Medienschaffender verweigert Herausgabe von Interviewaufnahmen zur Aufklärung eines versuchten Mordes: Quellenschutz entfällt bei Katalogtaten, aber Herausgabepflicht ist unverhältnismässig (Art. 28a StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 IV 214 · ATF 143 IV 214 · DTF 143 IV 214
- Datum
- 10.04.2017
- Geschäftsnummer
- BGE 143 IV 214
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 28a StGB Art. 172 StPO Art. 345 StPO Art. 389 StPO Art. 399 StPO
Zusammenfassung
Im Strafverfahren gegen X. wegen versuchten Mordes und anderer Delikte stand die Frage, ob Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) verpflichtet war, sämtliche Aufnahmen und Unterlagen zu einem Fernsehinterview mit dem mutmasslichen Täter Y. herauszugeben. SRF hatte nur ausgewählte, geschwärzte Materialien übermittelt und weitere Dokumente verweigert. Die Vorinstanz hatte die vollständige Herausgabe verlangt. Die Staatsanwaltschaft, die Privatklägerin A. und der Angeklagte X. legten Beschwerden beim Bundesgericht ein, wobei die Staatsanwaltschaft und A. die Aufhebung des Freispruchs von X. beantragten, während X. eine vollständige Freisprechung oder zumindest eine Rückweisung verlangte. Streitig war insbesondere, ob die Vorinstanz im Rückweisungsverfahren neue Beweise erheben und ihre Beweiswürdigung ändern durfte sowie ob die Herausgabepflicht gegenüber SRF verhältnismässig war.
Das Bundesgericht hiess die Beschwerden teilweise gut und wies Teile zurück. Es bestätigte, dass die Vorinstanz im Rückweisungsverfahren sowohl eine neue Beweiswürdigung vornehmen als auch zusätzliche Beweise erheben durfte, weil der Sachverhalt im Sachverhaltskomplex A. (Schuss auf B.) wie im Sachverhaltskomplex B. (Schuss auf A.) nach dem Rückweisungsentscheid vom 10. Dezember 2014 nicht verbindlich feststand. Die Bindungswirkung des Rückweisungsentscheids beschränkte sich auf die rechtliche Beurteilung, nicht auf die Sachverhaltsfeststellung, da das Bundesgericht die Befragung von B. als fehlerhaft angesehen und damit die Grundlage für die frühere Beweiswürdigung entfallen liess. Die Vorinstanz war daher berechtigt, im zweiten Berufungsverfahren neue Beweisanträge des Beschwerdegegners 2 zu prüfen und Beweiserhebungen vorzunehmen, auch wenn diese bereits früher hätten gestellt werden können, weil der Wahrheits- und Untersuchungsgrundsatz auch im Rückweisungsverfahren gilt. Zur Frage des Quellenschutzes stellte das Bundesgericht klar, dass es sich bei dem versuchten Mord um ein Tötungsdelikt nach Art. 111–113 StGB handelte und das Zeugnisverweigerungsrecht nach Art. 172 Abs. 1 StPO daher nicht anwendbar war. Die Ausnahme nach Art. 28a Abs. 2 lit. b StGB und Art. 172 Abs. 2 lit. b Ziff. 1 StPO trat somit ein. Eine Herausgabepflicht bestand jedoch nur, wenn die Unterlagen zur Aufklärung des Delikts erforderlich waren. Da die Komplotttheorie verworfen werden musste und nicht ersichtlich war, inwiefern die Interviewaufnahmen zur Klärung der Tat beitragen konnten, war die Herausgabepflicht unverhältnismässig. Damit war der angefochtene Entscheid der Vorinstanz, auf den Beizug der Fernsehinterviews zu verzichten, rechtmässig. Die Entscheidung bestätigt die enge Verknüpfung von Quellenschutz und Verhältnismässigkeit im Strafrecht und klärt die Grenzen der Beweisfreiheit im Rückweisungsverfahren.
Regeste
a Art. 345, 389 und 399 Abs. 3 lit. c StPO; Bindungswirkung von bundesgerichtlichen Rückweisungsentscheiden; Kognition des Berufungsgerichts bei der Neubeurteilung; Zulässigkeit von neuen Beweismitteln. Muss sich das Berufungsgericht nach einer Rückweisung durch das Bundesgericht nochmals mit der Beweislage befassen, darf es im Vergleich zu seinem ersten Berufungsurteil auch eine andere Beweiswürdigung vornehmen, wenn es diese für richtiger hält. Eine neue, abweichende Beweiswürdigung durch die Berufungsinstanz in einem Rückweisungsverfahren ist zulässig, soweit der entsprechende Sachverhalt mit einer Willkürrüge vor Bundesgericht noch angefochten werden kann und demnach noch nicht verbindlich feststeht (E. 5.3.2). Der Berufungskläger muss seine Beweisanträge im Berufungsverfahren - Noven vorbehalten - in der Berufungserklärung (vgl. Art. 399 Abs. 3 lit. c StPO) oder spätestens vor Abschluss des Beweisverfahrens stellen. Das Berufungsgericht muss die Parteien nicht nach Art. 345 StPO zur Nennung von Beweisen auffordern. Allerdings gilt der Wahrheits- und Untersuchungsgrundsatz auch im Rechtsmittelverfahren und folglich auch in einem Rückweisungsverfahren. Dem Berufungsgericht ist es in einem Rückweisungsverfahren daher nicht untersagt, zusätzliche Beweise, welche bereits in einem früheren Verfahrensstadium hätten erhoben werden können, abzunehmen, wenn dies seines Erachtens der Wahrheitsfindung dient (E. 5.4). Regeste b Art. 17 Abs. 3 BV, Art. 10 Ziff. 1 EMRK, Art. 28a StGB und Art. 172 StPO; Quellenschutz der Medienschaffenden im Strafverfahren; Grenzen des Zeugnisverweigerungsrechts; Verhältnismässigkeit der Zeugnispflicht. Vorliegend ging es um die Aufklärung eines versuchten Mordes, d.h. um ein Tötungsdelikt nach Art. 111-113 StGB. Das Zeugnisverweigerungsrecht von Art. 172 Abs. 1 StPO kam insoweit nicht zum Tragen (Art. 28a Abs. 2 lit. b StGB und Art. 172 Abs. 2 lit. b Ziff. 1 StPO; E. 16.5.1). Bestätigung der Rechtsprechung zum Erfordernis der Verhältnismässigkeit der Aufhebung des Quellenschutzes (BGE 132 I 181 E. 4.2). Verhältnismässigkeit der Pflicht zur Herausgabe von Unterlagen und Aufzeichnungen in casu verneint, da diese für die Beweiswürdigung nicht relevant waren (E. 16.5.2). Regeste a Art. 345, 389 et 399 al. 3 let. c CPP; autorité des arrêts de renvoi du Tribunal fédéral; pouvoir d'examen de l'autorité d'appel statuant à nouveau; recevabilité des preuves nouvelles. Lorsque la juridiction d'appel doit se prononcer à nouveau sur les preuves après renvoi par le Tribunal fédéral, elle peut s'écarter de l'appréciation qu'elle avait opérée dans son premier jugement sur appel pour peu qu'elle juge sa nouvelle appréciation plus juste. Une nouvelle appréciation des preuves, divergente, par l'autorité d'appel après renvoi est admissible en tant que l'état de fait en question peut encore être entrepris devant le Tribunal fédéral sous l'angle de l'arbitraire et n'est, partant, pas définitivement établi (consid. 5.3.2). L'appelant doit - sous réserve des nova - formuler ses réquisitions de preuves dans la déclaration d'appel (cf. art. 399 al. 3 let. c CPP) ou, au plus tard, avant la clôture de la procédure probatoire. La juridiction d'appel n'est pas tenue d'inviter les parties à désigner leurs preuves en application de l'art. 345 CPP. Toutefois la maxime de l'instruction et le principe de la recherche de la vérité matérielle s'imposent également dans une procédure consécutive à un renvoi. Il n'est alors pas interdit au tribunal d'appel d'administrer des preuves complémentaires qui auraient pu l'être à un stade antérieur de la procédure lorsqu'il en va, à ses yeux, de la recherche de la vérité (consid. 5.4). Regeste b Art. 17 al. 3 Cst., art. 10 par. 1 CEDH, art. 28a CP et art. 172 CPP; protection des sources des médias en procédure pénale; limites du droit de refuser de témoigner; proportionnalité de l'obligation de témoigner. Il s'agissait, en l'espèce, d'élucider une tentative d'assassinat, soit un homicide au sens des art. 111-113 CP. Le droit de refuser de témoigner selon l'art. 172 al. 1 CPP n'entrait donc pas en considération (art. 28a al. 2 let. b CP et art. 172 al. 2 let. b ch. 1 CPP; consid. 16.5.1). Confirmation de la jurisprudence relative à l'exigence de proportionnalité pour la levée de la protection des sources (ATF 132 I 181 consid. 4.2). Proportionnalité du devoir de remettre les documents et enregistrements niée in casu, au motifs que ceux-ci n'étaient pas déterminants pour l'appréciation des preuves (consid. 16.5.2). Regesto a Art. 345, 389 e 399 cpv. 3 lett. c CPP; effetto vincolante di una decisione di rinvio emanata dal Tribunale federale; potere cognitivo del tribunale d'appello nell'ambito del nuovo giudizio; ammissibilità di nuovi mezzi di prova. Se il tribunale d'appello, a cui il Tribunale federale ha rinviato la causa, deve nuovamente chinarsi sulle prove, può effettuare anche un'altra valutazione delle stesse rispetto a quella della sua prima sentenza di appello, ove la ritenga più corretta. Nel procedimento che segue la decisione di rinvio il tribunale d'appello può procedere a una nuova e divergente valutazione delle prove, nella misura in cui l'accertamento dei fatti che ne risulta può ancora essere censurato sotto il profilo dell'arbitrio dinanzi al Tribunale federale e non è quindi definitivo (consid. 5.3.2). Nell'ambito della procedura di appello, l'appellante deve presentare le sue istanze probatorie - riservati i nova - contestualmente alla dichiarazione di appello (cfr. art. 399 cpv. 3 lett. c CPP) o al più tardi prima della chiusura della procedura probatoria. Il tribunale d'appello non è tenuto a invitare le parti a proporre prove in applicazione dell'art. 345 CPP. Il principio inquisitorio e quello della verità materiale si applicano però anche nella procedura di ricorso e quindi pure nel procedimento che segue la decisione di rinvio. Di conseguenza, nell'ambito di tale procedimento, se lo ritiene utile alla ricerca della verità, il tribunale d'appello può assumere ulteriori prove che avrebbero potuto essere raccolte già in uno stadio anteriore del procedimento (consid. 5.4). Regesto b Art. 17 cpv. 3 Cost., art. 10 n. 1 CEDU, art. 28a CP e art. 172 CPP; tutela delle fonti degli operatori dei mezzi di comunicazione sociale nella procedura penale; limiti della facoltà di non deporre, proporzionalità dell'obbligo di testimoniare. Nel caso concreto si tratta di far luce su un tentato assassinio, ossia su un omicidio ai sensi degli art. 111-113 CP. La facoltà di non deporre giusta l'art. 172 cpv. 1 CPP non entra pertanto in considerazione (art. 28a cpv. 2 lett. b CP e art. 172 cpv. 2 lett. b n. 1 CPP; consid. 16.5.1). Conferma della giurisprudenza relativa all'esigenza di proporzionalità per far decadere la tutela delle fonti (DTF 132 I 181 consid. 4.2). Proporzionalità dell'obbligo di consegnare i documenti e le registrazioni negata nella fattispecie, dal momento che non sono rilevanti per la valutazione delle prove (consid. 16.5.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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