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Justizze. Art. 14 EMRK

Bundesgericht

Versicherte gebiert Tochter und reduziert Erwerbspensum: revisionsweise Herabsetzung der Invalidenrente aufgrund allein familiärer Gründe EMRK-widrig (Art. 14 in Verbindung mit Art. 8 EMRK)

BGE / ATF / DTF
BGE 143 I 60 · ATF 143 I 60 · DTF 143 I 60
Datum
02.02.2016
Geschäftsnummer
BGE 143 I 60
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 16 ATSG Art. 17 ATSG Art. 8 EMRK Art. 14 EMRK Art. 28 IVG Art. 28a IVG

Zusammenfassung

Die Versicherte A., geboren 1975, bezog seit 2003 eine ganze Invalidenrente, ab 2008 eine halbe Rente. Nach der Geburt ihrer Tochter im November 2014 leitete die IV-Stelle ein neues Revisionsverfahren ein und stellte fest, dass A. nun als teilerwerbstätig mit Aufgabenbereich zu qualifizieren sei. Daraufhin wurde die Rente auf eine Viertelsrente herabgesetzt. A. klagte gegen diese Herabsetzung vor dem kantonalen Sozialversicherungsgericht, das die Rente auf eine Viertelsrente bestätigte. A. legte Beschwerde ans Bundesgericht ein und beantragte, die bisherige halbe Rente unverändert weiter auszurichten. Streitig war, ob die revisionsweise Rentenherabsetzung allein aufgrund des Statuswechsels von voll- zu teilerwerbstätig wegen der Geburt eines Kindes zulässig ist.

Das Bundesgericht hob die vorinstanzliche Rentenherabsetzung auf und wies der Versicherten die Fortzahlung der bisherigen halben Invalidenrente zu.

Der Gesundheitszustand und die Arbeitsfähigkeit der Beschwerdeführerin hatten sich im maßgeblichen Vergleichszeitraum zwischen dem 24. Juli 2008 und dem 17. Juni 2015 nicht wesentlich verändert. Der Statuswechsel von voll- zu teilerwerbstätig beruhte ausschließlich auf familiären Gründen – der Geburt einer Tochter im November 2014 und der damit verbundenen Reduktion des Erwerbspensums. Dadurch wurde die Invaliditätsbemessung nicht mehr nach dem Einkommensvergleich gemäß Art. 16 ATSG in Verbindung mit Art. 28a Abs. 1 IVG vorgenommen, sondern nach der gemischten Methode gemäß Art. 28a Abs. 3 IVG, was zu einem tieferen Invaliditätsgrad führte. Das Bundesgericht stellte fest, dass auch eine revisionsweise Rentenherabsetzung unter diesen Umständen eine Diskriminierung wegen der Familienlage darstellt und daher Art. 14 EMRK in Verbindung mit Art. 8 EMRK verletzt. Dies entspricht der Rechtsprechung des EGMR vom 2. Februar 2016 (7186/09) und der eigenen Entscheidung BGE 143 I 50 zur Rentenaufhebung bei allein familiär bedingtem Statuswechsel. Die Anwendung von Art. 17 Abs. 1 ATSG zur Rentenherabsetzung ist daher unzulässig, wenn keine gesundheitliche Verbesserung vorliegt. Die Versicherte hat daher weiterhin Anspruch auf die halbe Rente.

Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie die konventionskonforme Auslegung der Invaliditätsbemessung auf alle revisionsweisen Rentenänderungen ausdehnt – nicht nur auf Aufhebungen, sondern auch auf Herabsetzungen – und damit den Schutz vor familienbedingter Diskriminierung im Sozialversicherungsrecht verstärkt.

Regeste

Art. 14 in Verbindung mit Art. 8 EMRK; Art. 17 Abs. 1 ATSG; Art. 28a IVG; gemischte Methode der Invaliditätsbemessung. Wie die revisionsweise Aufhebung der Invalidenrente (dazu BGE 143 I 50 bzw. EGMR-Urteil vom 2. Februar 2016 [7186/09]) ist auch die revisionsweise Rentenherabsetzung EMRK-widrig, wenn allein familiäre Gründe (die Geburt von Kindern und die damit einhergehende Reduktion des Erwerbspensums) für einen Statuswechsel von "vollerwerbstätig" zu "teilerwerbstätig" (mit Aufgabenbereich) sprechen. Der Versicherten ist die laufende Rente weiterhin auszurichten (E. 3.3.4). Regeste Art. 14 en corrélation avec l'art. 8 CEDH; art. 17 al. 1 LPGA; art. 28a LAI; méthode mixte d'évaluation de l'invalidité. Comme la suppression d'une rente d'invalidité dans le cadre d'une révision (voir à ce sujet ATF 143 I 50 respectivement le jugement de la CourEDH du 2 février 2016 [7186/09]), la diminution d'une rente dans le cadre d'une révision est aussi contraire à la CEDH lorsque seuls des motifs d'ordre familial (la naissance d'enfants et la réduction de l'activité professionnelle qui en découle) conduisent à un changement de statut de "personne exerçant une activité lucrative à plein temps" à "personne exerçant une activité lucrative à temps partiel" (en consacrant son temps libre à l'accomplissement de travaux habituels). Le versement de la rente en cours à l'assurée doit être poursuivi (consid. 3.3.4). Regesto Art. 14 in relazione all'art. 8 CEDU; art. 17 cpv. 1 LPGA; art. 28a LAI; metodo misto di valutazione dell'invalidità. Come la soppressione di una rendita d'invalidità nell'ambito di una revisione (cfr. DTF 143 I 50 rispettivamente la sentenza della CorteEDU del 2 febbraio 2016 [7186/09]), anche la riduzione di una rendita in sede di revisione è contraria alla CEDU quando solo motivi di natura familiare (la nascita di figli e la conseguente riduzione dell'attività professionale che ne deriva) determinano un cambiamento di qualifica da "persona che esercita un'attività lucrativa a tempo pieno" a "persona che esercita un'attività lucrativa a tempo parziale" (consacrando il tempo libero allo svolgimento delle mansioni abituali). All'assicurata deve continuare a essere versata la rendita corrente (consid. 3.3.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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