Bussenverfügung im Steueramtshilfeverfahren: ESTV zuständig, aber Rechtsmittelweg führt über Einsprache nach VStrR (Art. 9 Abs. 5 StAhiG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 II 383 · ATF 141 II 383 · DTF 141 II 383
- Datum
- 20.08.2015
- Geschäftsnummer
- 2C_941/2014
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 2 StAhiG Art. 5 StAhiG Art. 9 StAhiG Art. 10 StAhiG Art. 17 StAhiG Art. 19 StAhiG Art. 21a StAhiG Art. 31 VGG Art. 32 VGG Art. 1 VStrR Art. 67 VStrR Art. 1 VwVG Art. 3 VwVG Art. 5 VwVG Art. 41 VwVG
Zusammenfassung
Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) erliess im Rahmen eines Amtshilfegesuchs Norwegens gestützt auf das Doppelbesteuerungsabkommen mit Norwegen eine Bussenverfügung gegen eine Gesellschaft und deren Organ wegen Nichtbefolgung einer Editionsverfügung. Das Bundesverwaltungsgericht trat auf die dagegen erhobene Beschwerde nicht ein und stellte die Nichtigkeit der Bussenverfügung fest, da es die Zuständigkeit der ESTV verneinte und den Instanzenzug als unklar ansah. Die ESTV focht diesen Entscheid vor dem Bundesgericht an.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde der ESTV teilweise gut. Es hebt die Feststellung der Nichtigkeit der Bussenverfügung auf, bestätigt aber das Nichteintreten des Bundesverwaltungsgerichts auf die ursprüngliche Beschwerde.
In der Sache stellt das Gericht fest, dass die ESTV grundsätzlich zuständig ist, Bussen nach Art. 9 Abs. 5 und Art. 10 Abs. 4 StAhiG auszusprechen. Diese Kompetenz ergibt sich aus Art. 2 StAhiG in Verbindung mit Art. 5 Abs. 1 StAhiG und Art. 41 Abs. 1 lit. c VwVG. Die Bussen dienen als Zwangsmittel zur Durchsetzung der Mitwirkungspflichten im Amtshilfeverfahren. Das Argument der Vorinstanz, die explizite Nennung der ESTV als urteilende Behörde nur in Art. 21a Abs. 5 StAhiG schliesse eine solche Zuständigkeit für andere Bussentatbestände aus, verwirft das Gericht unter Hinweis auf die Gesetzgebungsgeschichte und den Zweck der Normen. Auch das Anklageprinzip sei nicht verletzt, da es sich um Verwaltungsstrafen handle, die der Verwaltungszwangsfunktion dienten und gerichtlich überprüfbar blieben.
Hinsichtlich des Rechtswegs gibt das Gericht dem Bundesverwaltungsgericht jedoch recht. Die angefochtene Bussenverfügung ist weder eine Schlussverfügung noch eine dieser vorangehende Verfügung im Sinne von Art. 17 Abs. 1 und Art. 19 Abs. 1 StAhiG. Da es sich um eine Widerhandlung handelt, die einer Verwaltungsbehörde des Bundes übertragen wurde, findet das Verwaltungsstrafrechtsgesetz (VStrR) Anwendung (Art. 1 VStrR). Gemäss Art. 3 lit. c VwVG ist das Verwaltungsverfahrensgesetz für das Strafverfolgungsverfahren ausgeschlossen. Folglich war die Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht unzulässig; stattdessen wäre die Verfügung mittels Einsprache bei der ESTV (Art. 67 ff. VStrR) anzufechten gewesen. Die Sache wird daher an die ESTV zurückgewiesen, damit diese die beim Bundesverwaltungsgericht eingereichte Eingabe als Einsprache entgegennimmt.
Regeste
Art. 5 Abs. 1, Art. 9 Abs. 5 und Art. 10 Abs. 4 StAhiG; Art. 41 Abs. 1 lit. c VwVG; Art. 1 VStrR; internationale Amtshilfe in Steuersachen; Bussenverfügung. Die Zuständigkeit der ESTV zur Erhebung einer Busse gemäss Art. 9 Abs. 5 bzw. Art. 10 Abs. 4 StAhiG ergibt sich aus Art. 5 Abs. 1 StAhiG i.V.m. Art. 41 Abs. 1 lit. c VwVG (E. 3.1-3.5, insb. teleologische Überlegungen: E. 3.3). Die Busse stellt in erster Linie ein Mittel des Verwaltungszwangs dar (E. 3.4). Die Bussenverfügung ist keine Schlussverfügung i.S.v. Art. 19 Abs. 1 i.V.m. Art. 17 Abs. 1 StAhiG (E. 4.2). Anwendbarkeit des Verwaltungsstrafrechtsgesetzes bejaht (E. 4.3-4.6), folglich Anfechtung der Bussenverfügung mittels Einsprache bei der ESTV (E. 4.6 und 4.7). Regeste Art. 5 al. 1, art. 9 al. 5 et art. 10 al. 4 LAAF; art. 41 al. 1 let. c PA; art. 1 DPA; assistance administrative internationale en matière fiscale; prononcé d'amende. La compétence de l'AFC de prononcer une amende en vertu de l'art. 9 al. 5, respectivement de l'art. 10 al. 4 LAAF découle de l'art. 5 al. 1 LAAF en lien avec l'art. 41 al. 1 let. c PA (consid. 3.1-3.5, raisonnement téléologique en particulier: consid. 3.3). L'amende représente en premier lieu un moyen de contrainte administratif (consid. 3.4). Un prononcé d'amende n'est pas une décision finale au sens de l'art. 19 al. 1 en lien avec l'art. 17 al. 1 LAAF (consid. 4.2). Applicabilité de la loi sur le droit pénal administratif (consid. 4.3-4.6), partant contestation du prononcé d'amende par la voie de la réclamation auprès de l'AFC (consid. 4.6 et 4.7). Regesto Art. 5 cpv. 1, art. 9 cpv. 5 e art. 10 cpv. 4 LAAF; art. 41 cpv. 1 lett. c PA; art. 1 DPA; assistenza amministrativa internazionale in materia fiscale; decisione di condanna a una multa. La competenza dell'AFC di infliggere una multa giusta l'art. 9 cpv. 5 rispettivamente l'art. 10 cpv. 4 LAAF risulta dall'art. 5 cpv. 1 LAAF in relazione con l'art. 41 cpv. 1 lett. c PA (consid. 3.1-3.5, in particolare ragionamento teleologico: consid. 3.3). La multa è innanzitutto un provvedimento coercitivo amministrativo (consid. 3.4). Una decisione con cui viene inflitta una multa non è una decisione finale ai sensi dell'art. 19 cpv. 1 combinato con l'art. 17 cpv. 1 LAAF (consid. 4.2). Applicabilità della legge sul diritto penale amministrativo (consid. 4.3-4.6) e, quindi, contestazione della condanna a una multa mediante opposizione dinanzi all'AFC (consid. 4.6 e 4.7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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