Kollokationsklage im Konkurs: Klagefrist wird durch COVID-19-Gerichtsferienverordnung verlängert, Art. 145 Abs. 1 ZPO ist anwendbar (Art. 250 Abs. 2 SchKG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 149 III 179 · ATF 149 III 179 · DTF 149 III 179
- Datum
- 07.12.2022
- Geschäftsnummer
- 5A_790/2021
- Abteilung
- II. Zivilrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 74 BGG Art. 31 SchKG Art. 56 SchKG Art. 62 SchKG Art. 63 SchKG Art. 250 SchKG Art. 1 ZPO Art. 142 ZPO Art. 145 ZPO
Zusammenfassung
Eine Gläubigerin erhob im Konkursverfahren einer Dritten eine Kollokationsklage gegen einen anderen Gläubiger. Der Bezirksgericht trat infolge Verspätung nicht ein; das kantonale Obergericht hob diesen Entscheid auf und wies die Sache zur materiellen Prüfung zurück. Gegen diesen Rückweisungsentscheid erhob die Gläubigerin Beschwerde ans Bundesgericht. Streitig war, ob die Klagefrist für die Kollokationsklage während der durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten Gerichtsferien stillstand und ob dafür die Regelung der Zivilprozessordnung (Art. 145 Abs. 1 ZPO) oder diejenige des Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes (Art. 63 SchKG) massgeblich ist.
Das Bundesgericht verwirft die Beschwerde. Es stellt fest, dass die Klagefrist für die Kollokationsklage gemäss Art. 250 Abs. 2 SchKG zwanzig Tage nach der öffentlichen Auflage des Kollokationsplans läuft, also ab dem 18. März 2020. Da die Klage am 4. Mai 2020 eingereicht wurde, wäre sie verspätet, wenn nicht ein Friststillstand eingetreten wäre. Der Stillstand erfolgte jedoch nicht gemäss Art. 63 SchKG, weil die Auflage des Kollokationsplans durch das Konkursamt keine Betreibungshandlung im Sinne von Art. 56 SchKG darstellt. Stattdessen gilt Art. 145 Abs. 1 ZPO, weil die Kollokationsklage dem Verfahrensrecht der ZPO untersteht (Art. 1 lit. c ZPO) und das SchKG nichts anderes bestimmt (Art. 31 SchKG). Die durch die Verordnung vom 20. März 2020 über den Stillstand der Fristen im Zusammenhang mit dem Coronavirus (Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 COVID-19) angeordneten Gerichtsferien vom 21. März bis 19. April 2020 führten dazu, dass die Klagefrist erst am 6. Mai 2020 ablief. Die Klage war daher rechtzeitig. Diese Auslegung beruht auf der Anwendbarkeit von Art. 145 Abs. 1 ZPO, gestützt auf Art. 250 Abs. 2 SchKG, Art. 31 SchKG, Art. 1 lit. c ZPO, Art. 142 Abs. 1 ZPO, Art. 145 Abs. 4 ZPO sowie den besonderen COVID-19-Verordnungen (Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 COVID-19). Die Beschwerdeführerin trägt die Gerichtskosten von Fr. 2'500.-- und hat den Beschwerdegegner mit Fr. 3'000.-- zu entschädigen. Die Entscheidung klärt erstmals höchstrichterlich, dass Art. 145 Abs. 1 ZPO auch auf Kollokationsklagen im Konkurs anwendbar ist, solange kein fristauslösendes Ereignis eine Betreibungshandlung darstellt.
Regeste
Art. 31, 56 ff., 63, 250 Abs. 2 SchKG; Art. 145 Abs. 1 und 4 ZPO; Frist zur Erhebung einer Kollokationsklage im Konkurs. Für die Erhebung einer Kollokationsklage im Konkurs (Art. 250 SchKG) gelten die Gerichtsferien gemäss Art. 145 Abs. 1 ZPO. Art. 63 SchKG (Fristverlängerung infolge Betreibungsferien oder Rechtsstillstand) ist nicht anwendbar (E. 2-4). Regeste Art. 31, 56 ss, 63, 250 al. 2 LP; art. 145 al. 1 et 4 CPC; délai pour introduire une action en contestation de l'état de collocation dans la faillite. Les féries judiciaires prévues à l'art. 145 al. 1 CPC s'appliquent à l'introduction d'une action en contestation de l'état de collocation dans la faillite (art. 250 LP). L'art. 63 LP (prolongation du délai pour cause de féries ou de suspension) n'est pas applicable (consid. 2-4). Regesto Art. 31, 56 segg., 63, 250 cpv. 2 LEF; art. 145 cpv. 1 e 4 CPC; termine per introdurre un'azione di contestazione della graduatoria nel fallimento. Le ferie giudiziarie previste all'art. 145 cpv. 1 CPC si applicano all'introduzione di un'azione di contestazione della graduatoria nel fallimento (art. 250 LEF). L'art. 63 LEF (proroga del termine in seguito a ferie esecutive o sospensioni) non è applicabile (consid. 2-4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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