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Justizze. Art. 9 BV

Bundesgericht

Gerichtsgebühr für schriftliche Urteilsbegründung: Verdoppelung wegen mehrtägiger Verhandlung verletzt Äquivalenzprinzip (Art. 9 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 141 I 105 · ATF 141 I 105 · DTF 141 I 105
Datum
04.05.2015
Geschäftsnummer
BGE 141 I 105
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 5 BV Art. 9 BV Art. 29a BV Art. 6 EMRK Art. 13 EMRK

Zusammenfassung

Ein Verurteilter focht die Höhe der erstinstanzlichen Gerichtsgebühr an, die sich von Fr. 5'500.- auf Fr. 11'000.- verdoppelt hatte, nachdem er eine schriftliche Begründung des Urteils verlangt hatte. Die Vorinstanz rechtfertigte diese Erhöhung damit, dass die Hauptverhandlung zwei Tage gedauert habe und der Aufwand für die schriftliche Begründung entsprechend hoch sei. Der Beschwerdeführer rügte eine Verletzung des Äquivalenzprinzips sowie der Rechtsweggarantie, da die Gebühr prohibitiv wirke und ihn in seinem Zugang zum Gericht ungebührlich einschränke.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und stellt fest, dass die festgesetzte Gebühr willkürlich ist und das Äquivalenzprinzip verletzt. Das Gericht hält fest, dass die Anzahl der Verhandlungstage grundsätzlich keinen Einfluss auf den Begründungsaufwand eines Entscheids hat. Im konkreten Fall dauerte die Hauptverhandlung zwar zwei Tage, jedoch wurde nach rund vier Stunden Parteiverhandlung am ersten Tag ein separater Termin für die Urteilseröffnung am nächsten Tag angesetzt, der nur etwas mehr als eine halbe Stunde dauerte. Wäre die Verhandlung an einem Tag abgehalten worden, hätte die Gebühr inklusive schriftlicher Begründung gemäss dem ordentlichen Rahmen höchstens Fr. 5'000.- betragen dürfen.

Die Verdoppelung der Gebühr allein aufgrund der Tatsache, dass die Verhandlung auf zwei Tage verteilt war, ist mit dem Äquivalenzprinzip (Art. 5 Abs. 2 und Art. 9 BV) unvereinbar und führt zu einer ungerechtfertigten Ungleichbehandlung. Es besteht kein vernünftiger Grund, eine den ordentlichen Rahmen sprengende Gebühr für die schriftliche Begründung zu erheben, bloss weil die Verhandlung mehr als einen Tag gedauert hat. Zudem war die Gebühr von Fr. 11'000.- angesichts der Mittellosigkeit des Beschwerdeführers und der fehlenden besonderen tatsächlichen oder rechtlichen Schwierigkeiten des Falls stossend.

Durch die Höhe der Gebühr wurde dem Beschwerdeführer zusätzlich in Verletzung von Art. 29a BV und Art. 6 EMRK i.V.m. Art. 13 EMRK der Rechtsweg ungebührlich erschwert. Ob die Frage der Zulässigkeit der Verdoppelung generell mit Art. 80 Abs. 1 und 2 i.V.m. Art. 82 Abs. 2 StPO vereinbar ist, konnte offenbleiben, da die konkrete Anwendung im vorliegenden Fall bereits willkürlich war.

Regeste

Art. 9 BV (Willkür); Festlegung der Gerichtskosten, Äquivalenzprinzip. Gerichtskosten sind Kausalabgaben, die dem Kostendeckungs- und Äquivalenzprinzip genügen müssen (E. 3.3.2). Ob die Verdoppelung der Gebühr für den Fall der schriftlichen Begründung des erstinstanzlichen Urteils zulässig und mit Art. 80 Abs. 1 und 2 i.V.m. Art. 82 Abs. 2 StPO vereinbar ist, kann offenbleiben (E. 3.5.1). Die Anzahl Verhandlungstage hat grundsätzlich keinen Einfluss auf den Begründungsaufwand eines Entscheids. Bei mehrtägigen Verhandlungen darf mit Blick auf das Äquivalenzprinzip und das Gleichbehandlungsgebot lediglich der Aufwand für die zusätzlichen Verhandlungstage berücksichtigt werden (E. 3.5.2). Verletzung des Äquivalenzprinzips im vorliegenden Fall (E. 3.6). Regeste Art. 9 Cst. (arbitraire); fixation des frais judiciaires, principe d'équivalence. Les frais judiciaires sont des taxes causales qui doivent respecter les principes de couverture des coûts et d'équivalence (consid. 3.3.2). La question de savoir si le doublement de l'émolument en cas de motivation écrite du jugement de première instance est autorisé et conforme à l'art. 80 al. 1 et 2 CPP en rapport avec l'art. 82 al. 2 CPP peut rester ouverte (consid. 3.5.1). Le nombre de jours d'audience n'a en principe aucune influence sur les frais relatifs à la motivation d'un prononcé. En cas d'audience sur plusieurs jours, seuls peuvent être pris en considération, compte tenu du principe d'équivalence et d'égalité de traitement, les frais pour les jours supplémentaires d'audience (consid. 3.5.2). Principe d'équivalence violé en l'occurrence (consid. 3.6). Regesto Art. 9 Cost. (arbitrio); determinazione delle spese giudiziarie, principio di equivalenza. Le spese giudiziarie sono dei contributi causali che devono rispettare il principio di copertura dei costi e quello di equivalenza (consid. 3.3.2). Può restare indecisa la questione di sapere se il raddoppiamento dell'emolumento in caso di motivazione scritta della sentenza di prima istanza sia ammissibile e compatibile con l'art. 80 cpv. 1 e 2 unitamente all'art. 82 cpv. 2 CPP (consid. 3.5.1). In linea di principio il numero dei giorni del dibattimento non influenza le spese afferenti la motivazione di una sentenza. Nel caso in cui il dibattimento si protragga su più giorni, tenuto conto del principio di equivalenza e di quello della parità di trattamento, devono essere prese in considerazione unicamente le spese connesse ai giorni supplementari del dibattimento (consid. 3.5.2). Principio di equivalenza violato nel caso concreto (consid. 3.6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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