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Justizze. Art. 13 BGFA

Bundesgericht

Willensvollstrecker beantragt Entbindung vom Anwaltsgeheimnis zur Eintreibung offener Honorarforderung: Bundesgericht verlangt Nachweis der Unmöglichkeit eines Kostenvorschusses und klärt bundesrechtliche Kriterien (Art. 13 BGFA)

BGE / ATF / DTF
BGE 142 II 307 · ATF 142 II 307 · DTF 142 II 307
Datum
09.05.2016
Geschäftsnummer
BGE 142 II 307
Abteilung
CH_BGE_004
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 12 BGFA Art. 13 BGFA Art. 17 BGFA Art. 321 StGB

Zusammenfassung

Ein Rechtsanwalt als Willensvollstrecker im Nachlass eines verstorbenen Kollegen reichte bei der kantonalen Aufsichtskommission ein Gesuch um Entbindung vom Anwaltsgeheimnis ein, um eine ausstehende Honorarforderung von Fr. 2'497.80 geltend zu machen. Die Kommission gewährte die Entbindung. Dagegen erhob die betroffene Mandantin Beschwerde beim Obergericht des Kantons Zug, das diese abwies. Sie gelangte daraufhin mit Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten ans Bundesgericht und beantragte die Aufhebung des Urteils sowie die Rückweisung der Sache oder alternativ die Ablehnung des Entbindungsbegehrens.

Das Bundesgericht hob das Urteil des Obergerichts des Kantons Zug auf und verwies die Streitsache an diese Vorinstanz zurück.

Die Entbindung vom Anwaltsgeheimnis ist nur zulässig, wenn mindestens die Voraussetzungen für einen strafrechtlichen Rechtfertigungsgrund nach Art. 321 Ziff. 2 StGB vorliegen; dies stellt eine Minimalvorgabe auch für das berufsrechtliche Verfahren dar. Die kantonale Aufsichtskommission hat daher bei ihrer Entscheidung über die Entbindung ausschliesslich bundesrechtliche Kriterien heranzuziehen, insbesondere diejenigen des Bundesgesetzes über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (BGFA), da seit dessen Inkrafttreten die anwaltlichen Berufspflichten abschliessend bundesrechtlich geregelt sind. Ein Anwalt hat zwar regelmässig ein schutzwürdiges Interesse an der Entbindung zwecks Eintreibung offener Honorarforderungen, muss aber konkret darlegen, weshalb ihm eine Deckung mittels Kostenvorschuss nicht möglich war – etwa weil der Mandant unentgeltlichen Rechtsbeistand erhalten hatte oder andere gesetzlich geregelte Hindernisse bestanden. Diese Darlegungspflicht fehlte im vorliegenden Fall, sodass die Vorinstanz die Abwägung der widerstreitenden Interessen nicht ordnungsgemäss vorgenommen hat.

Die Entscheidung stützt sich auf Art. 13 BGFA und Art. 13 Satz 2 BGFA als zentrale berufsrechtliche Grundlagen sowie auf Art. 321 Ziff. 2 StGB und Art. 321 Abs. 1 StGB als strafrechtliche Rahmenbedingungen. Ergänzend werden Art. 12 lit. b BGFA und Art. 12 lit. i BGFA zur Frage der wirtschaftlichen Unabhängigkeit und der Pflicht zum Kostenvorschuss herangezogen. Art. 17 BGFA dient als Hintergrundnorm zur Sanktionierung einer Geheimnisverletzung.

Die Kostenentscheidung bleibt der Vorinstanz vorbehalten.

Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie erstmals höchstrichterlich klärt, dass die bundesrechtliche Vereinheitlichung des Anwaltsrechts die kantonalen Entbindungsregeln vollständig verdrängt hat und dass die strafrechtlichen Rechtfertigungskriterien eine unverzichtbare Mindestvoraussetzung für jede berufsrechtliche Entbindung darstellen.

Regeste

Entbindung vom Anwaltsgeheimnis. Berufsrechtliche und strafrechtliche Sanktionierung des Anwaltsgeheimnisses, Rechtfertigungsgründe (E. 4.1). Weder Art. 321 Ziff. 2 StGB noch Art. 13 BGFA nennen die für die Entbindung massgeblichen Kriterien (E. 4.2). Seit der bundesrechtlichen Vereinheitlichung des anwaltlichen Berufsrechts sind die massgeblichen Kriterien ausschliesslich dem Bundesrecht zu entnehmen (E. 4.3.1), wobei für die Erteilung einer Entbindung mindestens die Voraussetzungen für einen strafrechtlichen Rechtfertigungsgrund vorliegen müssen (E. 4.3.2). Ein Anwalt hat regelmässig ein schutzwürdiges Interesse an der Entbindung zwecks Eintreibung offener Honorarforderungen; er muss aber darlegen, weshalb ihm eine Deckung mittels Kostenvorschuss nicht möglich war (E. 4.3.3). Regeste Libération du secret professionnel de l'avocat. Sanctions professionnelles et pénales en cas de violation du secret professionnel de l'avocat, motifs justificatifs (consid. 4.1). Ni l'art. 321 ch. 2 CP, ni l'art. 13 LLCA ne décrivent les critères pertinents permettant de délier l'avocat de son secret professionnel (consid. 4.2). Depuis l'uniformisation du droit fédéral de la profession d'avocat, les critères pertinents ne se trouvent plus qu'exclusivement dans le droit fédéral (consid. 4.3.1), duquel il ressort que les conditions d'un motif justificatif au sens du droit pénal doivent à tout le moins être réunies pour délier l'avocat du secret professionnel (consid. 4.3.2). Un avocat a généralement un intérêt digne de protection à être délié du secret professionnel en vue de recouvrir une créance d'honoraires; il doit toutefois démontrer pourquoi il n'était pas possible de constituer une provision au moyen d'une avance de frais (consid. 4.3.3). Regesto Liberazione dal segreto professionale dell'avvocato. Sanzionamento professionale e penale in caso di violazione del segreto professionale dell'avvocato, motivi giustificativi (consid. 4.1). Né l'art. 321 cifra 2 CP, né l'art. 13 LLCA indicano i criteri determinanti per la liberazione dal segreto (consid. 4.2). Dopo l'unificazione a livello federale del diritto che regola la professione di avvocato, i criteri determinanti vanno desunti dal solo diritto federale (consid. 4.3.1); in ogni caso, la concessione di una liberazione dal segreto richiede per lo meno il sussistere delle condizioni per ammettere un motivo giustificativo ai sensi del diritto penale (consid. 4.3.2). Un avvocato che intende procedere all'incasso di onorari scoperti ha di regola un interesse degno di protezione alla liberazione dal segreto; egli deve tuttavia spiegare per quali ragioni non ha potuto provvedere alla loro copertura per mezzo della richiesta di un anticipo (consid. 4.3.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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