Führerausweis auf Probe: Dreifacher Verstoss innerhalb von vier Jahren führt zu zwölfmonatigem Entzug trotz Spezialregelung für Probezeit (Art. 15a SVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 143 II 699 · ATF 143 II 699 · DTF 143 II 699
- Datum
- 13.12.2017
- Geschäftsnummer
- 1C_136/2017
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 95 BGG Art. 15a SVG Art. 15b SVG Art. 16 SVG Art. 16a SVG Art. 16b SVG Art. 16c SVG Art. 31 SVG Art. 2a VRV Art. 33 VZV Art. 35a VZV
Zusammenfassung
Ein junger Fahrer erhielt nach Annullierung seines ersten Führerausweises auf Probe einen zweiten. Während dessen Probezeit fuhr er alkoholisiert und verursachte einen Selbstunfall. Das Strassenverkehrsamt entzog ihm den Führerausweis auf Probe und den Lernfahrausweis BE für zwölf Monate. Der Fahrer beschwerte sich beim Bundesgericht und machte geltend, die Kaskadenregelung für Mindestentzugsdauern sei bei einem zweiten Führerausweis auf Probe nicht anwendbar, weil Art. 15a SVG eine Spezialregelung darstelle, die frühere Vorfälle aus der ersten Probezeit ausschliesse.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte den zwölfmonatigen Entzug des Führerausweises auf Probe sowie des Lernfahrausweises BE.
Der Beschwerdeführer hatte während seiner ersten Probezeit am 1. März 2012 unter Drogeneinfluss gefahren und am 26. April 2013 eine erhebliche Geschwindigkeitsübertretung begangen; daraufhin wurde sein erster Führerausweis auf Probe annulliert. Nach Ablauf der Karenzfrist und einem verkehrspsychologischen Gutachten erhielt er am 9. Februar 2015 einen neuen Führerausweis auf Probe. Während dieser zweiten Probezeit verursachte er am 24. Januar 2016 einen Selbstunfall unter dem Einfluss einer Blutalkoholkonzentration von mindestens 1.14 Gewichtspromillen. Diese drei Vorfälle ereigneten sich innerhalb von knapp vier Jahren. Obwohl Art. 15a SVG für den Entzug des Führerausweises auf Probe eine spezifische Regelung enthält, ist diese nicht abschliessend für die Bemessung der Entzugsdauer. Die Kriterien zur Festsetzung der Entzugsdauer gemäss Art. 16 Abs. 3 SVG sind uneingeschränkt anwendbar, wozu auch die Widerhandlungen aus der ersten Probezeit gehören. Die Gesamtwürdigung aller Umstände – insbesondere die Häufung schwerer Verstösse, die fehlende Abschreckungswirkung der vorangegangenen Massnahmen und die fehlende besonderen berufsbedingten Notwendigkeit – rechtfertigt eine Entzugsdauer von zwölf Monaten als sachgerecht und verhältnismässig, obwohl für den Ausweis auf Probe lediglich eine Mindestentzugsdauer von drei Monaten nach Art. 16c Abs. 2 lit. a SVG vorgeschrieben ist. Auch der Entzug des Lernfahrausweises BE wird unter Berücksichtigung von Art. 33 VZV als gerechtfertigt angesehen.
Die Entscheidung stützt sich auf Art. 15a SVG (insbesondere Abs. 1, 3, 4, 5, 6), Art. 15b Abs. 2 SVG, Art. 16 SVG (Abs. 2, 3), Art. 16a SVG (Abs. 2), Art. 16b SVG (Abs. 2), Art. 16c SVG (Abs. 1 lit. b, Abs. 2 lit. a–c), Art. 31 Abs. 2bis lit. f SVG i.V.m. Art. 2a Abs. 1 lit. h VRV sowie Art. 33 VZV. Die Vorinstanz hatte zwar zu Unrecht Art. 16c Abs. 2 lit. c SVG als anwendbar beurteilt, aber ergänzend auf Art. 16 Abs. 3 SVG gestützt und die gesamten Umstände gewürdigt.
Dem Beschwerdeführer werden die Gerichtskosten von Fr. 2'000.– auferlegt; eine Parteientschädigung wird nicht ausgesprochen.
Die Entscheidung klärt die systematische Stellung von Art. 15a SVG im Verhältnis zur Kaskadenregelung von Art. 16c Abs. 2 SVG und bestätigt, dass frühere Vorfälle aus einer vorangegangenen Probezeit bei der Bemessung der Entzugsdauer für einen zweiten Führerausweis auf Probe grundsätzlich zu berücksichtigen sind.
Regeste
Art. 15a, 16 Abs. 2, Art. 16a-16c SVG; Entzug eines zweiten Ausweises auf Probe, nachdem bereits einmal ein erster Ausweis auf Probe annulliert worden ist. Der Gesetzesbestimmung über den Ausweis auf Probe kommt eine gewisse selbständige Bedeutung zu. Gestützt darauf ist für die Frage des Entzugs als solchen lediglich auf die in der zweiten Probezeit begangenen Widerhandlungen abzustellen und nicht auch auf die Vorfälle der ersten Probezeit. Für die Frage der Entzugsdauer ist die Sonderregelung jedoch nicht abschliessend. Sie geht zwar der ordentlichen gesetzlichen Kaskadenfolge für Ausweisentzüge vor, nicht aber generell den übrigen Gesetzesbestimmungen zur Entzugsdauer von Führerausweisen. Das bedeutet insbesondere, dass die gesetzlichen Kriterien für die Festsetzung der Entzugsdauer mit Ausnahme der nicht massgeblichen Mindestentzugsdauern Anwendung finden. Dazu zählen auch die Widerhandlungen aus einer früheren Probezeit. Umsetzung dieser Grundsätze im zu beurteilenden Einzelfall (E. 2-4). Regeste Art. 15a, 16 al. 2, art. 16a-16c LCR; retrait d'un deuxième permis de conduire à l'essai après l'annulation d'un premier permis à l'essai. La disposition légale sur le permis à l'essai revêt une portée en partie autonome. Dès lors, pour se prononcer sur le principe d'un retrait, il n'y a lieu de tenir compte que des infractions commises durant la seconde période d'essai et non des faits commis durant la première période. S'agissant en revanche de la durée du retrait, la réglementation spécifique n'est pas exhaustive. Elle prime certes le système légal ordinaire en cascade applicable aux retraits de permis, mais pas les autres dispositions légales concernant la durée des retraits. Cela signifie en particulier qu'à l'exception des durées minimales qui ne sont pas pertinentes, les critères légaux pour la fixation de la durée du retrait s'appliquent. Les infractions commises durant une période d'essai précédente en font aussi partie. Application de ces principes au cas particulier (consid. 2-4). Regesto Art. 15a, 16 cpv. 2, art. 16a-16c LCStr; revoca di una seconda licenza di condurre in prova, dopo l'annullamento di una prima licenza in prova. La norma relativa alla licenza di condurre in prova connota una certa portata autonoma. Ne segue che per pronunciarsi sulla questione della revoca come tale occorre considerare soltanto le infrazioni commesse durante il secondo periodo di prova e non anche i precedenti verificatisi durante il primo periodo di prova. Per il quesito della durata della revoca, la regolamentazione speciale non è esaustiva. Certo, essa prevale sul sistema legale ordinario a cascata applicabile alle revoche delle licenze, non però in generale sulle altre disposizioni legali inerenti alla durata delle revoche. Ciò significa in particolare che rimangono applicabili i criteri legali per la determinazione della durata della revoca, fatta eccezione per la durata minima delle revoche. Tra questi rientrano anche le infrazioni commesse durante un periodo di prova precedente. Trasposizione di questi principi nel caso concreto (consid. 2-4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.