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Justizze. Art. 2 AVE

Bundesgericht

Fassadenbau-Betrieb mit prägender Tätigkeit bei verputzten und kompakten Fassaden untersteht weiterhin dem GAV FAR trotz Konkurrenz mit GAV VRM Maler-Gipser (Art. 2 Abs. 4 lit. d AVE)

BGE / ATF / DTF
BGE 151 III 168 · ATF 151 III 168 · DTF 151 III 168
Datum
23.10.2024
Geschäftsnummer
BGE 151 III 168
Abteilung
CH_BGE_005
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 2 AVE Art. 1 AVEG Art. 4 AVEG Art. 2 GAV Art. 13 GAV Art. 14 GAV Art. 356 OR

Zusammenfassung

Die Stiftung für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe (Stiftung FAR) klagte gegen die A. AG auf Zahlung von Vorsorgebeiträgen für die Jahre 2016 bis 2020. Die A. AG argumentierte, ab 1. Januar 2017 sei sie dem allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsvertrag Vorruhestandsmodell im Schweizerischen Maler- und Gipsergewerbe (GAV VRM Maler-Gipser) unterstellt und nicht mehr dem GAV FAR. Das kantonale Versicherungsgericht verpflichtete die A. AG zur Zahlung nur für das Jahr 2016, lehnte aber die Ansprüche für 2017–2020 ab. Die Stiftung FAR erhob Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten. Streitig war, ob die A. AG für die Zeit ab 1. Januar 2017 weiterhin dem GAV FAR untersteht oder ob der GAV VRM Maler-Gipser Vorrang hat.

Das Bundesgericht entschied, dass die Beschwerde teilweise gutzuheissen ist: Die A. AG schuldet der Stiftung FAR Vorsorgebeiträge auch für die Zeit vom 1. Januar 2017 bis zum 31. Dezember 2020. Dies ergibt sich daraus, dass der Betrieb der A. AG durch die Erstellung von verputzten und kompakten Fassaden geprägt ist und daher als Fassadenbau- und Fassadenisolationsbetrieb im Sinne von Art. 2 Abs. 4 lit. d AVE GAV FAR einzustufen ist. Die Abgrenzungsvereinbarung vom 14. November 2018, die von den Sozialpartnern beider Gesamtarbeitsverträge geschlossen wurde, enthält klare Kollisionsregeln: Betriebe, die ausschliesslich verputzte und kompakte Fassaden erstellen, unterstehen grundsätzlich dem GAV FAR – es sei denn, sie erfüllen sämtliche kumulativen Voraussetzungen der Ausnahmeregelung in Ziff. 3. Die A. AG erfüllt diese nicht, weil sie bis Ende 2016 Beiträge an die Stiftung FAR entrichtet hatte. Die Abgrenzungsvereinbarung ist gültig und anwendbar, obwohl sie nicht selbst allgemeinverbindlich erklärt wurde; denn die Allgemeinverbindlicherklärung eines Gesamtarbeitsvertrags kann nur dessen Geltungsbereich ausdehnen, nicht aber bestehende, von den Sozialpartnern vereinbarte Kollisionsregeln außer Kraft setzen (Art. 1 Abs. 1 und Art. 4 Abs. 1 AVEG). Daher sind die allgemeinverbindlich erklärten Bestimmungen des GAV FAR gegenüber denen des GAV VRM Maler-Gipser vorrangig. Die Höhe der Beiträge für 2017–2020 ist vom kantonalen Gericht neu festzulegen.

Die Entscheidung klärt, dass gesamtarbeitsvertraglich vereinbarte Kollisionsregeln auch bei konkurrierenden allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträgen massgeblich sind und das Spezialitätsprinzip nicht anwendbar ist, sobald solche Regeln existieren und gültig sind. Sie stärkt die Rolle der Sozialpartner bei der Regelung von GAV-Konkurrenzen und begrenzt die Auslegungsspielräume der Gerichte bei der Unterstellung von Betrieben in Fällen von Überschneidungen der Geltungsbereiche.

Regeste

Bundesratsbeschluss über die Allgemeinverbindlicherklärung des Gesamtarbeitsvertrages für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe (GAV FAR); Bundesratsbeschluss über die Allgemeinverbindlicherklärung des Gesamtarbeitsvertrages Vorruhestandsmodell im Schweizerischen Maler- und Gipsergewerbe (GAV VRM Maler - Gipser); Unterstellung bei GAV-Konkurrenz. Kollisionsregeln, die durch die Sozialpartner für den Fall einer Konkurrenz zwischen zwei Gesamtarbeitsverträgen gültig vereinbart wurden, sind auch dann zu berücksichtigen, wenn die konkurrierenden Gesamtarbeitsverträge im Rahmen von Allgemeinverbindlicherklärungen grundsätzlich gleichermassen anwendbar sind (E. 4.5.2). Regeste Arrêté du Conseil fédéral étendant le champ d'application de la convention collective de travail pour la retraite anticipée dans le secteur principal de la construction (CCT RA); arrêté du Conseil fédéral étendant le champ d'application de la convention collective de travail pour un modèle de préretraite dans l'industrie suisse de la peinture et de la plâtrerie (CCT MPR peinture - plâtrerie); assujettissement en cas de concurrence de CCT. Les règles de conflit valablement convenues par les partenaires sociaux en cas de concurrence entre deux conventions collectives de travail doivent être prises en compte même si les conventions collectives de travail concurrentes sont en principe applicables de la même manière dans le cadre d'extensions du champ d'application (consid. 4.5.2). Regesto Decreto del Consiglio federale che conferisce obbligatorietà generale al contratto collettivo di lavoro per il pensionamento anticipato nel settore dell'edilizia principale (CCL PEAN); decreto del Consiglio federale che conferisce obbligatorietà generale al contratto collettivo di lavoro per un modello di pensionamento anticipato nel ramo della pittura e gessatura (CCL MPA pittura - gessatura); assoggettamento in caso di concorrenza tra CCL. Le norme di conflitto, validamente concordate dalle parti sociali in caso di concorrenza tra due contratti collettivi di lavoro, devono essere prese in considerazione anche se i contratti collettivi di lavoro concorrenti sono in linea di principio applicabili nello stesso modo nell'ambito delle dichiarazioni di obbligatorietà generale (consid. 4.5.2).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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