Justizze.

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Justizze. Art. 124 BV

Bundesgericht

Asbestopfer erhält Entschädigung nach OHG trotz Tathandlung vor Inkrafttreten: Begehung der Straftat erst mit Erfolgseintritt (Art. 12 Abs. 3 OHV)

BGE / ATF / DTF
BGE 134 II 308 · ATF 134 II 308 · DTF 134 II 308
Datum
01.10.2008
Geschäftsnummer
BGE 134 II 308
Abteilung
CH_BGE_004
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 5 BV Art. 124 BV Art. 1 OHG Art. 2 OHG Art. 12 OHV Art. 125 StGB

Zusammenfassung

Ein Elektromonteur-Lehrling war in den Jahren 1963 bis 1967 ungeschützt Asbest ausgesetzt und erkrankte erst im Dezember 2005 an einem malignen Mesotheliom. Er reichte am 18. Juli 2006 ein Gesuch um Opferhilfe (Entschädigung und Genugtuung) ein. Die kantonale Opferhilfestelle trat nicht auf das Gesuch ein, da die mutmassliche Straftat vor dem Inkrafttreten des Opferhilfegesetzes am 1. Januar 1993 begangen worden sei. Das Sozialversicherungsgericht wies die Beschwerde ab. Nach dem Tod des Betroffenen führte seine Witwe und Alleinerbin das Verfahren weiter und beantragte die Aufhebung des Urteils sowie die Feststellung der Anwendbarkeit des Opferhilfegesetzes.

Das Bundesgericht hiess die Beschwerde gut und stellte fest, dass das Opferhilfegesetz anwendbar ist. Bei fahrlässigen Erfolgsdelikten wie der fahrlässigen Körperverletzung gemäss Art. 125 StGB mit grossem zeitlichem Abstand zwischen Tathandlung und Erfolgseintritt ist unter "Begehung einer Straftat" im Sinne von Art. 12 Abs. 3 OHV die Verwirklichung der subjektiven und objektiven Tatbestandsmerkmale zu verstehen. Für den zeitlichen Geltungsbereich der Bestimmungen über Entschädigung und Genugtuung ist somit nicht allein auf das sorgfaltswidrige Verhalten abzustellen, sondern entscheidend ist der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs.

Der opferbezogene Ansatz des Opferhilfegesetzes gemäss Art. 1 und Art. 2 Abs. 1 OHG verlangt, dass die Beeinträchtigung der körperlichen Integrität das legitime Bedürfnis begründet, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Da eine Straftat im Sinne des OHG erst mit dem Eintritt des strafrechtlich relevanten Erfolgs vorliegt, konnte im vorliegenden Fall erst mit der Diagnose des Mesothelioms im Januar 2006 von einer Begehung der Straftat gesprochen werden. Diese Auslegung entspricht dem Zweck des Gesetzes und steht im Einklang mit Art. 124 BV sowie dem Grundsatz von Treu und Glauben gemäss Art. 5 Abs. 3 BV. Die Vorinstanzen hatten den zeitlichen Geltungsbereich des Opferhilfegesetzes falsch ausgelegt, indem sie ausschliesslich auf den Zeitpunkt des sorgfaltswidrigen Verhaltens abstelltten.

Regeste

Art. 2, 11-17 OHG, Art. 12 OHV, Art. 98 und 125 StGB; Entschädigung und Genugtuung nach OHG, Geltungsbereich des OHG bei Straftaten mit grossem zeitlichem Abstand zwischen Tathandlung und Erfolgseintritt (Asbestopfer). Bei fahrlässigen Erfolgsdelikten mit grossem zeitlichem Abstand der Tathandlung zum Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs ist unter "Begehung einer Straftat" im Sinne von Art. 12 Abs. 3 OHV die Verwirklichung der subjektiven und der objektiven Tatbestandsmerkmale zu verstehen. Für den zeitlichen Geltungsbereich der opferhilferechtlichen Bestimmungen über Entschädigung und Genugtuung ist somit nicht allein auf das sorgfaltswidrige Verhalten abzustellen. Entscheidend ist vielmehr der Eintritt des tatbestandsmässigen Erfolgs solchen Verhaltens (E. 5). Regeste Art. 2, 11-17 LAVI, art. 12 OAVI, art. 98 et 125 CP; indemnisation et réparation morale selon la LAVI, champ d'application de la LAVI lorsque le résultat de l'infraction intervient longtemps après l'activité coupable (victime de l'amiante). En cas de délits de résultat commis par négligence, lorsqu'un grand intervalle de temps s'écoule entre l'activité coupable et le résultat constitutif de l'infraction, l'expression "infraction commise" au sens de l'art. 12 al. 3 OAVI doit s'entendre comme la réalisation des éléments constitutifs subjectifs et objectifs de l'infraction. Ainsi, l'application dans le temps des dispositions sur l'indemnisation et la réparation morale aux victimes ne dépend pas uniquement du comportement contraire au devoir de vigilance, mais bien plutôt du moment où en survient le résultat constitutif de l'infraction (consid. 5). Regesto Art. 2, 11-17 LAV, art. 12 OAVI, art. 98 e 125 CP; indennizzo e riparazione morale secondo la LAV, campo di applicazione della LAV nel caso di reati che comportano la decorrenza di un lungo tempo tra l'attività illecita e il suo risultato (vittima dell'amianto). Nel caso di reati di evento commessi per negligenza, quando il risultato costitutivo del reato si realizza dopo un lungo intervallo di tempo dall'attività illecita, quale "reato perpetrato" ai sensi dell'art. 12 cpv. 3 OAVI occorre intendere la realizzazione degli elementi soggettivi ed oggettivi costitutivi del reato. Per la validità temporale delle disposizioni sull'indennizzo e sulla riparazione morale alle vittime di reati non occorre fondarsi unicamente sul comportamento contrario ai doveri di diligenza, ma decisivo è piuttosto il risultato costitutivo di reato di tale comportamento (consid. 5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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