Rechtskräftig weggewiesener Asylsuchender wird wegen Nichtmitwirkung bei Reisepapierbeschaffung bestraft: Strafrechtliche Verfolgung nach Ausländergesetz unzulässig, da Asylgesetz Vorrang hat und keine Strafnorm enthält (Art. 8 Abs. 4 AsylG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 IV 281 · ATF 148 IV 281 · DTF 148 IV 281
- Datum
- 28.03.2022
- Geschäftsnummer
- BGE 148 IV 281
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 90 AIG Art. 1 AsylG Art. 8 AsylG Art. 14 AsylG Art. 2 AuG Art. 5 BV Art. 9 BV
Zusammenfassung
Ein Asylsuchender war nach rechtskräftiger Ablehnung seines Gesuchs und einer angeordneten Ausreisefrist nicht ausgereist. Ihm wurde vorgeworfen, er habe sich während seines Aufenthalts nicht darum bemüht, bei der iranischen Vertretung in der Schweiz Ausweispapiere zu beschaffen. Das Bezirksgericht Bülach und später das Obergericht des Kantons Zürich sprachen ihn wegen Verletzung der Mitwirkungspflicht zur Beschaffung von Reisepapieren nach dem Ausländergesetz schuldig und verurteilten ihn zu einer Busse. Der Beschwerdeführer rügte, dass die Vorinstanzen die spezifische Mitwirkungspflicht nach dem Asylgesetz hätten anwenden müssen, die zwar besteht, aber nicht strafbewehrt sei.
Das Bundesgericht hob das Urteil der Vorinstanz auf und sprach den Beschwerdeführer von Schuld und Strafe frei. Es stellte fest, dass der Beschwerdeführer am 1. September 2017 durch das Bundesverwaltungsgericht rechtskräftig weggewiesen worden war und daher ab diesem Zeitpunkt die Mitwirkungspflicht nach Art. 8 Abs. 4 AsylG galt. Diese Pflicht tritt erst nach Rechtskraft des Wegweisungsentscheids ein und geht gemäss Art. 2 Abs. 1 AuG der allgemeinen Mitwirkungspflicht nach Art. 90 lit. c AuG vor. Das Asylgesetz enthält jedoch keine Strafnorm für deren Verletzung – anders als das Ausländergesetz, dessen Anwendung hier unzulässig ist. Die Bestrafung nach Art. 120 Abs. 1 lit. e i.V.m. Art. 90 lit. c AuG verstösst daher gegen das Legalitätsprinzip (Art. 5 Abs. 3 BV und Art. 9 BV), weil sie eine Tat bestraft, die im maßgeblichen Gesetz nicht ausdrücklich unter Strafe gestellt ist. Der Beschwerdeführer beantragte zudem Genugtuung, wobei das Bundesgericht die Sache zur Neuregelung der Kosten- und Entschädigungsfolgen an die Vorinstanz zurückwies. Die Entscheidung klärt endgültig, dass die strafrechtliche Verfolgung von rechtskräftig weggewiesenen Asylsuchenden wegen Nichtmitwirkung bei der Reisepapierbeschaffung ausschliesslich auf der Grundlage des Asylgesetzes erfolgen kann – und dort mangels Strafnorm nicht möglich ist.
Regeste
Art. 8 Abs. 4 AsylG; Verletzung der Mitwirkungspflicht zur Beschaffung von Reisepapieren; Vorrang des AsylG gegenüber dem AuG bzw. AIG; Legalitätsprinzip. Schuldspruch wegen Verletzung der Mitwirkungspflicht zur Beschaffung von Reisepapieren gestützt auf Art. 120 Abs. 1 lit. e i.V.m. Art. 90 lit. c AuG; Bestimmungen sind deckungsgleich mit denjenigen im heute geltenden AIG (E. 1.4.1). Vorrang der Bestimmungen des AsylG gegenüber denjenigen des AuG gemäss Art. 2 Abs. 1 AuG (E. 1.4.2). Die Mitwirkungspflicht zur Beschaffung von Reisepapieren i.S.v. Art. 8 Abs. 4 AsylG geht für einen rechtskräftig weggewiesenen Asylsuchenden derjenigen aus Art. 90 lit. c AuG vor (E. 1.4.3). Für die Verletzung der Mitwirkungspflicht i.S.v. Art. 8 Abs. 4 AsylG sieht das AsylG keine Strafnorm vor (E. 1.4.4). Der gestützt auf Art. 120 Abs. 1 lit. e i.V.m. Art. 90 lit. c AuG gegen den Beschwerdeführer als rechtskräftig weggewiesenen Asylsuchenden ergangene Schuldspruch verletzt Bundesrecht (E. 1.5). Regeste Art. 8 al. 4 LAsi; violation de l'obligation de collaborer à l'obtention des documents de voyage; primauté de la LAsi à l'égard de la LEtr, respectivement de la LEI; principe de la légalité. Condamnation pour violation de l'obligation de collaborer à l'obtention des documents de voyage fondée sur l'art. 120 al. 1 let. e en relation avec l'art. 90 let. c LEtr; ces dispositions sont identiques à celles de la LEI actuellement en vigueur (consid. 1.4.1). La primauté des dispositions de la LAsi sur celles de la LEtr est déduite de l'art. 2 al. 1 LEtr (consid. 1.4.2). Pour un requérant d'asile dont la décision de renvoi est entrée en force, l'obligation de collaborer à l'obtention des documents de voyage au sens de l'art. 8 al. 4 LAsi prime sur celle découlant de l'art. 90 let. c LEtr (consid. 1.4.3). La LAsi ne prévoit pas de disposition pénale pour la violation de l'obligation de collaborer déduite de l'art. 8 al. 4 LAsi (consid. 1.4.4). En l'espèce, la condamnation du recourant, requérant d'asile visé par une décision de renvoi entrée en force, est contraire au droit fédéral en tant qu'elle est fondée sur l'art. 120 al. 1 let. e en relation avec l'art. 90 let. c LEtr (consid. 1.5). Regesto Art. 8 cpv. 4 LAsi; violazione dell'obbligo di collaborare all'ottenimento di documenti di viaggio; preminenza della LAsi sulla LStr rispettivamente sulla LStrI; principio di legalità. Condanna per titolo di violazione dell'obbligo di collaborare all'ottenimento di documenti di viaggio fondata sull'art. 120 cpv. 1 lett. e unitamente all'art. 90 lett. c LStr; tali disposizioni corrispondono a quelle della vigente LStrI (consid. 1.4.1). In base all'art. 2 cpv. 1 LStr, le norme della LAsi prevalgono su quelle della LStr (consid. 1.4.2). Per i richiedenti l'asilo oggetto di una decisione di allontanamento passata in giudicato, l'obbligo di collaborare all'ottenimento di documenti di viaggio ai sensi dell'art. 8 cpv. 4 LAsi prevale su quello previsto dall'art. 90 lett. c LStr (consid. 1.4.3). La LAsi non prevede alcuna norma penale in caso di violazione dell'obbligo di collaborare giusta l'art. 8 cpv. 4 LAsi (consid. 1.4.4). La condanna del ricorrente, richiedente l'asilo oggetto di una decisione di allontanamento passata in giudicato, resa sulla base dell'art. 120 cpv. 1 lett. e unitamente all'art. 90 lett. c LStr è contraria al diritto federale (consid. 1.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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