Fahrer wechselt auf Autobahn von mittlerer auf rechte Spur und fährt mit konstanter Geschwindigkeit an langsamer werdenden Fahrzeugen vorbei: passive Rechtsvorbeifahrt ist keine grobe Verkehrsregelverletzung (Art. 90 Abs. 2 SVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 IV 93 · ATF 142 IV 93 · DTF 142 IV 93
- Datum
- 03.03.2016
- Geschäftsnummer
- 6B_374/2015
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 23 BGG Art. 34 SVG Art. 35 SVG Art. 44 SVG Art. 90 SVG Art. 8 VRV Art. 10 VRV Art. 12 VRV Art. 36 VRV
Zusammenfassung
Ein Fahrer wurde wegen grober Verkehrsregelverletzung verurteilt, weil er auf der Autobahn A1-Ost von der mittleren auf die rechte Fahrspur wechselte und mit konstanter Geschwindigkeit von rund 90 km/h an zwei Fahrzeugen vorbeifuhr, die ihre Geschwindigkeit leicht verminderten. Er legte Beschwerde beim Bundesgericht ein und beantragte seine Freisprechung vom Vorwurf der groben Verkehrsregelverletzung. Streitig war, ob das sog. passive Rechtsvorbeifahren unter diesen Umständen eine strafbare grobe Verkehrsregelverletzung darstellt.
Das Bundesgericht hob das kantonale Urteil auf und verwies die Sache zur Neubeurteilung zurück. Der Beschwerdeführer hatte auf der rechten Spur mit etwa 90 km/h ohne Beschleunigung gefahren, während die Fahrzeuge auf der mittleren Spur ihre Geschwindigkeit leicht reduzierten; unmittelbar vor ihm befand sich kein Fahrzeug. Der Verkehr auf den beiden Überholspuren war dichter als auf der Normalspur, was zu einem sogenannten Handorgeleffekt führte. Das Bundesgericht stellte klar, dass paralleler Kolonnenverkehr nicht nur bei identischen Abständen und Geschwindigkeiten auf allen Spuren vorliegt, sondern bereits dann anzunehmen ist, wenn sich die Fahrzeuge auf allen Spuren mit annähernd gleicher Geschwindigkeit bewegen – was hier gegeben war. Die passive Rechtsvorbeifahrt stellte daher kein Rechtsüberholen i.S.v. Art. 8 Abs. 3 Satz 2 VRV dar, sondern zulässiges Vorfahren gemäss Art. 8 Abs. 3 Satz 1 VRV und Art. 36 Abs. 5 lit. a VRV. Da der Beschwerdeführer sich an das Rechtsfahrgebot hielt und den gesetzlichen Mindestabstand einhielt, fehlte es sowohl am objektiven als auch am subjektiven Tatbestand einer groben Verkehrsregelverletzung nach Art. 90 Abs. 2 SVG. Die Annahme einer erhöhten abstrakten Gefährdung beruhte auf spekulativen Szenarien und widersprach dem Vertrauensgrundsatz, da die Fahrer auf der mittleren Spur selbst gegen das Rechtsfahrgebot verstossen hatten. Für die Beurteilung waren insbesondere Art. 90 Abs. 2 SVG, Art. 35 Abs. 1 SVG, Art. 8 Abs. 3 VRV, Art. 36 Abs. 5 lit. a VRV, Art. 44 Abs. 1 SVG, Art. 34 Abs. 3 und 4 SVG sowie Art. 10 Abs. 2 und Art. 12 Abs. 1 VRV massgeblich. Das Bundesgericht wies die Beschwerde gut und verurteilte den Kanton Bern zur Entschädigung des Beschwerdeführers mit Fr. 3'000.- für das Bundesgerichtsverfahren. Die Entscheidung präzisiert erstmals die Grenzen zwischen strafbarem Rechtsüberholen und zulässigem passivem Rechtsvorbeifahren im dichten Autobahnverkehr und stellt klar, dass die bloße Geschwindigkeitsanpassung anderer Verkehrsteilnehmer nicht automatisch eine Gefährdungslage schafft.
Regeste
Art. 90 Abs. 2 SVG i.V.m. Art. 35 Abs. 1 SVG, Art. 8 Abs. 3 Satz 1 und Art. 36 Abs. 5 lit. a der Verkehrsregelnverordnung vom 13. November 1962 (VRV); Art. 23 Abs. 2 BGG; Unterscheidung zwischen (auf Autobahnen) verbotenem Rechtsüberholen und erlaubtem Rechtsvorfahren; Präzisierung des Begriffs des Kolonnenverkehrs und der Gefahrenbewertung bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Bei parallelem Kolonnenverkehr ist es erlaubt, rechts an anderen Fahrzeugen vorbeizufahren (sog. Vorfahren). Das Rechtsüberholen durch Ausschwenken und Wiedereinbiegen ist hingegen gemäss Art. 8 Abs. 3 Satz 2 VRV auch beim Fahren in parallelen Kolonnen ausdrücklich untersagt (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 4.1 i.V.m. E. 3.1-3.3). Kolonnenverkehr ist anhand der konkreten Verkehrssituation zu bestimmen und zu bejahen, wenn es auf der (linken und/oder mittleren) Überholspur zu einer derartigen Verkehrsverdichtung kommt, dass die auf der Überhol- und der Normalspur gefahrenen Geschwindigkeiten annähernd gleich sind (Präzisierung der Rechtsprechung; E. 4.2.1). Das (passive) Rechtsvorbeifahren bei dichtem Verkehr ist mittlerweile eine alltägliche, kaum zu vermeidende Situation, die nicht generell zu einer abstrakt erhöhten Gefahrensituation i.S.v. Art. 90 Abs. 2 SVG führt (Präzisierung der Rechtsprechung; E. 4.2.2). Ein Vorfahren begründet weder objektiv eine Verkehrsregelverletzung und erhebliche Gefährdung der Verkehrssicherheit mit beträchtlicher Unfallgefahr (E. 5.1-5.3) noch subjektiv ein schweres Verschulden oder grobe Fahrlässigkeit (E. 5.4). Regeste Art. 90 al. 2 LCR en relation avec l'art. 35 al. 1 LCR, art. 8 al. 3 phrase 1 et art. 36 al. 5 let. a de l'ordonnance du 13 novembre 1962 sur les règles de la circulation routière (OCR); art. 23 al. 2 LTF; différence (sur les autoroutes) entre les dépassements par la droite qui sont interdits et les devancements par la droite autorisés; précision de la notion de circulation en files et de l'évaluation du danger en cas de vitesses différentes. En cas de circulation en files parallèles, il est permis de devancer un autre véhicule par la droite (devancement). L'art. 8 al. 3, phrase 2, OCR interdit en revanche expressément, dans le cas de files parallèles, de contourner des véhicules par la droite pour les dépasser (confirmation de la jurisprudence; consid. 4.1 en relation avec les consid. 3.1-3.3). On admet qu'il y a circulation en files en raison des circonstances concrètes de circulation lorsque le trafic sur la voie de dépassement (de gauche et/ou du milieu) est si dense que les vitesses sur les voies de dépassement et de circulation normale sont à peu près égales (précision de jurisprudence; consid 4.2.1). Le devancement (passif) par la droite en cas de circulation dense est une situation courante qui ne peut guère être évitée et qui n'aboutit pas en règle générale à une mise en danger abstraite accrue au sens de l'art. 90 al. 2 LCR (précision de jurisprudence; consid. 4.2.2). Un devancement ne fonde pas, sur le plan objectif, une violation des règles de la circulation et une mise en danger sérieuse de la sécurité d'autrui avec un danger d'accident important (consid. 5.1-5.3) ni, sur le plan subjectif, une faute grave ou une négligence grossière (consid. 5.4). Regesto Art. 90 cpv. 2 LCStr unitamente all'art. 35 cpv. 1 LCStr, art. 8 cpv. 3 primo periodo e art. 36 cpv. 5 lett. a dell'ordinanza del 13 novembre 1962 sulle norme della circolazione stradale (ONC); art. 23 cpv. 2 LTF; distinzione tra sorpasso a destra vietato e superamento a destra permesso (sull'autostrada); precisazione della nozione di circolazione in colonna e della valutazione del pericolo in caso di diverse velocità. In caso di circolazione in colonne parallele è lecito avanzare sulla destra accanto ad altri veicoli (superamento). Per contro, giusta l'art. 8 cpv. 3 secondo periodo ONC, il sorpasso a destra con manovre di uscita e di rientro è espressamente vietato anche nella circolazione in colonne parallele (conferma della giurisprudenza; consid. 4.1 unitamente ai consid. 3.1-3.3). La circolazione in colonna dev'essere determinata alla luce delle circostanze concrete del traffico e va riconosciuta ove sulla corsia di sorpasso (sinistra e/o centrale) la densità del traffico sia tale che le velocità dei veicoli sulla corsia di sorpasso e sulla corsia normale siano pressoché le stesse (precisazione della giurisprudenza; consid. 4.2.1). In presenza di denso traffico il (passivo) superamento a destra è divenuto una situazione frequente e difficilmente evitabile che non comporta generalmente un'accresciuta messa in pericolo astratta ai sensi dell'art. 90 cpv. 2 LCStr (precisazione della giurisprudenza; consid. 4.2.2). Un superamento non costituisce sotto il profilo oggettivo una violazione delle norme della circolazione e un serio pericolo per la sicurezza del traffico con un considerevole rischio di incidenti (consid. 5.1-5.3), né sotto il profilo soggettivo una colpa o una negligenza gravi (consid. 5.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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