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Justizze. Art. 80a AIG

Bundesgericht

Türkische Asylsuchende wird kurz vor Dublin-Rückführung nach Malta im Kantonalgefängnis festgehalten: Polizeigewahrsam zur Sicherstellung der Überstellung ist unzulässig, Zuständigkeit liegt beim Zwangsmassnahmengericht (Art. 76a und Art. 80a AIG)

BGE / ATF / DTF
BGE 150 II 57 · ATF 150 II 57 · DTF 150 II 57
Datum
03.08.2023
Geschäftsnummer
2C_142/2023
Abteilung
II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 70 AIG Art. 76a AIG Art. 80a AIG Art. 95 BGG Art. 36 BV Art. 28 Dublin-III-VO

Zusammenfassung

Eine türkische Staatsangehörige stellte in der Schweiz ein Asylgesuch, das vom Staatssekretariat für Migration nicht eingetreten wurde; sie wurde in den Dublin-Staat Malta verwiesen. Am 11. Juli 2022 nahm die Kantonspolizei Thurgau sie für die am nächsten Tag geplante Rückführung in Gewahrsam und brachte sie ins Kantonalgefängnis. Sie beantragte beim Zwangsmassnahmengericht die Haftprüfung, welches jedoch nicht eintrat, weil es keine Dublin-Haft sah. Gegen diesen Nichteintretensentscheid erhob sie Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau, das diese abwies und das Gesuch als polizeilichen Gewahrsam an das Präsidium des Verwaltungsgerichts weiterleitete. Sie legte Beschwerde ans Bundesgericht, um die Rechtswidrigkeit der Haft feststellen zu lassen und die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Das Bundesgericht musste klären, ob die Inhaftierung im Rahmen des Dublin-Verfahrens ausschliesslich zur Sicherstellung der Überstellung erfolgte und ob dafür der Polizeigewahrsam zulässig ist.

Das Bundesgericht hob das Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau auf und wies die Sache zur neuen Entscheidung zurück. Es stellte fest, dass die Beschwerdeführerin am 11. Juli 2022 für knapp 20 Stunden, darunter über Nacht, im Kantonalgefängnis V.________ festgehalten wurde, was eindeutig einen Freiheitsentzug im Sinne von Art. 28 Dublin-III-Verordnung darstellt. Die Inhaftierung erfolgte ausschliesslich zwecks Sicherstellung der Überstellung nach Malta, wie aus dem Auftrag der Kantonspolizei und dem zeitlichen Zusammenhang mit dem für den 12. Juli 2022 organisierten Flug hervorgeht. Keine Hinweise oder Behauptungen der Behörden deuten auf andere Gründe für den Gewahrsam hin, etwa Selbst- oder Fremdgefährdung oder Störung der öffentlichen Ordnung. Da eine Inhaftierung im Rahmen des Polizeigewahrsams gestützt auf kantonales Recht und das Zwangsanwendungsgesetz ausschliesslich zur Sicherstellung einer Dublin-Überstellung nicht zulässig ist, lag materiell eine Dublin-Haft nach Art. 76a und Art. 80a AIG vor. Für deren Rechtmässigkeitsprüfung war das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Thurgau zuständig, nicht das Präsidium des Verwaltungsgerichts. Damit war der Nichteintretensentscheid des Zwangsmassnahmengerichts und das darauf beruhende Urteil des Verwaltungsgerichts rechtswidrig. Der Kanton Thurgau hat die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin für das bundesgerichtliche Verfahren mit Fr. 2'500.-- zu entschädigen. Diese Entscheidung präzisiert die strikte Trennung zwischen Dublin-Haft und polizeilichem Gewahrsam und stellt klar, dass jede Haft zur Sicherstellung einer Dublin-Überstellung den strengen Voraussetzungen von Art. 76a und Art. 80a AIG sowie Art. 28 Dublin-III-Verordnung genügen muss.

Regeste

Art. 28 Dublin-III-Verordnung; Art. 76a und 80a AIG; Art. 6 und 19 ZAG; Polizeigesetz des Kantons Thurgau; Zulässigkeit von Polizeigewahrsam gestützt auf kantonales Recht und das ZAG zwecks Sicherstellung einer Rückführung im Anwendungsbereich der Dublin-III-Verordnung. Gegenüberstellung der Rechtsgrundlagen der sog. Dublin-Haft (E. 3.1) und des Polizeigewahrsams, insbesondere im Rahmen der Zwangsanwendung im Bereich des Asyl- und Ausländerrechts (E. 3.2). Art. 28 Dublin-III-Verordnung und dessen Umsetzung in Art. 76a und Art. 80a AIG stellen im Anwendungsbereich der Dublin-III-Verordnung Minimalgarantien für die Inhaftierung von ausländischen Personen zwecks Sicherstellung von Überstellungsverfahren auf (E. 3.3.1-3.3.5). Für Polizeigewahrsam gestützt auf kantonales Recht in Verbindung mit dem ZAG bleibt kein Raum, wenn dieser die Schwelle eines Freiheitsentzugs (E. 3.3.6) erreicht und die Inhaftnahme einzig zum Zweck erfolgt, eine Rückführung im Dublin-Verfahren sicherzustellen (E. 3.3.7). Anwendung auf den konkreten Fall (E. 4). Regeste Art. 28 du règlement Dublin III; art. 76a et 80a LEI; art. 6 et 19 LUsC; loi sur la police du canton de Thurgovie; admissibilité de l'arrestation provisoire en vertu du droit cantonal et de la LUsC en vue de garantir un retour dans le cadre du champ d'application du règlement Dublin III. Comparaison des bases juridiques de la détention dite Dublin (consid. 3.1) et de l'arrestation provisoire, notamment dans le cadre de l'utilisation de la contrainte dans le domaine du droit d'asile et du droit des étrangers (consid. 3.2). L'art. 28 du règlement Dublin III et sa mise en oeuvre aux art. 76a et 80a LEI établissent, dans le champ d'application du règlement Dublin III, des garanties minimales pour la détention d'étrangers, en vue de garantir les procédures de transfert (consid. 3.3.1-3.3.5). Il n'y a pas de place pour une arrestation provisoire fondée sur le droit cantonal en relation avec la LUsC si celle-ci atteint le seuil d'une privation de liberté (consid. 3.3.6) et si la détention a lieu dans le seul but d'assurer un retour dans le cadre de la procédure Dublin (consid. 3.3.7). Application au cas d'espèce (consid. 4). Regesto Art. 28 del regolamento Dublino III; art. 76a e 80a LStrI; art. 6 e 19 LCoe; legge sulla polizia del Cantone Turgovia; ammissibilità di un arresto provvisorio sulla base del diritto cantonale e della LCoe al fine di garantire un trasferimento in applicazione del regolamento Dublino III. Confronto tra le basi legali relative alla cosiddetta carcerazione Dublino (consid. 3.1) e quelle relative all'arresto provvisorio, in particolare riguardo all'uso della coercizione nell'ambito del diritto d'asilo e del diritto degli stranieri (consid. 3.2). Nel campo di applicazione del regolamento Dublino III, l'art. 28 del regolamento Dublino III e la sua concretizzazione negli art. 76a et 80a LStrI stabiliscono delle garanzie minime per la detenzione di persone straniere messa in atto per assicurare lo svolgimento delle procedure di trasferimento (consid. 3.3.1-3.3.5). Non vi è spazio per un arresto provvisorio fondato sul diritto cantonale in relazione con la LCoe, se esso raggiunge la soglia di una privazione della libertà (consid. 3.3.6) e la carcerazione avviene con il solo scopo di assicurare un trasferimento nel quadro della procedura di Dublino (consid. 3.3.7). Applicazione al caso concreto (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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