Muslimisches Mädchen trägt Hijab in Volksschule: Allgemeines Kopfbedeckungsverbot unverhältnismässig (Art. 15 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 I 49 · ATF 142 I 49 · DTF 142 I 49
- Datum
- 11.12.2015
- Geschäftsnummer
- 2C_121/2015
- Abteilung
- II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 5 BV Art. 8 BV Art. 11 BV Art. 15 BV Art. 35 BV Art. 36 BV Art. 50 BV Art. 62 BV Art. 3 KRK Art. 14 KRK Art. 10 KV/SG Art. 88 KV/SG Art. 89 KV/SG Art. 18 UNO-Pakt Art. 303 ZGB Art. 304 ZGB
Zusammenfassung
Eine Schulgemeinde im Kanton St. Gallen verbot einer muslimischen Schülerin das Tragen eines islamischen Kopftuchs (Hijab) im Unterricht unter Berufung auf eine allgemeine Schulordnung. Die Eltern fochten dieses Verbot bis vor Bundesgericht an, nachdem die kantonale Instanz das Tragen erlaubt hatte. Streitig war, ob die Gemeindeautonomie es zulässt, religiös motivierte Bekleidungsvorschriften durch ein pauschales Verbot einzuschränken, und ob ein solcher Eingriff in die Glaubens- und Gewissensfreiheit verfassungsmässig gerechtfertigt ist.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde der Schulgemeinde ab und bestätigt, dass das allgemeine Verbot des Tragens von Kopfbedeckungen im Unterricht gegenüber der muslimischen Schülerin unverhältnismässig ist.
Das Gericht prüft zunächst die Legitimation der Gemeinde, die sich auf die Verletzung ihrer Autonomie beruft. Es stellt fest, dass die Gemeinde zwar grundsätzlich befugt ist, lokale Schulordnungen zu erlassen, diese jedoch nicht gegen übergeordnetes Verfassungsrecht verstossen dürfen. Der Schutz der Glaubens- und Gewissensfreiheit nach Art. 15 BV umfasst ausdrücklich auch religiös motivierte Bekleidungsvorschriften wie das Kopftuch. Da die Schülerin minderjährig ist, werden ihre Rechte durch die Eltern wahrgenommen, wobei das Kindeswohl und die persönliche Entwicklung der Schülerin gemäss Art. 11 BV und der UNO-Kinderrechtskonvention zu beachten sind.
Im materiellen Teil qualifiziert das Gericht das Verbot als schweren Eingriff in die Grundrechte, da es den Lebensalltag der Schülerin massiv beeinträchtigt. Ein solcher Eingriff bedarf einer gesetzlichen Grundlage, welche hier durch das referendumsfähige Schulreglement gegeben ist. Bei der Prüfung der Rechtfertigung verwirft das Gericht die Argumente der Gemeinde: Die staatliche Neutralitätspflicht gilt primär für Lehrkräfte und Behörden, nicht aber für Schüler, solange diese keine missionarische Tätigkeit entfalten. Es liegen keine Hinweise vor, dass die Schülerin andere zum Tragen eines Kopftuchs drängt oder den Schulbetrieb stört. Auch der Aspekt der Gleichstellung der Geschlechter rechtfertigt kein pauschales Verbot, da das Tragen des Kopftuchs nicht zwingend Ausdruck patriarchalischen Zwangs sein muss; vielmehr attestierten ärztliche Zeugnisse einen eigenständigen, reifen Entscheid der Schülerin. Das Verbot scheitert schliesslich am Grundsatz der Verhältnismässigkeit (Art. 36 BV), da mildere Mittel zur Wahrung des Schulfriedens denkbar wären und die Integration der Schülerin durch den Ausschluss vom Unterricht gefährdet würde.
Regeste
Art. 15 BV; Art. 9 EMRK; Art. 18 UNO-Pakt II und Art. 2 lit. i KV/SG; Art. 36 BV; Art. 5 KV/SG. Kopftuchverbot für Schülerinnen an einer öffentlichen Schule; unzulässiger Eingriff in die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Leitprinzipien der Glaubens- und Gewissensfreiheit; Inhalt des Grundrechts (E. 3). Überblick über die Rechtsprechung zu religiösen Verhaltensweisen der Schüler an öffentlichen Schulen (E. 4.2 und 4.3) und zur Verwendung von religiösen Symbolen durch die Schule selbst (E. 4.4). Hinweis auf die Rechtsprechung des EGMR und einzelner ausländischer Verfassungsgerichte (E. 4.5). Eingriff in den Schutzbereich der Glaubens- und Gewissensfreiheit; Anforderungen an die Einschränkung des Grundrechts (E. 5 und 6). Gesetzliche Grundlage (E. 7); Erfordernis der einschlägigen öffentlichen Interessen (E. 8); Prüfung der Verhältnismässigkeit (E. 9 und 10). Regeste Art. 15 Cst.; art. 9 CEDH; art. 18 Pacte Onu II et art. 2 let. i Cst./SG; art. 36 Cst.; art. 5 Cst./SG. Interdiction de porter le voile pour des écolières d'une école publique; ingérence inadmissible dans la liberté de conscience et de croyance. Principes directeurs de la liberté de conscience et de croyance; contenu du droit fondamental (consid. 3). Aperçu de la jurisprudence rendue en matière de comportements religieux d'élèves d'écoles publiques (consid. 4.2 et 4.3) et de l'utilisation de symboles religieux par l'école elle-même (consid. 4.4). Référence à la jurisprudence de la CourEDH et de quelques cours constitutionnelles étrangères (consid. 4.5). Ingérence dans la sphère de protection de la liberté de conscience et de croyance; conditions de la limitation à un droit fondamental (consid. 5 et 6). Base légale (consid. 7); exigence d'intérêts publics pertinents (consid. 8); examen de la proportionnalité (consid. 9 et 10). Regesto Art. 15 Cost.; art. 9 CEDU; art. 18 Patto Onu II e art. 2 lett. i Cost./SG; art. 36 Cost.; art. 5 Cost./SG. Divieto di portare il velo per allievi di una scuola pubblica; ingerenza inammissibile nella libertà di credo e di coscienza. Principi direttori in materia di libertà di credo e di coscienza; contenuto del diritto fondamentale (consid. 3). Panorama della giurisprudenza riguardo a comportamenti religiosi di allievi in scuole pubbliche (consid. 4.2 e 4.3) e all'uso di simboli religiosi da parte della scuola stessa (consid. 4.4). Riferimento alla giurisprudenza della CorteEDU e di talune corti costituzionali straniere (consid. 4.5). Ingerenza nella sfera di protezione della libertà di credo e di coscienza; condizioni per la limitazione del diritto fondamentale (consid. 5 e 6). Base legale (consid. 7); esigenza d'interessi pubblici pertinenti (consid. 8); esame della proporzionalità (consid. 9 e 10).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.