Lohnnachzahlung für 2017 erfolgt 2018 nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses: Beitragspflicht richtet sich nach Bestimmungsjahr, ALV-Beitragssatz von 1 % (Art. 3 Abs. 2 AVIG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 V 104 · ATF 146 V 104 · DTF 146 V 104
- Datum
- 03.04.2020
- Geschäftsnummer
- 8C_589/2019
- Abteilung
- I. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 5 AHVG Art. 34d AHVV Art. 2 AVIG Art. 3 AVIG Art. 90c AVIG Art. 95 BGG
Zusammenfassung
Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) erhob Beschwerde gegen einen kantonalen Entscheid, der eine Ausgleichskasse anwies, auf eine 2018 erfolgte Lohnnachzahlung für das Jahr 2017 nur noch den Solidaritätszuschlag von 1 % statt des regulären Satzes von 2.2 % zu erheben. Streitig war, ob für die Beitragsbemessung das Jahr der Realisierung (2018) oder das Bestimmungsjahr (2017) massgeblich ist, wobei im Jahr 2017 die ALV-Jahreshöchstgrenze bereits überschritten war. Die Helvetia Schweizerische Versicherungsgesellschaft AG und das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen beantragten die Abweisung der Beschwerde.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde des Bundesamts für Sozialversicherungen ab. Es stellte fest, dass die Lohnnachzahlung vom 23. Februar 2018 für das Erwerbsjahr 2017 bestimmt war und das Arbeitsverhältnis am 31. Dezember 2017 endete. Da die ALV-Jahreshöchstgrenze von Fr. 148'200.– für 2017 bereits mit einem Gesamteinkommen von Fr. 249'820.80 überschritten war, kommt gemäss Art. 3 Abs. 2 AVIG nur noch der Solidaritätszuschlag von 1 % zur Anwendung. Das Bundesgericht vertrat die Auffassung, dass die Beitragspflicht – nicht nur der Beitragsbezug – nach dem Bestimmungsprinzip zu beurteilen ist, weil die ALV-Beitragspflicht ein Plafond kennt und damit qualitativ anders als die AHV-Beitragspflicht ist. Die Verwaltungsweisung (WBB Rz. 2035.2 Variante b), die den Beitragssatz nach dem Realisierungsjahr bestimmen wollte, wurde als bundesrechtswidrig qualifiziert, da sie die gesetzliche Regelung zur Beitragspflicht unterläuft. Die vorinstanzliche Feststellung, dass die Nachzahlung für 2017 bestimmt war, blieb unbeanstandet. Gemäss Art. 66 Abs. 4 BGG werden dem BSV keine Gerichtskosten auferlegt. Diese Entscheidung klärt zentral, dass bei nachträglichen Lohnzahlungen nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses das Bestimmungsjahr für die Höhe des ALV-Beitragssatzes entscheidend ist, wenn die Jahreshöchstgrenze bereits erreicht war.
Regeste
Art. 3 und Art. 90c Abs. 1 AVIG; Beitragspflicht bei nachträglicher Lohnzahlung. Die Bestimmung des Beitragssatzes einer Lohnnachzahlung (Art. 5 Abs. 1 AHVG) ist nicht oder nicht ausschliesslich auf der Ebene des Beitragsbezugs abzuhandeln, sondern in erster Linie unter dem an der Beitragspflicht anknüpfenden Gesichtspunkt des massgeblichen Erwerbsjahres bzw. der Anrechnung der entsprechenden Beiträge. Soweit Rz. 2035.2 WBB (Stand 1. Januar 2018; Variante b) den ALV-Beitragssatz bei Einkommensbezügen in einem Jahr nach Beendigung der Versicherungspflicht ungeachtet des im betreffenden Erwerbs- oder Bestimmungsjahr erzielten Einkommens festlegt, ist die betreffende Wegleitung mit der Vorinstanz als bundesrechtswidrig zu qualifizieren (E. 3-8). Regeste Art. 3 et art. 90c al. 1 LACI; obligation de cotiser en cas de versement de salaire arriéré. Le taux de cotisation applicable à un versement de salaire arriéré (art. 5 al. 1 LAVS) ne se détermine pas ou pas uniquement au niveau de la perception des cotisations, mais en premier lieu au regard de l'année d'acquisition déterminante, respectivement de l'imputation des montants correspondants, auxquelles est rattachée l'obligation de cotiser. Le ch. 2035.2 de la directive DP (état au 1 er janvier 2018; variante b) est donc contraire au droit fédéral en tant qu'il fixe le taux de cotisation applicable aux revenus versés au cours d'une année où l'obligation d'assurance a pris fin indépendamment du revenu perçu durant l'année d'acquisition ou durant l'année de détermination concernée (consid. 3-8). Regesto Art. 3 e art. 90c cpv. 1 LADI; obbligo di contribuire in caso di versamenti di salario a posteriori. La determinazione del tasso contributivo di un versamento di salario a posteriori (art. 5 cpv. 1 LAVS) non è o non è esclusivamente da affrontare a livello di percezione dei contributi, bensì in primo luogo nell'ottica dell'anno salariale determinate rispettivamente dell'imputazione dei corrispettivi contributi a cui sono legati l'obbligo contributivo. Nella misura in cui la cifra marginale 2035.2 delle direttive DRC (stato 1° gennaio 2018; variante b) stabilisce il tasso di contribuzione dell'assicurazione contro la disoccupazione legato al reddito nell'anno in cui l'obbligo di assicurazione ha preso termine indipendentemente dall'anno in cui il salario è stato ottenuto o conteggiato, le DRC devono essere dichiarate contrarie al diritto federale (consid. 3-8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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