Justizze.

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Justizze. Art. 76 BGG

Bundesgericht

Vater klagt gegen Zustimmung zum Wegzug des gemeinsamen Kindes nach Deutschland: Nichteintreten des Obergerichts wegen entfallener Zuständigkeit nach Ausreise, Beschwerde abgewiesen (Art. 76 Abs. 1 lit. b BGG)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 III 193 · ATF 143 III 193 · DTF 143 III 193
Datum
23.03.2017
Geschäftsnummer
5A_619/2016
Abteilung
II. Zivilrechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 72 BGG Art. 75 BGG Art. 76 BGG Art. 106 BGG Art. 29a BV Art. 30 BV Art. 6 EMRK Art. 8 EMRK Art. 13 EMRK Art. 5 HKsÜ Art. 23 HKsÜ Art. 18 KESG/BE Art. 4 KESV/BE Art. 14 UNO-Pakt Art. 301a ZGB Art. 314 ZGB Art. 450c ZGB

Zusammenfassung

Ein Vater erhob Beschwerde gegen den Entscheid der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Bern (KESB), welche der Mutter die Zustimmung zum Wechsel des Aufenthaltsorts ihres gemeinsamen Kindes nach Bonn erteilt hatte. Das Obergericht des Kantons Bern trat auf die Beschwerde nicht ein, weil das Kind bereits vor Einreichung der Beschwerde nach Deutschland gezogen war und damit die schweizerische internationale Zuständigkeit entfallen war. Der Vater wandte sich daraufhin ans Bundesgericht mit der Behauptung, die KESB sei kein unabhängiges Gericht im Sinn der Verfassung und der EMRK, die Entziehung der aufschiebenden Wirkung verletze seinen Zugang zu einem Gericht und die materielle Begründung des Obergerichts sei unzureichend. Streitig war insbesondere, ob der Wegzug des Kindes nach Deutschland die schweizerische Zuständigkeit ausschloss und ob die KESB Bern als unabhängige Gerichtsbehörde anzusehen ist.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab, soweit darauf eingetreten werden konnte. Es stellte fest, dass das Kind vor Einreichen der kantonalen Beschwerde rechtmässig nach Deutschland ausgereist war, wodurch die internationale Zuständigkeit der schweizerischen Gerichte gemäss Art. 5 Abs. 2 HKsÜ entfiel; ein materieller Entscheid des Obergerichts wäre daher nicht zulässig und auch im Vertragsstaat des neuen Aufenthaltsorts nicht anerkennbar. Obwohl die KESB Bern organisatorisch und personell als dezentrale Verwaltungseinheit gestaltet ist und nicht als unabhängiges Gericht im Sinn von Art. 30 BV und Art. 6 EMRK gilt, ist die Rechtsweggarantie gemäss Art. 29a BV gewahrt, weil eine Beschwerdemöglichkeit an das Obergericht des Kantons Bern bestand. Eine Verletzung von Art. 13 EMRK lag nicht vor, weil aus dieser Norm kein Anspruch auf Hinweis in der Rechtsmittelbelehrung folgt, dass das Obergericht bei bereits erfolgtem Wegzug nicht eintreten werde, und weil der Vater innerhalb der 30-tägigen Frist durch eine superprovisorische Beschwerde mit Antrag auf aufschiebende Wirkung wirksam hätte vorgehen können. Die materielle Begründung des Obergerichts, wonach der Wegzug im besten Interesse des Kindes liege, entspricht der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu Art. 301a Abs. 2 lit. a ZGB und beruht auf schlüssigen Sachverhaltsfeststellungen zur Erziehungsfähigkeit der Eltern, zur Stabilität der Verhältnisse in Bonn und zur Bedeutung der Mutter als Hauptbetreuungsperson. Der Beschwerdeführer trägt die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- und hat die Beschwerdegegnerin mit Fr. 2'000.-- zu entschädigen. Die Entscheidung klärt erstmals, dass die KESB Bern nicht als unabhängiges Gericht i.S.v. Art. 30 BV gilt, und bekräftigt die bindende Wirkung des Haager Kindesschutzübereinkommens für die internationale Zuständigkeit im transnationalen Sorgerecht.

Regeste

Art. 5 Abs. 2 HKsÜ; Art. 314 Abs. 1 i.V.m. Art. 450c ZGB; Art. 30 BV, Art. 6 Ziff. 1 EMRK und Art. 440 ZGB; Art. 29a BV; Art. 13 i.V.m. Art. 8 EMRK und Art. 301a Abs. 2 ZGB; Erlaubnis der Auswanderung des Kindes; Entzug der aufschiebenden Wirkung; Unabhängigkeit der KESB; Rechtsweggarantie; wirksame Beschwerde. Mit der Begründung gewöhnlichen Aufenthaltes des Kindes in einem anderen HKsÜ-Staat fällt die schweizerische Entscheidzuständigkeit dahin (E. 2 und 3). Bei Dringlichkeit kann der Beschwerde gegen den die Aufenthaltsverlegung erlaubenden Entscheid die aufschiebende Wirkung entzogen werden (E. 4). Dies verstösst - unabhängig von der Ausgestaltung der KESB als unabhängiges Gericht oder als Verwaltungseinheit (E. 5.1-5.4) - weder gegen die Rechtsweggarantie (E. 5.4-6) noch gegen den Anspruch auf eine wirksame Beschwerde (E. 6). Materielle Beurteilung der Auswanderung (E. 7). Regeste Art. 5 al. 2 CLaH 96; art. 314 al. 1 en lien avec l'art. 450c CC; art. 30 Cst., art. 6 par. 1 CEDH et art. 440 CC; art. 29a Cst.; art. 13 en lien avec l'art. 8 CEDH et l'art. 301a al. 2 CC; autorisation de transférer à l'étranger le lieu de résidence de l'enfant; retrait de l'effet suspensif; indépendance de l'autorité de protection de l'enfant; garantie de l'accès au juge; recours effectif. La compétence pour statuer des autorités suisses cesse au moment où la résidence habituelle de l'enfant est déplacée dans un autre Etat partie à la CLaH 96 (consid. 2 et 3). Lorsque l'urgence le commande, l'effet suspensif peut être retiré au recours interjeté contre la décision qui autorise le transfert de la résidence de l'enfant (consid. 4). Un tel procédé ne viole ni la garantie de l'accès au juge (consid. 5.4-6), ni le droit à un recours effectif (consid. 6), indépendamment du fait que l'autorité de protection de l'enfant soit organisée en tant que tribunal indépendant ou en tant qu'unité administrative (consid. 5.1-5.4). Examen du bien-fondé du transfert de résidence à l'étranger (consid. 7). Regesto Art. 5 cpv. 2 della Convenzione dell'Aia sulla protezione dei minori; art. 314 cpv. 1 in relazione con l'art. 450c CC; art. 30 Cost., art. 6 n. 1 CEDU e art. 440 CC; art. 29a Cost.; art. 13 in relazione con l'art. 8 CEDU e art. 301a cpv. 2 CC; autorizzazione al trasferimento all'estero del minore; revoca dell'effetto sospensivo; indipendenza dell'autorità di protezione dei minori; garanzia della via giudiziaria; ricorso effettivo. Con la costituzione della residenza abituale del minore in un altro Stato contraente della Convenzione dell'Aia sulla protezione dei minori viene meno la competenza delle autorità svizzere a statuire (consid. 2 e 3). In caso di urgenza, al reclamo contro la decisione che autorizza il trasferimento di dimora può essere revocato l'effetto sospensivo (consid. 4). Ciò non viola né la garanzia della via giudiziaria (consid. 5.4-6) né il diritto a un ricorso effettivo (consid. 6), indipendentemente dal fatto che l'autorità di protezione dei minori sia organizzata quale tribunale indipendente o quale unità amministrativa (consid. 5.1-5.4). Valutazione della legittimità del trasferimento all'estero (consid. 7).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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