuwendende Beweismass bei schwer kranken älteren Personen.
Regeste
Art. 74 Abs. 1 lit. b BGG; Art. 83 und Art. 84 ZGB; Art. 16 ZGB; Stiftungsaufsicht; Stifterrechte. Entscheide betreffend Stiftungsaufsicht sind vermögensrechtlicher Natur und unterliegen nur dann der Beschwerde in Zivilsachen, wenn der Streitwert mindestens Fr. 30'000.- beträgt (E. 1.3). Die Stiftungsurkunde kann vorsehen, dass der Stifter oder im Falle seiner Verhinderung seine Nachkommen die Mitglieder des Stiftungsrats ernennen (E. 2). Beweismass und Beweislast für die Feststellung einer Urteilsunfähigkeit, die den Stifter an der Ausübung seines Ernennungsrechts hindert (E. 5 und 6). Regeste Art. 74 al. 1 let. b LTF; art. 83 et art. 84 CC; art. 16 CC; surveillance des fondations; droits du fondateur. Les décisions concernant la surveillance des fondations sont de nature pécuniaire et ne peuvent faire l'objet d'un recours en matière civile que lorsque la valeur litigieuse atteint au moins 30'000 fr. (consid. 1.3). L'acte de fondation peut prévoir que le fondateur ou en cas d'empêchement ses descendants nomment les membres du conseil de fondation (consid. 2). Degré et fardeau de la preuve de la constatation d'une incapacité de discernement qui empêche le fondateur d'exercer son droit de nomination (consid. 5 et 6). Regesto Art. 74 cpv. 1 lett. b LTF; art. 83 e art. 84 CC; art. 16 CC; vigilanza sulle fondazioni; diritti del fondatore. Le decisioni concernenti la vigilanza sulle fondazioni sono di natura pecuniaria e possono quindi essere oggetto di un ricorso in materia civile soltanto se il valore litigioso ammonta almeno a fr. 30'000.- (consid. 1.3). L'atto di fondazione può prevedere che il fondatore o, in caso di suo impedimento, i suoi discendenti nominino i membri del consiglio di fondazione (consid. 2). Grado e onere della prova dell'accertamento di un'incapacità di discernimento che impedisce al fondatore di esercitare il suo diritto di nomina (consid. 5 e 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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