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Justizze. Art. 86 HMG

Bundesgericht

Gewerbsmässiger Handel mit Viagra ohne Rezept: Konkrete Gesundheitsgefährdung nicht erwiesen, Sache zur neuen Beurteilung zurückgewiesen (Art. 86 Abs. 2 HMG)

BGE / ATF / DTF
BGE 135 IV 37 · ATF 135 IV 37 · DTF 135 IV 37
Datum
04.09.2008
Geschäftsnummer
BGE 135 IV 37
Abteilung
CH_BGE_006
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 86 HMG Art. 87 HMG

Zusammenfassung

Ein Beschwerdeführer wurde wegen gewerbsmässigen Handels mit dem verschreibungspflichtigen Arzneimittel Viagra ohne ärztliche Verschreibung verurteilt. Die Vorinstanz stützte die Qualifikation als Vergehen darauf, dass bei einer grossen Zahl wahllos beliefelter Kunden die Wahrscheinlichkeit einer Gesundheitsgefährdung sehr hoch gewesen sei. Der Beschwerdeführer rügt, es fehle am Nachweis einer konkreten Gefährdung bestimmter Personen, und beantragt Freispruch vom Vergehen sowie Umqualifizierung zur Übertretung.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut und weist die Sache zur neuen Beurteilung an das Kantonsgericht St. Gallen zurück. Das Gericht stellt fest, dass Art. 86 Abs. 2 HMG als konkretes Gefährdungsdelikt den tatsächlichen Eintritt einer Gesundheitsgefährdung bei bestimmten Personen erfordert und nicht bloss eine statistische Wahrscheinlichkeit genügt. Da Viagra nur für spezifische Risikogruppen gefährlich ist, muss nachgewiesen sein, dass tatsächlich Angehörige solcher Gruppen beliefert wurden. Die blosse Vermutung, unter vielen Kunden befänden sich Risikopatienten, erfüllt den objektiven Tatbestand des Vergehens gemäss Art. 86 Abs. 1 HMG nicht. Mangels entsprechender Feststellungen im angefochtenen Urteil ist unklar, ob die Voraussetzungen für ein Vergehen oder lediglich für eine Übertretung nach Art. 87 Abs. 1 lit. f HMG vorliegen. Die Vorinstanz hat daher zu prüfen, ob unter den von Januar bis Oktober 2002 belieferten Kunden Personen waren, für welche die Einnahme von Viagra eine konkrete Gefahr darstellte.

Die Entscheidung präzisiert die Abgrenzung zwischen Vergehen und Übertretung im Heilmittelgesetz und betont, dass bei Arzneimitteln mit risikospezifischer Wirkung die individuelle Betroffenheit nachgewiesen werden muss, um eine strafrechtliche Verurteilung wegen eines Gefährdungsdelikts zu begründen.

Regeste

Widerhandlung gegen das Bundesgesetz über Arzneimittel und Medizinprodukte (Heilmittelgesetz); Abgrenzung zwischen Vergehen (Art. 86 HMG) und Übertretungen (Art. 87 HMG). Der Vergehenstatbestand setzt im Unterschied zum Übertretungstatbestand die konkrete Gefährdung der Gesundheit von Menschen voraus. Die Abgabe eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels (im konkreten Fall "Viagra") ohne ärztliche Verschreibung an Dritte erfüllt den objektiven Vergehenstatbestand nur, soweit tatsächlich Angehörige von Risikogruppen beliefert wurden, für welche die Einnahme des Arzneimittels gefährlich sein kann. Dass sich unter der Vielzahl der wahllos belieferten Kunden wahrscheinlich auch Angehörige von Risikogruppen befanden, reicht zur Begründung einer konkreten Gefährdung der Gesundheit von Menschen nicht aus (E. 2.4). Regeste Violation de la loi fédérale sur les médicaments et les dispositifs médicaux (loi sur les produits thérapeutiques); différence entre les délits (art. 86 LPTh) et les contraventions (art. 87 LPTh). La commission des délits exige, contrairement aux éléments constitutifs des contraventions, une mise en danger concrète de la santé des êtres humains. La remise sans ordonnance d'un médicament qui ne peut être prescrit que par un médecin (dans le cas particulier du "Viagra") à un tiers remplit les conditions objectives du délit uniquement si ces substances sont effectivement livrées à des personnes à risque pour lesquelles la prise de ces produits peut être dangereuse. Le fait que parmi les nombreux clients livrés au hasard se trouvent certainement aussi des personnes à risque ne suffit pas pour fonder une mise en danger concrète de la santé des êtres humains (consid. 2.4). Regesto Infrazione alla legge federale sui medicamenti e i dispositivi medici (legge sugli agenti terapeutici); delimitazione tra delitti (art. 86 LATer) e contravvenzioni (art. 87 LATer). A differenza delle contravvenzioni, i delitti presuppongono una concreta esposizione a pericolo della salute delle persone. La dispensazione di medicamenti soggetti a prescrizione medica (in concreto "Viagra") a terzi sprovvisti di prescrizione medica adempie gli elementi oggettivi del delitto solo nella misura in cui gli interessati appartengono effettivamente a un gruppo a rischio per cui l'assunzione del medicamento può essere pericolosa. Per ritenere una concreta esposizione a pericolo della salute delle persone non è sufficiente che, tra la molteplicità dei clienti a cui è stato indistintamente consegnato il medicamento, figurino probabilmente anche persone appartenenti a un gruppo a rischio (consid. 2.4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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