Ausschaffungshaft: Verletzung des Beschleunigungsgebots durch monatelange Untätigkeit führt zur sofortigen Entlassung (Art. 76 Abs. 4 AuG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 139 I 206 · ATF 139 I 206 · DTF 139 I 206
- Datum
- 22.07.2013
- Geschäftsnummer
- BGE 139 I 206
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 76 AuG Art. 81 AuG Art. 29 BV Art. 29a BV Art. 31 BV Art. 13 CE Art. 5 EMRK Art. 6 EMRK Art. 13 EMRK
Zusammenfassung
Ein tunesischer Staatsangehöriger, der in Libyen aufgewachsen sein will, befindet sich in Ausschaffungshaft im Kanton Bern. Er rügt beim Bundesgericht die Verletzung des Beschleunigungsgebots durch die Migrationsbehörden sowie diverse Verfahrensfehler, insbesondere im Hinblick auf den Zugang zum Recht und die Protokollierung der Haftverhandlungen.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und ordnet die unverzügliche Entlassung des Beschwerdeführers aus der Ausschaffungshaft an. Es tritt auf die Beschwerde ein, obwohl zwischenzeitlich eine neue kantonale Verlängerungsverfügung ergangen ist, da diese auf derselben rechtlichen und tatsächlichen Grundlage beruht wie der angefochtene Entscheid und Fragen von grundsätzlicher Bedeutung im öffentlichen Interesse liegen (Art. 89 Abs. 1 BGG, Art. 29a BV).
In materieller Hinsicht stellt das Gericht fest, dass das Beschleunigungsgebot nach Art. 76 Abs. 4 AuG verletzt wurde. Die Behörden blieben über zwei Monate hinweg untätig, ohne zielgerichtete Massnahmen zur Feststellung der Identität oder zur Vorbereitung der Ausschaffung zu treffen. Erst am 22. Mai 2013, also drei Monate nach der Inhaftierung am 20. Februar 2013, wurde ein Antrag auf Identifizierung bei der tunesischen Botschaft gestellt. Die Verzögerung kann nicht mit der mangelnden Mitwirkung des Beschwerdeführers gerechtfertigt werden, da die Behörden ihre Pflichten auch ohne dessen Kooperation aktiv erfüllen müssen (Art. 5 Ziff. 1 lit. f EMRK). Die Verletzung dieses Gebots führt in der Regel zur Haftentlassung.
Zur Klarstellung für die kantonalen Behörden fasst das Gericht die verfahrensrechtlichen Garantien zusammen. Der inhaftierte Ausländer hat Anspruch auf Kontakt zu einem Rechtsvertreter (Art. 81 Abs. 1 AuG) und auf Akteneinsicht. Bedürftige Parteien haben bei einer Haftverlängerung nach drei Monaten Anspruch auf unentgeltliche Verbeiständung (Art. 29 Abs. 3 Satz 2 BV, Art. 31 Abs. 2 Satz 2 BV, Art. 5 Ziff. 4 EMRK). Zudem muss die Haftverhandlung korrekt protokolliert werden (Art. 29 Abs. 2 BV), und es ist grundsätzlich erforderlich, dass ein Vertreter der Migrationsbehörde an der kontradiktorischen Verhandlung teilnimmt.
Regeste
Art. 5 Ziff. 1 lit. f und Ziff. 4 EMRK; Art. 29 und 29a BV; Art. 13 und 15 Richtlinie 2008/115/EG; Art. 81 Abs. 1 und Art. 76 Abs. 4 AuG; Anfechtung eines ausländerrechtlichen Haftentscheids, wenn dieser durch einen Verlängerungsentscheid ersetzt worden ist; Tragweite des ausländerrechtlichen Beschleunigungsgebots; Verfahrensgarantien. Dauert die ausländerrechtliche Festhaltung aufgrund eines neuen kantonalen Haftentscheids fort, welcher auf der gleichen rechtlichen und tatsächlichen Grundlage wie der beim Bundesgericht angefochtene beruht, tritt das Bundesgericht auf die bei ihm hängige Beschwerde ein (E. 1). Das Beschleunigungsgebot gilt in der Regel als verletzt, wenn von den Behörden während zweier Monate keine zielgerichteten Massnahmen getroffen werden, die Identität des Betroffenen festzustellen und dessen Ausschaffung aktiv voranzutreiben; dabei spielt keine Rolle, welche Behörde (Bund oder Kanton) die Verzögerung zu verantworten hat (E. 2). Zusammenfassung der Rechtsprechung zu den verfahrensrechtlichen Garantien: Anspruch auf unentgeltlichen Rechtsbeistand, Akteneinsicht, Protokollierungspflicht und Anwesenheit eines Vertreters der Migrationsbehörde an der Haftverhandlung (E. 3). Regeste Art. 5 par. 1 let. f et par. 4 CEDH; art. 29 et 29a Cst.; art. 13 et 15 Directive 2008/115/CE; art. 81 al. 1 et art. 76 al. 4 LEtr; contestation d'une décision relative à la détention administrative d'un étranger, lorsque celle-ci a été remplacée par une décision de prolongation de la détention; portée de l'obligation de diligence en droit des étrangers; garanties de procédure. Lorsque la détention de droit des étrangers perdure en raison d'une nouvelle décision cantonale en matière de détention, laquelle repose sur la même base juridique et factuelle que la décision attaquée auprès du Tribunal fédéral, ce dernier entre en matière sur le recours pendant devant lui (consid. 1). L'obligation de diligence est en principe réputée violée lorsque les autorités n'ont plus, deux mois durant, pris de mesures visant spécifiquement à établir l'identité de l'intéressé ainsi qu'à faire activement avancer la procédure de renvoi; ce, peu importe à quelle autorité (Confédération ou canton) le retard doit être imputé (consid. 2). Résumé de la jurisprudence concernant les garanties de procédure: droit à l'assistance gratuite d'un avocat, droit de consulter le dossier, tenue obligatoire d'un procès-verbal et présence d'un représentant de l'autorité en matière de migrations lors de l'audience de contrôle de la détention (consid. 3). Regesto Art. 5 n. 1 lett. f e n. 4 CEDU; art. 29 e 29a Cost.; art. 13 e 15 Direttiva 2008/115/CE; art. 81 cpv. 1 e art. 76 cpv. 4 LStr; impugnazione di una decisione di carcerazione secondo il diritto degli stranieri, quando la stessa è stata sostituita da una decisione di proroga; portata del principio di celerità nel diritto degli stranieri; garanzie procedurali. Quando la carcerazione prevista dal diritto degli stranieri perdura in ragione di una nuova decisione cantonale di carcerazione, che riposa sulle medesime basi giuridiche e di fatto di quella impugnata davanti al Tribunale federale, il Tribunale federale entra in materia sul ricorso pendente (consid. 1). Di regola, il principio di celerità è considerato violato quando, durante due mesi, le autorità non prendono misure che mirano ad accertare l'identità della persona in questione e che fanno avanzare attivamente la procedura di rinvio che la concerne; in questo contesto, poco importa a quale autorità (Confederazione o Cantone) il ritardo debba essere imputato (consid. 2). Riassunto della giurisprudenza in materia di garanzie procedurali: diritto all'assistenza legale gratuita, diritto di consultare gli atti, obbligo di tenere un processo verbale e di presenza di un rappresentante dell'autorità in materia di migrazione all'udienza concernente la carcerazione (consid. 3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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