Einwilligung in Drittauszahlung von Rentennachzahlungen an Krankentaggeldversicherer wirksam trotz fehlendem Beschluss und Formular (Art. 22 Abs. 2 ATSG, Art. 85bis Abs. 2 lit. a IVV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 136 V 381 · ATF 136 V 381 · DTF 136 V 381
- Datum
- 22.11.2010
- Geschäftsnummer
- BGE 136 V 381
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Der Beschwerdeführer wehrt sich gegen die direkte Auszahlung eines Teils seiner Rentennachzahlung durch die IV-Stelle Zug an den Krankentaggeldversicherer Zürich zur Verrechnung mit vorschussweise bezahlten Taggeldern. Er hatte am 14. Juni 2003 eine Vereinbarung unterzeichnet, welche die Ausgleichskasse ermächtigte, allfällige Nachzahlungsguthaben direkt mit zu viel gezahlten Taggeldleistungen zu verrechnen. Der Beschwerdeführer bestreitet die Wirksamkeit dieser Einwilligung, da zum Zeitpunkt der Unterzeichnung weder der genaue Umfang des Nachzahlungsanspruchs bekannt war noch ein entsprechender Beschluss der Invalidenversicherung vorlag. Zudem wurde die Erklärung nicht auf dem dafür vorgesehenen behördlichen Formular abgegeben.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab und bestätigt die Zulässigkeit der Drittauszahlung an den Krankentaggeldversicherer.
Die Anforderungen an eine rechtsgenügliche Einwilligung in die Drittauszahlung von Rentennachzahlungen nach Art. 85bis Abs. 2 lit. a IVV dürfen nicht höher sein als diejenigen an eine Abtretung gemäss Art. 22 Abs. 2 ATSG. Es genügt daher, dass Inhalt, Schuldner und Rechtsgrund der zur Verrechnung vorgesehenen Leistung im Zeitpunkt der Einwilligung hinreichend bestimmbar sind; ein bereits ergangener Beschluss der zuständigen Organe ist nicht erforderlich. Im vorliegenden Fall hatte der Beschwerdeführer am 14. Juni 2003 schriftlich erklärt, die zuständige Ausgleichskasse zu ermächtigen, ein allfälliges Nachzahlungsguthaben mit zu viel gezahlten Taggeldleistungen der Zürich direkt zu verrechnen. Da er sich bereits im April 2002 zum Leistungsbezug angemeldet hatte, waren die künftigen Rentenbetreffnisse und damit Ausmass und Höhe der Leistungen aus den gesetzlichen Bestimmungen ableitbar und somit bestimmbar.
Hinsichtlich der Form ist die Verwendung eines bestimmten Formulars für die Zustimmungserklärung keine zwingende Gültigkeitsvoraussetzung mehr. Art. 85bis Abs. 1 Satz 3 IVV verlangt ein solches lediglich für den Antrag des Dritten, nicht aber für die Einwilligung des Leistungsberechtigten. Eine solche Anforderung wäre angesichts des anzustrebenden Vereinfachungsgebots übertrieben formalistisch. Die Erklärung vom 14. Juni 2003 ist daher auch ohne das behördliche Formular gültig und wirksam.
Regeste
Art. 22 Abs. 2 ATSG; Art. 85 bis Abs. 2 lit. a IVV; Zustimmung zur Drittauszahlung von Rentennachzahlungen. Da die Anforderungen an eine rechtsgenügliche Einwilligung in die Drittauszahlung von Rentennachzahlungen nicht höher sein können als diejenigen an eine Abtretung von Sozialversicherungsleistungen wie sie in BGE 135 V 2 formuliert worden sind, erfährt die Rechtsprechung zu Art. 85 bis Abs. 2 lit. a IVV gewisse Anpassungen im Sinne einer Lockerung der für eine Drittauszahlung verlangten Voraussetzungen (E. 5 Ingress). So kann am Erfordernis, dass die erwartete Rentennachzahlung im Zeitpunkt der Abgabe der schriftlichen Einwilligung hinlänglich bekannt und insbesondere der entsprechende Beschluss der zuständigen Organe bereits ergangen sein muss, nur noch insofern festgehalten werden, als Inhalt, Schuldner und Rechtsgrund der zur Verrechnung vorgesehenen Leistung bestimmbar sein müssen (E. 5.1). Zudem ist die Verwendung eines bestimmten Formulars für die Zustimmung zur Drittauszahlung nicht mehr zwingende Gültigkeitsvoraussetzung (E. 5.2). Regeste Art. 22 al. 2 LPGA; art. 85 bis al. 2 let. a RAI; consentement au paiement d'un arriéré de rente en main de tiers. On ne saurait soumettre la validité du consentement au paiement d'un arriéré de rente en main de tiers à des critères plus stricts que ceux définis par l' ATF 135 V 2 pour la validité d'une cession du droit aux prestations d'assurances sociales. Par conséquent, les conditions posées par la jurisprudence relative à l'art. 85 bis al. 2 let. a RAI, pour le paiement de prestations en mains de tiers, sont assouplies (consid. 5 in initio). Ainsi, la condition relative à une connaissance suffisante de l'arriéré de rente au moment du consentement écrit, et plus particulièrement l'exigence qu'une décision ait déjà été rendue par l'organe compétent, ne peuvent être maintenues qu'en ce sens que l'on doit pouvoir déterminer le contenu, le débiteur et le fondement juridique de la prestation dont la compensation est envisagée (consid. 5.1). De même, l'utilisation d'un formulaire spécial pour le consentement au paiement en main de tiers n'est plus une condition de validité de ce consentement (consid. 5.2). Regesto Art. 22 cpv. 2 LPGA; art. 85 bis cpv. 2 lett. a OAI; consenso al versamento di rendite arretrate nelle mani di terzi. Dal momento che le esigenze riguardo ad un valido consenso al versamento di rendite arretrate nelle mani di terzi non possono essere più severe di quelle stabilite in DTF 135 V 2 riguardo alla cessione di prestazioni di assicurazioni sociali, la giurisprudenza relativa all'art. 85 bis cpv. 2 lett. a OAI è adattata nel senso di un allentamento delle condizioni per il versamento nelle mani di terzi (consid. 5 preambolo). Pertanto, l'esigenza della sufficiente conoscenza dell'atteso pagamento di rendite arretrate al momento del rilascio del consenso scritto e, in particolare, della già resa relativa decisione da parte degli organi competenti può essere mantenuta nella sola misura in cui devono essere determinabili contenuto, debitore e fondamento giuridico della prestazione di cui è prevista la compensazione (consid. 5.1). Inoltre, l'utilizzo di un formulario speciale per il consenso al versamento nelle mani di terzi non costituisce più un requisito imperativo di validità (consid. 5.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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