Beschuldigter im vorzeitigen Strafvollzug beantragt begleiteten Hafturlaub: Zuständigkeit nach neuer Rechtslage bei kantonaler Vollzugsbehörde, nicht bei Verfahrensleitung (Art. 236 Abs. 1 und 4 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 IV 288 · ATF 151 IV 288 · DTF 151 IV 288
- Datum
- 01.01.2025
- Geschäftsnummer
- BGE 151 IV 288
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Der Beschwerdeführer A., der sich seit dem 28. Juni 2022 im vorzeitigen Strafvollzug befindet, beantragte im August 2024 bei den Bewährungs- und Vollzugsdiensten des Kantons Zürich Vollzugslockerungen in Form von begleitetem Beziehungsurlaub. Diese leiteten das Gesuch am 19. August 2024 an die II. Strafkammer des Obergerichts des Kantons Zürich weiter, die als Verfahrensleitung für zuständig gehalten wurde. Der Präsident der II. Strafkammer entschied mit Präsidialverfügung vom 9. September 2024 mangels Zuständigkeit nicht in die Sache ein. A. erhob daraufhin Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht und beantragte die Aufhebung dieser Verfügung sowie die Zurückweisung der Sache zur materiellen Beurteilung. Streitig war insbesondere, ob die Verfahrensleitung oder die kantonale Vollzugsbehörde für die Beurteilung von Vollzugslockerungen im vorzeitigen Strafvollzug zuständig ist.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Revision von Art. 236 StPO per 1. Januar 2024 eine grundlegende Änderung der Zuständigkeitsregelung bewirkt hat: Die Entscheidung über Vollzugslockerungen im vorzeitigen Straf- und Massnahmenvollzug obliegt nunmehr – wie beim ordentlichen Vollzug – den kantonalen Vollzugsbehörden nach Massgabe der kantonalen Bestimmungen und nicht mehr der Verfahrensleitung. Diese neue Regelung folgt aus der systematischen Auslegung von Art. 236 Abs. 1 und 4 StPO, wonach der vorzeitige Vollzug nur noch dann bewilligt werden darf, wenn der Zweck der strafprozessualen Haft dem nicht entgegensteht; damit ist der Vollzug grundsätzlich dem Vollzugsregime unterstellt, dessen Lockerungen allein die Vollzugsbehörden regeln. Die Vorinstanz hatte daher zutreffend mangels Zuständigkeit nicht in das Gesuch um begleiteten Hafturlaub eingetreten. Das Bundesgericht verwies darauf, dass die kantonale Vollzugsbehörde die aktuelle Verfahrensleitung zur Stellungnahme auffordern kann, da der Beschwerdeführer seinen vorzeitigen Vollzug noch unter altem Recht erhalten hatte. Die Beschwerde richtete sich gegen einen Nichteintretensentscheid, der auf einer klaren Zuständigkeitsänderung beruhte, die durch Art. 236 Abs. 1 und 4 StPO getragen wird. Damit ist die Beschwerde unbegründet. Die Entscheidung klärt erstmals verbindlich die neu geschaffene Zuständigkeitsverteilung nach der Revision der StPO und stellt klar, dass die Verfahrensleitung keine Kompetenz mehr für Vollzugslockerungen im vorzeitigen Vollzug besitzt – auch wenn der Vollzug selbst unter altem Recht bewilligt wurde.
Regeste
Art. 236 Abs. 1 und 4 StPO; Voraussetzungen für die Gewährung des vorzeitigen Straf- und Massnahmenvollzugs; Zuständigkeit für Vollzugslockerungen im vorzeitigen Straf- und Massnahmenvollzug; Rückversetzung in die Untersuchungs- oder Sicherheitshaft. Seit Inkrafttreten des revidierten Art. 236 StPO per 1. Januar 2024 darf die Verfahrensleitung den vorzeitigen Straf- oder Massnahmenvollzug nur noch unter der Bedingung gewähren, dass der Zweck, zu dem die strafprozessuale Haft angeordnet wurde, dem vorzeitigen Vollzug nicht entgegensteht. Der vorzeitige Strafvollzug darf deshalb bei Kollusionsgefahr grundsätzlich nicht mehr gewährt werden (E. 3.5). Die Zuständigkeit für den Entscheid über Vollzugslockerungen im vorzeitigen Straf- und Massnahmenvollzug liegt seit der Revision von Art. 236 StPO nicht mehr bei der Verfahrensleitung, sondern neu bei den kantonalen Vollzugsbehörden nach Massgabe der kantonalen Bestimmungen. Diese können vor einem Entscheid über Vollzugslockerungen die Verfahrensleitung zur Stellungnahme auffordern. Die Verfahrensleitung darf die im vorzeitigen Strafvollzug befindliche beschuldigte Person von Amtes wegen zurück in die Untersuchungs- oder Sicherheitshaft versetzen, wenn einer beschuldigten Person, welcher der vorzeitige Strafvollzug unter altem Recht gewährt wurde, dieser nach neuem Recht nicht mehr bewilligt werden könnte (E. 3.7). Regeste Art. 236 al. 1 et 4 CPP; conditions d'octroi de l'exécution anticipée des peines et des mesures; compétence pour ordonner un aménagement du régime de l'exécution anticipée de peine ou de mesure; réintégration dans le régime de l'exécution d'une détention provisoire ou pour des motifs de sûreté. Depuis l'entrée en vigueur le 1 er janvier 2024 de l'art. 236 CPP révisé, la direction de la procédure ne peut autoriser l'exécution anticipée d'une peine ou d'une mesure qu'à condition que le but pour lequel la détention avant jugement a été ordonnée ne s'y oppose pas. Il en résulte qu'en principe, l'exécution anticipée d'une peine ne peut plus être accordée en cas de risque de collusion (consid. 3.5). Depuis la révision de l'art. 236 CPP, la compétence pour rendre une décision relative à un aménagement du régime de l'exécution anticipée d'une peine ou d'une mesure n'appartient plus à la direction de la procédure, mais aux autorités cantonales d'exécution selon les dispositions cantonales applicables. Ces autorités peuvent, préalablement à un prononcé concernant à un allégement du régime de l'exécution anticipée, solliciter une prise de position de la part de la direction de la procédure. Cette dernière peut d'office ordonner la réintégration du prévenu se trouvant en exécution anticipée de peine ou de mesure dans le régime de la détention provisoire ou pour des motifs de sûreté si ce prévenu bénéficiait du régime de l'exécution anticipée en application de l'ancien droit, mais n'aurait pas pu y être admis en application du nouveau droit (consid. 3.7). Regesto Art. 236 cpv. 1 e 4 CPP; condizioni per l'autorizzazione dell'esecuzione anticipata di pene e misure; competenza decisionale circa la concessione di alleggerimenti del regime di esecuzione nell'ambito dell'esecuzione anticipata di pene e misure; ricollocamento nella carcerazione preventiva o di sicurezza. Dall'entrata in vigore il 1° gennaio 2024 del revisionato art. 236 CPP, chi dirige il procedimento può autorizzare l'esecuzione anticipata di pene o misure unicamente a condizione che lo scopo della carcerazione prevista dal diritto processuale penale non vi si opponga. Pertanto, l'esecuzione anticipata della pena di principio non può più essere autorizzata in presenza di un pericolo di collusione (consid. 3.5). A seguito della revisione, la competenza decisionale circa la concessione di alleggerimenti del regime di esecuzione nell'ambito dell'esecuzione anticipata di pene e misure non è più di chi dirige il procedimento ma bensì dalle autorità cantonali di esecuzione conformemente alle norme cantonali. Tali autorità possono richiedere, prima di prendere una decisione circa la concessione di alleggerimenti del regime di esecuzione, una presa di posizione di chi dirige il procedimento. Quest'ultimo può ricollocare d'ufficio l'imputato che si trova in regime di esecuzione anticipata della pena nella carcerazione preventiva o di sicurezza se a tale imputato, a cui è stata autorizzata l'esecuzione anticipata della pena in applicazione del diritto previgente, una tale autorizzazione non potrebbe più essere concessa in applicazione del nuovo diritto (consid. 3.7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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