Belegzahnarzt führt stationäre Behandlung in SwissDRG-Klinik ohne Voranmeldung: Kein Anspruch auf Vergütung nach SSO-Tarifvertrag (Art. 13 Abs. 1 IVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 V 7 · ATF 148 V 7 · DTF 148 V 7
- Datum
- 13.10.2021
- Geschäftsnummer
- 8C_130/2021
- Abteilung
- I. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 95 BGG Art. 9 BV Art. 2 GgV Art. 13 IVG Art. 14 IVG Art. 26bis IVG Art. 27 IVG Art. 24 IVV Art. 112 OR Art. 394 OR Art. 716a OR
Zusammenfassung
Ein Zahnarzt erhob Klage gegen die IV-Stelle Solothurn mit dem Antrag, ihm für eine stationäre zahnärztliche Behandlung im Juli 2014 eine Vergütung nach dem Tarifvertrag zwischen der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) und der Invalidenversicherung (IV) zu gewähren. Die IV-Stelle lehnte dies ab und verwies auf den zwischen ihr und der Klinik abgeschlossenen SwissDRG-Tarifvertrag, der Vollkostenpauschalen vorsieht. Das kantonale Schiedsgericht wies die Klage ab. Der Zahnarzt legte Beschwerde ans Bundesgericht ein und beantragte die Aufhebung des Urteils sowie die Verpflichtung zur Zahlung von über 9500 Franken zuzüglich Verzugszinsen. Die IV-Stelle, das kantonale Gericht und das Bundesamt für Sozialversicherungen schlossen auf Abweisung der Beschwerde.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die Ablehnung der Vergütung nach dem SSO-Tarifvertrag. Der Beschwerdeführer hatte vor der stationären Behandlung vom 16. bis 19. Juli 2014 in der Klinik B.________ keinen Kostenvoranschlag gemäss Art. 6.1 des SSO-Tarifvertrags eingereicht; daher bestand nach Art. 6.2 des Vertrags grundsätzlich keine Zahlungspflicht. Zudem war seit 1. Juli 2013 ein SwissDRG-Tarifvertrag zwischen der Klinik und der IV in Kraft, der Vollkostenpauschalen für sämtliche stationären Leistungen – auch zahnärztliche – vorsah. Damit war allein die Klinik Auftragnehmerin gegenüber der IV, nicht mehr der Belegzahnarzt. Der SSO-Tarifvertrag galt daher nur noch für ambulante Leistungen. Der Beschwerdeführer war als langjähriger Verwaltungsrat der Klinik B.________ (seit 1993) notorisch über die Einführung von SwissDRG informiert und hätte vor der Behandlung mit der Klinik sein Honorar vereinbaren müssen. Ein verfassungsrechtlicher Anspruch auf Behandlungsaufträge bestand nicht (Art. 9 BV). Die Vorinstanz verletzte somit kein Bundesrecht, indem sie den SwissDRG-Tarif als massgeblich erachtete. Dem Ausgang des Verfahrens entsprechend trägt der Beschwerdeführer die Gerichtskosten (Art. 66 Abs. 1 Satz 1 BGG). Die Entscheidung klärt endgültig, dass die Einführung von SwissDRG in einer Klinik den SSO-Tarifvertrag für stationäre Leistungen faktisch verdrängt – auch ohne formelle Kündigung – und dass der Belegzahnarzt bei Kenntnis der neuen Struktur eigenverantwortlich seine Vergütungsvereinbarung mit dem Spital treffen muss.
Regeste
Art. 13 Abs. 1, Art. 14 Abs. 1, Art. 26 bis und Art. 27 Abs. 1 IVG; Art. 24 Abs. 2 IVV; Tarif für die zahnärztliche Behandlung eines Geburtsgebrechens; Fallpauschale. Da sich aus der freien Wahl des Leistungserbringers gemäss Art. 26 bis Abs. 1 IVG kein Anspruch auf freie Arztwahl im Spital im Falle einer stationären Behandlung ableiten lässt, steht es in der Gestaltungsfreiheit der Invalidenversicherung, mittels Abschlusses eines SwissDRG-Tarifvertrags mit einem Belegarztspital auf den Miteinbezug von Beleg(zahn)ärzten als Leistungserbringer zu verzichten und für stationäre Behandlungen ausschliesslich mit der Heilanstalt zusammenzuarbeiten. Dieser faktische Ausschluss von Beleg(zahn)ärzten für stationäre Leistungen in einem Spital, mit dem die Invalidenversicherung gestützt auf Art. 27 Abs. 1 IVG das SwissDRG-System vereinbart hat (E. 5.1.2), ist zulässig (E. 5.1.3). Im konkreten Fall ist die fragliche stationäre Behandlung gemäss der anwendbaren SwissDRG-Fallpauschale zu vergüten und nicht nach dem Zahnarzttarif gemäss dem zwischen der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) und der Medizinaltarif-Kommission UVG (MTK) sowie der Militär- und Invalidenversicherung abgeschlossenen Tarifvertrag (SSO-Tarifvertrag; E. 4 und 5). Regeste Art. 13 al. 1, art. 14 al. 1, art. 26 bis et art. 27 al. 1 LAI; art. 24 al. 2 RAI; tarif pour le traitement dentaire d'une infirmité congénitale; forfait par cas. On ne peut pas déduire du libre choix de l'assuré entre les fournisseurs de prestations au sens de l'art. 26 bis al. 1 LAI un droit de choisir librement le médecin en cas de traitement stationnaire dans un hôpital. Dans le cadre de sa liberté d'organisation, l'assurance-invalidité peut ainsi renoncer, au moyen d'une convention tarifaire SwissDRG avec un hôpital, à coopérer avec les médecins-dentistes agréés et travailler uniquement avec cet établissement hospitalier pour les traitements stationnaires. Cette exclusion de fait des médecins-dentistes agréés pour les traitements stationnaires dans un hôpital avec lequel l'assurance-invalidité a conclu une convention tarifaire SwissDRG en application de l'art. 27 al. 1 LAI (consid. 5.1.2) est admissible (consid. 5.1.3). Dans le cas concret, le traitement stationnaire en cause doit être pris en charge selon le tarif du forfait par cas du système SwissDRG applicable et non pas selon le tarif dentaire issu de la convention tarifaire conclue entre la Société suisse des médecins-dentistes (SSO) et la Commission des tarifs médicaux LAA (CTM) ainsi que l'assurance militaire et l'assurance-invalidité (convention tarifaire SSO; consid. 4 et 5). Regesto Art. 13 cpv. 1, art. 14 cpv. 1, art. 26 bis e art. 27 cpv. 1 LAI; art. 24 cpv. 2 OAI; tariffa per il trattamento dentario di un'infermità congenita; forfait per caso. Non si può dedurre dalla libera scelta dell'assicurato tra i fornitori di prestazioni a norma dell'art. 26 bis cpv. 1 LAI un diritto di scegliere liberamente il medico in caso di trattamento stazionario in un ospedale. Rimane nel margine di manovra dell'assicurazione invalidità di rinunciare, attraverso una convenzione tariffale SwissDRG con una clinica privata, a far capo come fornitori di prestazione dei medici dentisti privati ammessi per i trattamenti stazionari e di collaborare per i trattamenti stazionari unicamente con lo stabilimento. Questa esclusione di fatto dei medici dentisti ammessi per i trattamenti stazionari in un ospedale, con cui l'assicurazione invalidità ha convenuto a norma dell'art. 27 cpv. 1 LAI il sistema SwissDRG (consid. 5.1.2), è ammissibile (consid. 5.1.3). Nella fattispecie, il trattamento stazionario in questione deve essere remunerato secondo l'importo forfettario previsto dalla convenzione tariffale SwissDRG e non secondo la convenzione tariffale per prestazioni odontotecniche conclusa tra la Società svizzera odontoiatri (SSO), la Commissione delle tariffe mediche LAINF (CTM), l'assicurazione militare e l'assicurazione invalidità (convenzione tariffale SSO; consid. 4 e 5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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