Kanton Thurgau erlaubt Beiträge für obligatorische Schulveranstaltungen und Kostenbeteiligung für Sprachkurse: Verletzung des Anspruchs auf unentgeltlichen Grundschulunterricht (Art. 19 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 144 I 1 · ATF 144 I 1 · DTF 144 I 1
- Datum
- 07.12.2017
- Geschäftsnummer
- 2C_206/2016
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 87 BGG Art. 95 BGG Art. 106 BGG Art. 3 BV Art. 8 BV Art. 10 BV Art. 13 BV Art. 18 BV Art. 19 BV Art. 36 BV Art. 61a BV Art. 62 BV Art. 28 KRK Art. 13 UNO-Pakt Art. 302 ZGB
Zusammenfassung
Mehrere Eltern erhoben beim Bundesgericht Beschwerde gegen eine Änderung des Thurgauer Volksschulgesetzes, die neue Regelungen zu Beiträgen für obligatorische Klassenverlegungen, Exkursionen und Lager sowie zur Kostenbeteiligung für Sprachkurse und Dolmetscherdienste enthält. Sie rügen eine Verletzung mehrerer Verfassungs- und Völkerrechtsnormen, insbesondere des Anspruchs auf unentgeltlichen Grundschulunterricht. Der Grosse Rat und der Regierungsrat des Kantons Thurgau beantragen die Abweisung der Beschwerde.
Das Bundesgericht hebt § 39 Abs. 1 und 2 des Thurgauer Volksschulgesetzes auf, weil beide Bestimmungen mit dem verfassungsmässigen Anspruch auf ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunterricht unvereinbar sind. § 39 Abs. 1 erlaubt die Erhebung von Beiträgen für obligatorische Klassenverlegungen, Exkursionen und Lager ohne die frühere Beschränkung auf die im Haushalt eingesparten Kosten, was gegen Art. 19 BV, Art. 62 Abs. 2 BV und Art. 62 Abs. 1 BV verstösst. § 39 Abs. 2 sieht eine Kostenbeteiligung der Erziehungsberechtigten für Sprachkurse und Dolmetscherdienste vor, obwohl ein zusätzlicher Sprachunterricht, der zur Gewährleistung eines ausreichenden Grundschulunterrichts notwendig ist, gemäss Art. 19 BV und Art. 62 Abs. 2 BV unentgeltlich sein muss; dies verletzt auch Art. 13 Abs. 2 lit. a UNO-Pakt I, Art. 28 Abs. 1 lit. a KRK und Art. 302 Abs. 1 ZGB. Zudem ist die Regelung zu Dolmetscherdiensten nach Art. 17 BV unklar, da nicht festgelegt ist, unter welchen Voraussetzungen sie erforderlich und kostenpflichtig sind. Die Beschwerdeführer sind als Eltern schulpflichtiger oder zukünftig schulpflichtiger Kinder virtuell berührt und daher gemäss Art. 89 Abs. 1 lit. b BGG zur Beschwerde legitimiert. Das Bundesgericht erlässt keine Gerichtskosten und keine Parteientschädigung gemäss Art. 66 Abs. 4 BGG und Art. 68 BGG. Die Entscheidung stärkt den Kernbereich des sozialen Grundrechts auf unentgeltlichen Grundschulunterricht und klärt, dass auch integrationsfördernde Massnahmen wie Sprachkurse, wenn sie zum ausreichenden Unterricht gehören, grundsätzlich unentgeltlich sein müssen.
Regeste
Art. 19 BV; § 39 Abs. 1 und 2 VG/TG. Anspruch auf ausreichenden und unentgeltlichen Schulunterricht. Abstrakte Normenkontrolle. Der Anspruch auf unentgeltlichen Unterricht umfasst alle notwendigen und unmittelbar dem Unterrichtszweck dienenden Mittel. Einschränkende Konkretisierungen durch den Gesetzgeber sind daran zu messen, ob sie mit dem verfassungsrechtlich garantierten Minimalgehalt noch zu vereinbaren sind (E. 2). Aufwendungen für Exkursionen und Lager gehören zum notwendigen und somit zwingend unentgeltlichen Unterricht, sofern eine Pflicht zur Teilnahme besteht. Für solche Veranstaltungen dürfen den Eltern nur diejenigen Kosten in Rechnung gestellt werden, die sie aufgrund der Abwesenheit ihrer Kinder einsparen. Sie beschränken sich auf die Verpflegung der Kinder, da die Eltern die Unterkunft auch bei deren Abwesenheit bereithalten müssen (E. 3.1). Erachtet eine Schule einen Sprachkurs als notwendig, damit das betroffene Kind ein ausreichendes Bildungsangebot erhält, muss dieser zwingend unentgeltlich erfolgen. Dasselbe gilt für allenfalls benötigte Dolmetscherdienste (E. 3.2). § 39 Abs. 1 und 2 VG/TG widersprechen diesen verfassungsmässigen Vorgaben und sind folglich aufzuheben (E. 3.3). Regeste Art. 19 Cst.; § 39 al. 1 et 2 de la loi thurgovienne sur l'école obligatoire (LEO/TG). Droit à un enseignement de base suffisant et gratuit. Contrôle abstrait. Le droit à un enseignement gratuit comprend tous les moyens nécessaires et servant directement le but de l'enseignement. Les concrétisations restrictives du législateur doivent être compatibles avec le contenu minimal de la garantie constitutionnelle (consid. 2). Dans la mesure où la participation est obligatoire, les dépenses pour les excursions et les camps font partie de l'enseignement nécessaire et, par conséquent, obligatoirement gratuit. Pour de telles manifestations, les parents ne doivent prendre à leur charge que les coûts qu'ils économisent en raison de l'absence de leur enfant. Ces coûts se limitent aux frais de repas de l'enfant, puisque les parents doivent supporter l'hébergement de leur enfant même en l'absence de celui-ci (consid. 3.1). Si une école considère qu'un cours de langue est nécessaire afin que l'enfant concerné puisse bénéficier d'une formation suffisante, ce cours doit obligatoirement être gratuit. Il en va de même d'éventuels services d'interprète (consid. 3.2). Le § 39 al. 1 et 2 LEO/TG ne respecte pas ces prescriptions constitutionnelles et doit par conséquent être annulé (consid. 3.3). Regesto Art. 19 Cost.; § 39 cpv. 1 e 2 della legge sulla scuola obbligatoria del Canton Turgovia. Diritto a un'istruzione di base sufficiente e gratuita. Controllo astratto. Il diritto a un'istruzione gratuita comprende tutti i mezzi necessari e che servono direttamente all'insegnamento. Concretizzazioni restrittive da parte del legislatore vanno giudicate in base alla loro compatibilità con il contenuto minimo della garanzia costituzionale (consid. 2). Nella misura in cui la partecipazione ad escursioni e soggiorni fuori sede è obbligatoria, questi ultimi rientrano nell'ambito dell'istruzione necessaria, obbligatoriamente gratuita. Per tali attività, possono essere posti a carico dei genitori solo i costi economizzati in ragione dell'assenza del figlio. Questi si limitano alle spese relative al sostentamento, poiché i genitori devono garantire l'alloggio dei figli anche in loro assenza (consid. 3.1). Se la scuola considera che un corso di lingue è necessario per una formazione sufficiente dell'allievo in questione, il corso dev'essere obbligatoriamente gratuito. Lo stesso vale per l'eventuale uso di servizi d'interprete (consid. 3.2). Il § 39 cpv. 1 e 2 della legge sulla scuola obbligatoria del Canton Turgovia non rispetta queste prescrizioni costituzionali e va di conseguenza annullato (consid. 3.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.