Baubewilligung für Einfamilienhäuser in lärmintensivem Gebiet abgelehnt: Immissionsgrenzwerte müssen an allen Fenstern lärmempfindlicher Räume eingehalten werden, Lüftungsfensterpraxis ist gesetzwidrig (Art. 22 USG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 II 100 · ATF 142 II 100 · DTF 142 II 100
- Datum
- 16.03.2016
- Geschäftsnummer
- 1C_139/2015
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 29 LSV Art. 31 LSV Art. 32 LSV Art. 39 LSV Art. 11 NISV Art. 1 RPG Art. 3 RPG Art. 8a RPG Art. 5a RPV Art. 31 RPV Art. 11 USG Art. 22 USG Art. 24 USG Art. 25 USG
Zusammenfassung
Fünf Bauherrschaften beantragten Baubewilligungen für Einfamilienhäuser im Gebiet Bölli Süd der Gemeinde Niederlenz, das an eine 24-Stunden-Industrieanlage grenzt und laut Planungswerten um bis zu 15 dB(A) über den Lärm-Grenzwerten liegt. Der Gemeinderat erteilte die Bewilligungen, worauf die Industriefirma Einspruch erhob. Das kantonale Departement ergänzte die Bewilligungen mit Schallschutzauflagen, doch das Verwaltungsgericht hob alle Entscheide auf. Dagegen legten die Bauherrschaften Beschwerde beim Bundesgericht ein und forderten die Wiedereinräumung der Baubewilligungen. Streitig war insbesondere, ob die Einhaltung der Immissionsgrenzwerte nur an einem Lüftungsfenster pro Raum genügt oder an allen Fenstern lärmempfindlicher Räume nachgewiesen werden muss.
Das Bundesgericht wies die Beschwerden ab und bestätigte die Aufhebung der Baubewilligungen. Es stellte klar, dass Art. 39 Abs. 1 LSV die Ermittlung der Lärmimmissionen „in der Mitte der offenen Fenster lärmempfindlicher Räume“ verlangt – der Plural in der deutschen und italienischen Fassung deutet darauf hin, dass dies an allen Fenstern geschehen muss, nicht nur an einem Lüftungsfenster. Die sogenannte Lüftungsfensterpraxis wird als gesetzwidrig verworfen, weil sie den Gesundheitsschutz nach Art. 22 USG untergräbt: Wenn nur ein Fenster geschützt sein muss, entfällt der Anreiz, wirksame Schallschutzmassnahmen an allen Fassaden zu realisieren, und die Interessenabwägung nach Art. 31 Abs. 2 LSV bleibt ungenutzt. Im vorliegenden Fall liegen die erwarteten Aussenlärmimmissionen an der Grenze zum Industriegebiet um bis zu 10 dB über dem Immissionsgrenzwert, und es wurden weder emissionsmindernde Massnahmen an der Quelle (Fabrik) noch auf dem Übertragungsweg (z.B. Lärmschutzwälle) vorgesehen. Auch aus raumplanerischer Sicht besteht kein überwiegendes Interesse an der Errichtung der geplanten Einfamilienhäuser im direkten Umfeld einer lärmintensiven Fabrik, sodass eine Ausnahmebewilligung nach Art. 31 Abs. 2 LSV ausscheidet. Die Beschwerdeführer tragen daher die Gerichtskosten von insgesamt Fr. 4'500.-- zu je einem Drittel und müssen die Beschwerdegegnerin mit je Fr. 1'500.-- entschädigen. Damit setzt das Bundesgericht erstmals ausdrücklich die Rechtsprechungslinie fort, dass passive Schallschutzmassnahmen wie fest verschlossene Fenster keine zulässige Lösung nach Art. 31 Abs. 1 lit. b LSV darstellen und die Messung am offenen Fenster grundsätzlich an allen Fenstern erfolgen muss.
Regeste
Baubewilligungen in lärmbelasteten Gebieten (Art. 22 USG, Art. 31, 32 und 39 Abs. 1 LSV); "Lüftungsfensterpraxis"; Koordination mit der Raumplanung (Art. 1 Abs. 2 lit. a bis , Art. 3 Abs. 3 lit. a bis und Art. 8a Abs. 1 lit. c und e RPG). Unabhängig von bestehenden Erschliessungs- oder Sondernutzungsvorschriften ist im Baubewilligungsverfahren stets zu prüfen, ob die Immissionsgrenzwerte an allen im Baugesuch vorgesehenen lärmempfindlichen Räumen eingehalten werden (Art. 22 USG; E. 2). Nach der sogenannten Lüftungsfensterpraxis genügt es, wenn die Immissionsgrenzwerte nicht an allen, sondern mindestens an einem (zum Lüften geeignetem) Fenster jedes lärmempfindlichen Raums eingehalten werden; Meinungsstand und bisherige Rechtsprechung (E. 3). Die "Lüftungsfensterpraxis" widerspricht dem geltenden Umweltschutzrecht (E. 4), insbesondere würde dadurch der vom Gesetzgeber gewollte Gesundheitsschutz ausgehöhlt (E. 4.4 und 4.5). Wichtigen Anliegen der Raumplanung, namentlich der Siedlungsverdichtung und -entwicklung nach innen, kann auf dem Wege der Ausnahmebewilligung Rechnung getragen werden (Art. 31 Abs. 2 LSV; E. 4.6). Regeste Autorisations de construire dans les zones affectées par le bruit (art. 22 LPE, art. 31, 32 et 39 al. 1 OPB); pratique dite de la fenêtre d'aération ("Lüftungsfensterpraxis"); coordination avec l'aménagement du territoire (art. 1 al. 2 let. a bis , art. 3 al. 3 let. a bis et art. 8a al. 1 let. c et e LAT). Nonobstant les dispositions existantes d'un plan d'affectation spécial ou d'un plan d'équipement, il y a lieu de vérifier dans la procédure d'autorisation de construire si les valeurs limites d'immission sont respectées dans tous les locaux à usage sensible au bruit prévus dans le projet (art. 22 LPE; consid. 2). Selon la pratique dite de la fenêtre d'aération, il suffit que les valeurs limites d'immission soient observées au moins sur une fenêtre (adaptée à l'aération) et non pas sur toutes les fenêtres de chaque pièce à usage sensible au bruit; avis sur la question et jurisprudence actuelle (consid. 3). La "pratique de la fenêtre d'aération" contrevient à la législation fédérale sur la protection de l'environnement (consid. 4), en particulier dans la mesure où elle entraîne une péjoration de la protection de la santé voulue par le législateur (consid. 4.4 et 4.5). Les exigences majeures de l'aménagement du territoire, à l'instar de la densification des surfaces de l'habitat et du développement de l'urbanisation orienté vers l'intérieur du milieu bâti, peuvent être prises en compte par le biais d'une autorisation dérogatoire (art. 31 al. 2 OPB; consid. 4.6). Regesto Permessi di costruzione in zone esposte al rumore (art. 22 LPAmb, art. 31, 32 e 39 cpv. 1 OIF); cosiddetta prassi della finestra di aerazione ("Lüftungsfensterpraxis"); coordinazione con la pianificazione del territorio (art. 1 cpv. 2 lett. a bis , art. 3 cpv. 3 lett. a bis e art. 8a cpv. 1 lett. c ed e LPT). Indipendentemente dalle prescrizioni esistenti del piano di urbanizzazione e del piano di utilizzazione speciale, nella procedura della licenza edilizia occorre sempre verificare se i valori limite d'immissione sono rispettati in tutti i locali sensibili al rumore previsti nella domanda di costruzione (art. 22 LPAmb; consid. 2). Secondo la cosiddetta prassi della finestra di aerazione è sufficiente che i valori limite d'immissione siano rispettati almeno su una finestra (adatta all'aerazione) di ogni locale sensibile al rumore, non per contro su tutte le finestre; opinioni sulla questione e giurisprudenza attuale (consid. 3). La "prassi della finestra di aerazione" contravviene al diritto della protezione dell'ambiente vigente (consid. 4), in particolare nella misura in cui comporta un peggioramento della protezione della salute voluta dal legislatore (consid. 4.4 e 4.5). Importanti esigenze della pianificazione del territorio, quali la densificazione degli insediamenti e il loro sviluppo centripeto, possono essere presi in considerazione tramite il rilascio di un'autorizzazione eccezionale (art. 31 cpv. 2 OIF; consid. 4.6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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